Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Hier beschreibt sie ihre Kirche von innen – im Wechsel mit Erik Flügge. © Hannes Leitlein

Immer mal wieder höre ich, ich würde in dieser Kolumne zu viel schimpfen und fordern. Warum nicht auch hin und wieder über all das schreiben, was in der evangelischen Kirche richtig gut läuft? Und, beim großen Reformator, wir können gute Nachrichten gebrauchen. Keine Woche vergeht ohne neue Unheilsprophetie – weniger Geld, noch weniger Mitglieder – und ohne die entsprechenden Durchhalteparolen, was man jetzt alles erst recht tun müsse. Dabei wird die gute Nachricht vielerorts unspektakulär, aber verlässlich an den Menschen gebracht. Ich mag mit Vorliebe darüber schreiben, was ich gerne alles abschaffen, ersetzen und erneuern würde – letztlich liebe ich meine Kirche (ich muss es so unprotestantisch-emotional sagen, wie es ist).

So will ich mich heute damit begnügen, einige Beispiele aufzuzählen: Der Pfarrer einer Landgemeinde druckt vorsorglich 150 Liederzettel für den Familiengottesdienst. Als alle Zettel verteilt sind, kommen immer noch mehr Menschen. Oder: Eine Diakonin lädt den Konfirmandenjahrgang nach der Konfirmation zur Homecoming-Party ein, damit das Gemeindehaus auch ihr Zuhause bleibt. Und: Ältere Damen, die schon im Mai Strümpfe für den Weihnachtsbasar stricken. Was es auch noch gibt: Eine Gemeinde zieht in ihrer Kirche eine Glaswand ein, um unter einem Dach Gottesdienst feiern und Kirchenkaffee veranstalten zu können. Die Pfadfinder sind auch immer eine gute Nachricht wert. Und die Notfallseelsorge ist da, wenn Menschen die schlimmste aller Nachrichten übermittelt wird.

Es gibt außerdem tatsächlich richtig ansprechende Gemeindebriefe mit Themenschwerpunkten und gutem Layout. Und es gibt schöne Websites. Die Pastorin, die in ihrer Dorfkirche den Tisch zum Mutter-Kind-Frühstück deckt, ist da. Posaunenchöre ermöglichen für einen geringen Beitrag das Erlernen eines Instruments. Es gibt Kindergottesdienst mit Puppentheater und Adventsliedersingen in einer vollen Stadtkirche. Die Menschen, die ehrenamtlich mit einem zur Kirche umgebauten Bauwagen auf Wochenmärkte und Demos gegen rechts fahren und die Kirche buchstäblich zu den Menschen bringen, sind eine Erwähnung wert. Eine deutsche Auslandsgemeinde lädt zum Au-pair-Stammtisch alle Au-pairs der Stadt ein, sich bei Nudeln und Cola das Heimweh von der Seele zu reden.

Das alles stimmt mich zuversichtlich! So auch die Kirchengemeinde, die in der Passionszeit beim Klimafasten mitmacht. Oder 19-Jährige, die in den Kirchenvorstand gewählt werden. Die Gemeinde, die nur noch aus dem modernen Liederbuch singt, ist toll. Genauso wie der Kirchenkreis, der sich eine Pfarrstelle leistet, um Innovation in den Gemeinden zu unterstützen. Nicht zuletzt schätze ich: Gedenkandachten für Sternenkinder. Sie sehen, ich klage nicht immer nur, ich schätze so vieles an meiner Kirche.