Sehen so Männer aus, die den Verstand verloren haben? Sebastian Tigges, Philipp Nagel und Christopher Leidinger stehen am Eingang der Markthalle IX, einem Backsteinbau im gentrifizierten Teil von Berlin-Kreuzberg. Tigges trägt einen dunklen Anzug, Nagel Birkenstock-Sandalen und Leidinger ein Zahnpasta-Lachen. Drei Freunde, die sich seit Studientagen kennen und nie in ihrem Leben eine engere Beziehung zu Spirituosen hatten, aber 2018 das Eierlikör-Start-up Rübbelberg gegründet haben.

Die Frage ist also durchaus berechtigt: Wie kommen drei Männer Anfang, Mitte dreißig darauf, ihr Erspartes in Eierlikör zu stecken? In ein Getränk, das auf achtzigsten Geburtstagen ausgeschenkt wird; das sich Mütter zu Hause über Vanille-Eis kippen und bei Junggesellinnenabschieden in schokoladenüberzogenen Waffelbechern getrunken wird? Mit anderen Worten: ein Alkohol, der ungefähr so Avantgarde ist wie Jack-Wolfskin-Jacken. Oder Phil Collins.

Natürlich seien sie überhaupt nicht verrückt geworden, sagt Christopher Leidinger, nachdem er mit den beiden anderen auf einer Holzbank in der Markthalle Platz genommen hat. Wenn es um Eierlikör gehe, lasse sich nämlich Erstaunliches beobachten: Fast jeder, den sie kennen, habe irgendeine Verbindung zu Eierlikör, erzählt Leidinger. Ein Freund habe ihnen gestanden, dass er jedes Jahr nach der Christmette mit seiner Familie vor der Kirche stehe und sich dort ein Eierlikörchen genehmige. Eine andere Freundin räumte ein, dass sie als Kind heimlich die Schüssel ausgeleckt habe, wenn die Eltern an Ostern Eierlikör machten. Eierlikör-Bekenntnisse, über die niemand von sich aus sprach. Es sei denn, er oder sie stand unter dem Einfluss anderer Spirituosen. In solchen Momenten käme auch heraus, dass die meisten Eierlikör eigentlich ganz gern mögen würden, sagt Leidinger. Nur zugeben würde das freiwillig wohl kaum jemand.

Die Drinks dieser Welt lassen sich, grob gesagt, in zwei Kategorien einteilen: Da sind jene, die man jederzeit in jeder Bar bestellen kann, ohne dafür vom Barkeeper schief angeschaut zu werden: Aperol Spritz, Whiskey Sour, Gin Tonic sind allgemein akzeptierte, wenn auch ein wenig langweilige Begleiter. Und da sind die anderen: jene, die in einer schrumpfenden Zielgruppe feststecken; die immer auch ein bisschen nach Alkoholproblem schmecken. Aquavit oder Weinbrand oder Doppelkorn trinkt man heute entweder aus Mangel an Alternativen. Oder ironisch, so wie junge Menschen hässliche Turnschuhe tragen.

Auch das Altherrengetränk Jägermeister wurde wieder ein Partydrink

Die gute Nachricht: Was Alkohol betrifft, gibt es nur wenige hoffnungslose Fälle. Gin galt einst als billiger Fusel. Die bekannteste Gin-Trinkerin war die britische Queen Mum, die sich Gerüchten zufolge bis ins hohe Alter täglich ein Glas einschenkte. Das abendliche Ritual mag der Königinmutter ein 101-jähriges Leben beschert haben, dem Image des Gins half es nicht. Das Ansehen des Wacholderschnaps stieg erst, als angesagte Bars anfingen, mit ihm zu experimentierten. Heute ist der Markt derart von lokalen, handgemachten Gins überschwemmt, dass man sich fragt, ob der Hype jemals enden wird.

Auch dem Altherrengetränk Jägermeister gelang kurz nach der Jahrtausendwende ein Comeback. Dank der sprechenden Hirsche Rudi und Ralph und leicht bekleideter Werbebotschafterinnen avancierte der Kräuterschnaps zum Partygetränk.

Trotz solcher Erfolgsgeschichten habe ihnen niemand geglaubt, als sie verkündeten, ausgerechnet den Eierlikör wiederbeleben zu wollen, erzählen die drei Berliner Unternehmer. Sogar ihre Freundinnen seien wenig begeistert gewesen, als sie ihren selbst entwickelten Eierlikör Wochenende für Wochenende auf Märkten verkauften und ihre Wohnungen zum Lager für Dutzende Flaschen umfunktionierten – die erste Charge, die sie bei einem Kornbrenner in Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben hatten.

Heute, ein Jahr später, ist aus der Schnapsidee ein "professionelles Hobby" geworden, wie Philipp Nagel es nennt. Rübbelberg ist unter anderem im Berliner KaDeWe und im Hamburger Alsterhaus erhältlich. Auch große Lebensmittelhändler wollen den neuen Eierlikör in ihr Sortiment aufnehmen. Manches dieser Angebote haben die Gründer nach eigenen Angaben abgelehnt. Eine Supermarktkette passe nicht zu ihnen, fanden sie.