Pressekonferenz am Vortag der diesjährigen Bayreuther Eröffnungspremiere mit Tannhäuser. Katharina Wagner, die Festspielleiterin, verkündet das Team für den Ring des Nibelungen 2020: Regie führen soll Valentin Schwarz, 29, dirigieren Pietari Inkinen, 39. Zwei Newcomer, zwei im Wagner-Business nahezu Unbekannte – und zwei Männer. Inkinen hat den Ring immerhin schon einmal dirigiert, 2013 in Melbourne, Australien (wovon es ein Video gibt). Und Schwarz machte an der Wiener Kammeroper und in Köln auf sich aufmerksam, nachdem er 2017 den Grazer Regie-Wettbewerb RingAward gewonnen hatte (freilich nicht mit Wagner, sondern mit Donizetti). Der gilt in der Branche als Karriereschleuder.

So weit, so überraschend – und so einhellig der Jubel: Vom "Generationenwechsel" auf dem Grünen Hügel wurde geschwärmt, von einer "fröhlichen Offensive" und überhaupt – war Patrice Chéreau nicht auch erst 31, als er 1976 seinen "Jahrhundertring" schmiedete? Fast klang das so, als wären Jugend und Unerfahrenheit künstlerische Kriterien (was sie so wenig sind wie Alter und Erfahrung), ja, als setzten die Festspiele gezielt auf die Magie des ersten Mals, um sich von sich selbst zu erlösen. Das immer gleiche Repertoire, von mehr oder weniger gleichen Meisterkünstlern exekutiert, das kann ermüden über die Jahre. Dann aber ging über Tannhäuser der Vorhang auf, und die Begeisterung verdrängte jedes andere Thema.

Von Tatjana Gürbaca sprach jedenfalls niemand mehr. Eigentlich hätte sie den Ring 2020 inszenieren sollen, nicht Valentin Schwarz. Nach monatelangen Auseinandersetzungen, so hören wir, brüten jetzt Anwälte über der Auflösung ihres Vertrags. Es geht um Geld und künstlerische Integrität, um Gesichtsverluste und Sprachregelungen und, wie immer in Bayreuth, ums große Ganze. Das Projekt sei aus "dispositionellen Gründen" gescheitert, heißt es, man habe sich über die Anzahl der Probentage nicht einigen können. Wird die nicht vorher festgelegt, fragt man sich? Gürbaca wäre die erste Frau seit der Uraufführung 1876 gewesen, die im Mekka der Wagner-Kunst den Ring inszeniert, das macht die Personalie bitter. Und wie kann sich ein Nachwuchstalent auf Umstände einlassen, die eine Kollegin mit Berufserfahrung inakzeptabel findet?

Man hört weiter, die Probenzeit sei kurzfristig nahezu halbiert und nach Protesten wieder aufgestockt worden; man hört auch, die Festspiele hätten Angebote über Angebote gemacht – erfolglos. Eventuell waren die nicht ernst gemeint. Oder Tatjana Gürbaca fehlte die Traute. Was ist los in Bayreuth?

Die Klage über das eiserne Probenkorsett der Festspiele ist nicht neu. Es war ganz einfach nie so, dass man auf der grünen Wiese lag, sich Bratwürste in den Mund wachsen ließ und die Kreativität kein Morgen kannte. Seit 2008 aber, mit dem Ende der Ära Wolfgang Wagner, wird der Festspielbetrieb wie ein Stadttheater geführt (Verwaltungsrat, Gewerkschaften, Rechnungshof inklusive). Das engt die Spielräume ein. Die Künstler, die nach Bayreuth kämen, müssten "professionell" sein, so formulieren es die Hügelverantwortlichen. Viele, die auf dem Hügel gearbeitet haben, sehen darin ein Synonym für "unkünstlerisch". Der legendäre Werkstattgedanke sei eine Lüge, der Nimbus Bayreuth eine Illusion. Nie habe man sich von den Gründungsidealen der Festspiele, von Richard Wagners postrevolutionärer Utopie einer freien Kunst, weiter entfernt als heute. Geworben wird gleichwohl damit, vor allem mit der Authentizität des Ortes.

Kunst und Professionalität schließen sich natürlich nicht aus. Tobias Kratzer etwa, der Tannhäuser-Regisseur, schien genügend (Proben-)Zeit zu haben, um die seine Inszenierung beherrschenden Videos komplett neu zu drehen, als sich die Darstellerin der Venus Anfang Juli verletzte und ausgetauscht werden musste. Geht doch! Geht doch? Vielleicht hat Bayreuth nie von etwas anderem gelebt als vom Dissens zwischen dem Nötigen und dem Möglichen, dem Machbaren und dem Wünschenswerten. Vielleicht braucht es eine latente Spannung des Ungenügens, auch strukturell, um den Laden am Laufen zu halten. Bayreuth zu lieben heißt eben, an Bayreuth zu leiden.

Nicht bloß die Erfolglosen, Zu-kurz-Gekommenen freilich zerreißen sich die Mäuler. So einfach ist es nicht. Ebenso wenig ist der Markt an allem schuld, die ach so raffgierigen Agenturen, die ihre Sänger ohne Rücksicht auf Verluste oder Probenpläne rund um den Globus hetzten. Diesen Mythos, sagt der Berliner Agent Boris Orlob (der den Tenor Andreas Schager vertritt, einen der beiden Siegfriede für 2020), zerstreue er gerne: Der Impressario-Typus vom Schlage eines Ronald Wilford, so er überhaupt noch vorkomme, sei ausgesprochen selten. "Ein Sänger hat sowieso seinen eigenen Kopf. Aber nach Bayreuth wollen sie alle, Bayreuth ist immer noch der Olymp!"