Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

Mich stört die Rede von der "Erwählung" in der Kirche. Das klingt überheblich. Oft genug leitet sich daraus ein Anspruch ab, der herablassend auf Menschen guckt, die keine Christen oder die falschen Christen sind. "Seht her, wir haben den richtigen Weg gewählt."

Um es gleich zu Beginn noch zuzuspitzen: Der Gedanke der Erwählung, ein Wort, das in der ganzen Bibel anzutreffen ist, kehrt den Richtungssinn des Wählenkönnens um. "Nicht ihr habt mich erwählt, ich habe euch erwählt." Mit diesem Wort, das in der Bibel Gott selbst zugesprochen wird, ist jeder Form der Überheblichkeit der Grund entzogen. Angesichts des Zwangs zur Wahl, der schon vor einem Kühlregal zu hundert Entscheidungen führt, ist das in der Tat erst einmal eine Frechheit. Soll nicht der oder die Einzelne seine Religion, die grundsätzlichste aller Lebensüberzeugungen, genauso wählen können wie den Lebenspartner, den Lebensort, den Beruf, die Musik, die Kleidung? Oft genug wird das suggeriert, auch in der Sprache der Gottesdienste. "Entscheide dich!"

Im Christentum, das den Erwählungsgedanken in der Hebräischen Bibel übernommen hat, weil so die basale Beschreibung für das Verhältnis von Gott und Mensch beschrieben wird, hat die Theologie der Erwählung zu großen Konflikten geführt. Wenn Gott die einen erwählt, übersieht er dann die anderen? Lässt er sie links liegen, oder – schlimmer – verwirft er sie und verweigert ihnen seine Zuwendung? Wer von Erwählung redet, muss auch vom Gegenteil reden. Könnte man meinen. Allerdings nur, wenn das Bild der Erwählung einer Zähllogik folgt. "Suche alle Zahlen, die durch zwei teilbar sind." "Die roten Schuhe nehme ich, die grauen bleiben im Regal."

Die Bildsprache folgt aber nicht der Logik der Mathematik, sondern der Liebe. "Ich habe dich erwählt!" Als Liebeserklärung klingt der Satz schon anders. Die Asymmetrie der Liebe ist die schönste Überwältigung der Welt, wenn sie die Antwort des Gegenübers achtet. Das genau kommt in dem Bild der Erwählung zum Ausdruck. Keine Willkür, sondern eine unkonditionale Liebe.

Im Übrigen ist die Frage, wozu "erwählt" wird, ebenfalls nicht unerheblich. Die Antwort auf diese Liebe ist der "Glaube", im Grunde nichts anderes als eine kleine Geste, sich diese Liebe gefallen zu lassen – oder auch nicht. Keine Wahl zur religiösen Homecoming-Queen, kein Podium, keine Erwählung aufgrund außergewöhnlicher Leistungen, kein göttlicher Medaillenspiegel, nicht mal ein Heiligenschein. Wer die Erwählungsgeschichten der Bibel verfolgt, trifft auf Menschen, die zögern, bevor sie sich auf Gott einlassen. Sie ahnen, dass dieser Bund fürs Leben unbequem werden kann.

Erwählung zum Dienst an den Schwachen, zum "Zeugnis der Hoffnung für die ganze Welt", das ist fromme Sprache dafür, dass diese Erwählung das Leben umkrempeln kann, weil es einen anderen Lebensstil nahelegt, der von nun an fragt: "Was wäre Gottes Sicht der Dinge?" Leider ist "Erwählung" in der Kirchengeschichte in der Tat zur Lizenz für Überheblichkeiten vielerlei Art geworden, weil die Logik der Verwerfung den Blick trübte. Ein böses Argument für eine "weiße Kirche", für die "deutsche Herrenrasse", für die "Enterbung" des Judentums. Das darf nie vergessen werden.

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