Vor einem Jahr hat Greta Thunberg zum ersten Mal vor dem schwedischen Parlament für mehr Klimaschutz gestreikt. Allein. Heute protestieren Millionen Kinder und Jugendliche in allen Teilen der Erde mit ihr. Anne Backhaus und Alice Bota haben mit fünf von ihnen gesprochen.

Fridays for Future

Salomée, 17, Las Vegas, USA

"Für uns in Las Vegas ist es nicht so leicht, zu streiken. Viele unserer Lehrer verstehen nicht, was wir da tun, und helfen uns auch nicht, den Unterricht aufzuholen. Deshalb gehen wir nicht jede Woche auf die Straße, sondern meist nur zu den großen Streikterminen. Inzwischen sind wir in unserer Streikgruppe ungefähr 50 Leute zwischen 13 und 25 Jahren.

Jüngere sind kaum dabei, weil die Eltern sich sorgen und das nicht erlauben. Denn Las Vegas ist eine verrückte und auch gefährliche Stadt. Und wenn wir streiken, gehen wir immer zum Justizgebäude, weil wir da gesehen werden. Dafür müssen wir aber eine Hauptstraße entlanglaufen, die gleich neben der bekannten Straße mit den ganzen Kasinos liegt. Kein sicherer Ort für Kinder.

Las Vegas befindet sich in der Wüste, und ich glaube, wir spüren den Klimawandel hier schon. Wir haben nun extreme Hitzewellen im Sommer, und im Februar hat es plötzlich geschneit. Das war total ungewöhnlich. Mir macht so was Angst. Darüber tausche ich mich in einem Gruppenchat mit Streikenden aus der ganzen Welt aus. Jeder kennt solche Veränderungen in seinem Land, das lässt einen echt nachdenklich werden. Ich hoffe, wir sind nicht zu spät dran, um wirklich noch etwas zu ändern."

Dalton, 11, Masaka, Uganda

"Wie viele andere Kinder in Uganda besuche ich ein Internat. Die Lehrer haben uns also immer im Blick und achten sehr darauf, dass wir am Unterricht teilnehmen. Deswegen streike ich nicht jeden Freitag, sondern bin immer nur bei den weltweiten Protesten dabei. Dafür muss ich allerdings einige Stunden mit dem Bus in unsere Hauptstadt Kampala fahren. Drei Mal habe ich das schon gemacht. Ich möchte auch unbedingt zum nächsten großen Streik im September!

© ZEIT-Grafik

Ich finde, es ist etwas Besonderes, dass ausgerechnet wir Kinder unsere Stimme erheben. Politiker hören uns ja sonst nicht zu. Jetzt, wo wir so viele sind, müssen sie das aber. Wir könnten jedoch noch viel mehr sein. Sonst verderben uns die Älteren unsere Zukunft. Ich versuche deshalb, so viele Kinder wie möglich zu überzeugen. In meiner Klasse wollte erst niemand mitmachen, inzwischen sind wir zu viert. Viele Kinder treffen sich vor den Streiks, und dann malen wir unsere Transparente zusammen. Auf meinem letzten stand: 'Wir kämpfen für unsere Zukunft!' Und das müssen wir wirklich alle, denn der Klimawandel ist vielleicht die größte Herausforderung, die die Menschheit je hatte. In Uganda steigen die Temperaturen. Es gibt mehr Dürren, dann regnet es gar nicht, aber auch plötzlichen ganz starken Regen, der alles überschwemmt. Das ist gefährlich. Wir dürfen keine Ruhe geben!"

Maria, 16, Moskau, Russland

"Im März war die erste Klima-Demonstration in Moskau, vorher hatte ich noch nie davon gehört. Das erste Mal bei den Protesten mitgemacht habe ich dann im Juni. Wir demonstrieren hier nicht jeden Freitag, weil es in Russland gar nicht so einfach ist, eine Genehmigung für so eine Demonstration zu bekommen. Kriegt man eine, dann oft nur für einen Ort am Rande der Stadt, wo einen eh keiner sieht. Im Juni und Juli durften wir aber im Zentrum von Moskau demonstrieren. Wir waren um die 40 Leute, für uns ganz schön viele, die Streiks sind ja noch ungewohnt.

Meine Eltern sind beide Biologen und verstehen, warum wir handeln müssen. Im Kleinen haben wir damit schon angefangen: Ich lebe seit Kurzem vegan, und wir trennen den Müll, obwohl der nächste Container weit weg ist. Das machen sonst sehr wenige in Russland. Wir bemühen uns auch, nicht mehr zu fliegen. Einige Kinder und Jugendliche verstehen nicht, warum ich all das tue. Aber gerade ändert sich etwas hier im Land. Wir haben in Sibirien in diesem Jahr schreckliche Waldbrände, so schlimm wie noch nie. Darüber berichten die Medien. Und inzwischen auch über unsere Bewegung. Die Menschen wachen auf. Natürlich ist das nicht nur uns zu verdanken. Aber ich habe das Gefühl, dass wir etwas verändern."

Lilly, 11, Zeist, Niederlande

"Drei Wochen nachdem Greta zum ersten Mal vor dem Parlament saß, habe ich ein Video von ihr im Netz gesehen. Von da an habe ich als Erste bei uns im Ort mitgestreikt und stand allein vor dem Rathaus. Meine Schilder von damals, auf denen 'Schulstreik für das Klima' und 'Es gibt keinen Planeten B' steht, benutze ich noch immer. Gerade war ich bei meiner 47. Demonstration.

Eine Schülerin bewegt die Welt: Greta Thunberg, 16 Jahre alt © Lærke Posselt/​VU/​laif

Der erste größere Protestmarsch in den Niederlanden war am 7. Februar. Das finde ich gerade für uns viel zu spät. Die Niederlande sind total flach. Wenn der Meeresspiegel wegen der Klimaerwärmung weiter steigt, werden wir überschwemmt. Mir ist das unheimlich. Wie können andere das ignorieren?

Ich poste viel dazu auf Facebook, Instagram und Twitter. Meine Mutter hilft mir dabei. Vor allem versteckt sie gemeine Kommentare, damit ich mir keine Sorgen mache. Manche sehe ich aber doch. Da steht dann zum Beispiel: 'Du bist nur ein Kind, sei still!' Solche und noch fiesere Nachrichten bekommt Greta auch. Das hat sie mir erzählt, als wir uns Ende letzten Jahres bei einem Streik in der Stadt Den Haag getroffen haben. Wir schreiben uns jetzt manchmal noch über WhatsApp, um uns gegenseitig aufzumuntern, wenn wir angefeindet werden."

Zoe, 16, Sydney, Australien

"Bei meinem ersten Streik im November waren ungefähr 1000 Leute. Einige in meinem Alter, aber auch viele Jüngere haben ihn organisiert. Ich war total begeistert, wie viel wir gemeinsam erreichen können. Wie viel Kraft wir zusammen haben. Seitdem bin ich bei möglichst vielen Streiks dabei.

Die Lehrer finden es gut, dass wir uns in die Politik einmischen, aber sie dürfen es natürlich nicht gut finden, wenn wir aus dem Unterricht gehen. Mich kostet es selbst Überwindung, mitten in der Stunde aufzustehen und den Klassenraum zu verlassen. Ich will ja was lernen. Aber es kommen immer mehr Schüler mit mir mit. Das hilft. Und wir schwänzen ja auch nicht, wir setzen uns für alle Menschen ein!

Bei unserem letzten Streik waren 30.000 Menschen, die mit selbst gebastelten Plakaten stundenlang in der Hitze herumliefen. Und alles wegen eines Mädchens: Greta. Es ist erstaunlich, was sie angezettelt hat!

Ich habe mir viel von ihr abgeguckt. Zum Beispiel lasse ich mich jetzt möglichst nicht mehr mit dem Auto abholen und verpacke mein Pausenbrot in einer auswaschbaren Dose anstatt in einem Plastikbeutel. So kleine Sachen eben. Aber irgendwie muss man ja anfangen. Das kann wirklich jeder."

Klimawandel
Es ist schlimmer als bisher befürchtet
Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können.