Denn sie wissen, was sie tun – Seite 1

Protestbewegung - China stationiert Truppen an Grenze zu Hongkong In Hongkong ist es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei gekommen. China forderte, dass die Protestierenden stärker bestraft werden. © Foto: Sebastian Wells/​OSTKREUZ

Es ist ein unwahrscheinlicher, naiver, geradezu irrwitziger Gedanke, dass die Demonstranten den Mächtigen in Peking Zugeständnisse oder gar freie Wahlen abtrotzen könnten. "Aber versuchen müssen wir es trotzdem", nuschelt Nick* hinter seiner Gasmaske.

Am vergangenen Samstag, kurz nach 20 Uhr in Tsim Tsa Tsui, der beliebten Touristenmeile im Hongkonger Stadtteil Kowloon: Hunderte sehr junge Protestierende in Schwarz, einige vermummt wie Ninjas, andere zum Kampf gerüstet wie Iron Man, springen aus den Metro-Ausgängen. Binnen Augenblicken haben sie mit Busschildern, Baustellenschrott und zerlegten Straßenabsperrungen die vierspurige Nathan Road blockiert. Nick, 24, kräftig gebaut, die Augen hinter einer Taucherbrille und die Haare unter einem Bauarbeiterhelm versteckt, schiebt sich durch die Menge und bereitet sich auf seinen Einsatz vor. Bei Tag arbeitet er als Programmierer, jetzt, bei Dunkelheit, beginnt seine Verwandlung: Nick ist "Wassermagier" in einem neuen Rollenspiel namens Hongkong Online, das die Radikalen unter den Demonstranten erfunden haben. Die Feuermagier, erklärt er, setzen Mülltonnen in Brand und werfen mit Molotowcocktails. Erdmagier zielen mit Steinen, Lichtmagier mit Laserpointern. Wassermagier wie er sind eine Art Feuerwehr: Nick drückt qualmende Tränengasbehälter mit einem Schweißerhandschuh aus.

"Abzug! Abzug!", ruft die Menge, aus der Polizeistation hinter der Shoppingmall haben Beamte gerade die ersten Salven Tränengas abgefeuert. Nick sprintet vor und verschwindet im beißenden Nebel, Minuten später kommt er zurück und rast in die Metrostation, die Sondereinsatzkräfte wenige Dutzend Meter hinter ihm her. Als er sich in Sicherheit gebracht hat, schaut er auf seinen blinkenden Smartphone-Bildschirm: Der Flashmob hat sich in Bewegung gesetzt, auf zur nächsten Station Tsuen Wan.

Ganz Hongkong ist inzwischen eine Kampfzone. Solange die Regierung die Demonstranten nicht erhört, wollen sie weiter Chaos stiften. Ihre Maximalziele werden sie wohl kaum erreichen. Das Regime in Peking will wiederum keine weitere Eskalation, findet aber auch keine Mittel, die Proteste zu befrieden.

Ein normales Wochenende in Hongkong sieht inzwischen so aus: Allein am Samstag errichten Nick und seine Mitstreiter nacheinander Straßensperren an acht Metrostationen. Es beginnt mit einer nicht genehmigten Demonstration am Nachmittag im Randbezirk Tai Po, danach schwärmen mehrere Gruppen in unterschiedliche Richtungen aus. Manche Protestteilnehmer studieren Politik, andere Jura oder Medizin, die Jüngsten gehen noch in die Mittelstufe. Mike*, 25, ein Freund von Nick, arbeitet als Beamter in einer Behörde. Er erlebe täglich, wie Peking-nahe Politiker ihrem Netzwerk Steuergelder zuschanzten, sagt er, seine Arbeit sei trostlos. Nachts, als Guerilla-Demonstrant, fühle er sich als Teil von etwas Größerem. "Wenn wir jetzt nicht für unsere Rechte kämpfen, wird es bald zu spät sein", sagt er.

© ZEIT-Grafik

Am Ende des Wochenendes meldet die Polizei mehr als hundert Tränengaseinsätze und 149 Festnahmen. Verkleidete Zivilbeamte mischen sich am Sonntagabend unter die Demonstranten und nehmen wahllos Menschen fest. Mutmaßlich von Peking angestiftete Gangster in roten Hemden, Mitglieder von Mafia-Gruppen, machen Jagd auf Protestierende. Eine junge Frau wird durch ein Bleigeschoss der Polizei gefährlich am Auge verletzt. Diese feuert nun auch Tränengas in Metroschächte hinein und schießt mit Gummipatronen auf die Demonstranten. Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei rufen Ärzte am Montag zum Streik auf. Ebenfalls am Montag blockieren Tausende Demonstranten den Flughafen; am Dienstagabend, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe, hält die Blockade an. Den Beweis, dass die Demonstranten annähernd so brutal vorgehen wie die Polizei, bleibt die Regierung schuldig. Doch der Ton aus Peking wird immer schriller: Unter den radikalen Demonstranten gebe es "Anzeichen von Terrorismus", sagt ein Sprecher.

Wann gibt es den ersten Toten und auf welcher Seite? Wird die Zentralregierung die Proteste niederschießen lassen? Unter den Demonstranten findet man immer mehr, die willens sind, ins Gefängnis zu gehen. Einige sind bereit zu sterben. Aber wofür? Darüber herrscht mitunter Verwirrung. Die große Mehrheit der Regierungsgegner fordert zumindest die endgültige Rücknahme des Gesetzes, das Auslieferungen an Festlandchina ermöglicht, an dem sich die gegenwärtige Krise entzündet hat, und außerdem eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt. Immer mehr Regierungsgegnern reicht das aber nicht mehr. "Befreit Hongkong, Revolution unserer Zeit" heißt der neue Slogan dieser Tage, zehntausendfach skandiert, an jeder Straßenecke als Graffiti gesprüht. Manche verstehen darunter die Wahrung der bisherigen Sonderrechte Hongkongs. Andere fordern freie Wahlen. Einige träumen von einem Stadtstaat und berufen sich auf den Urheber des Slogans: Der Unabhängigkeitsaktivist Edward Leung organisierte 2016 einen Aufstand im Stadtteil Mongkok, seitdem sitzt er im Gefängnis.

Der erste Generalstreik seit 50 Jahren

Denn sie wissen, was sie tun © Sebastian Wells/​OSTKREUZ (Hongkong, 9. - 11.8.2019)

Anders als im Juni gehen nicht mehr Millionen Menschen auf die Straße, aber die Kraft der Protestbewegung ist ungebrochen. Nick, der Tränengaslöscher, war einer der Radikalen, die am 1. Juli das Legislativratsgebäude stürmten. Auch unter den Demonstranten gab es damals Zweifel, ob die Provokationen zu weit gingen. Dann drosch ein weiß gekleideter Mob auf Protestierende und Passanten ein, wahrscheinlich von Peking geschickte Schergen. Bis heute ist keiner der Schläger angeklagt. Die Attacke hat die Bewegung wieder geeint. Wenn Nicks Guerilla-Truppe in diesen Tagen Barrikaden errichtet, stehen Erste-Hilfe-Teams und Hunderte Anwälte auf Abruf bereit. Per Zuruf und in Chatgruppen entscheiden die Studenten und Schüler spontan über ihr nächstes Ziel; kaum ein Stopp dauert länger als eine halbe Stunde. Eine Live-Karte, die ein Aktivist programmiert hat, warnt vor anrückenden Einsatzbussen der Spezialeinsatzkräfte.

Der flächendeckende Einsatz von Tränengas hat ironischerweise dazu geführt, dass bisher gleichgültige Anwohner in 13 von 18 Stadtteilen sich mit eigenen Augen von dem aggressiven Vorgehen der Polizei überzeugen konnten. "Wir Hongkonger sind eigentlich leicht zu kontrollieren, man muss nur sanft zu uns sprechen", sagt Mike, der Beamter und Aktivist zugleich ist. Doch Carrie Lam, die Regierungschefin, hat mit ihren jüngsten Auftritten die Wut der Bürger weiter angeheizt, in ihren Reden ist von Verfehlungen der Polizei keine Rede. Wie auch: Peking hat den Einsatzkräften offiziell grünes Licht gegeben, "alle notwendigen Maßnahmen" zu ergreifen.

Nach den "Hongkong-Müttern", Bankern und Anwälten solidarisieren sich nun auch Sozialarbeiter, Fluglotsen und Beamte mit der Jugend. Am Montag vor einer Woche nahmen Hunderttausende Angestellte am ersten Generalstreik in Hongkong seit mehr als 50 Jahren teil. In der Metro reichten Fremde den Flashmob-Demonstranten Snacks und Getränke. Pfarrer stellten Kirchen als Fluchtorte zur Verfügung. Senioren sprachen ihnen Mut zu. Schulkinder riefen "Gebt Gas!", als die Vermummten vorbeizogen. Aber es fielen auch andere Sätze: "Haut ab, ihr Kakerlaken!" Oder: "Fickt eure Mütter, ihr Landesverräter!"

Die Stimmung in der Bevölkerung wird entscheidend sein für den Fortgang der Proteste. Im Stundentakt berufen Regierung und Demonstranten deshalb Pressekonferenzen ein. Beide Seiten führen einen erbitterten PR-Krieg. Albert Fu, 60, Besitzer einer Suppenküche im Geschäftsviertel Sheung Wan, geriet unversehens zwischen die Fronten. "Endlich zeigt den Bälgern mal einer, wo es langgeht", soll er gerufen haben, als das Fernsehen Ende Juli die Mob-Attacke im Stadtteil Yuenlong übertrug. Fu selbst bestreitet das. Ein Gast zeigte sein Restaurant dennoch beim Hygieneamt an und rief auf Facebook zum Boykott auf. Dutzende Regierungsgegner bedrohten den Gastronomen daraufhin am Telefon.

Vor einem stacheldrahtbewehrten Tor in einem Villenviertel über dem Stadtteil Kowloon halten am Samstagmorgen fünf Pro-Peking-Demonstranten Schilder hoch. Auf einem steht: "Amerikanischer Hund!" Der Verleger Jimmy Lai, dem die Schmähungen gelten, blickt aus dem Fenster. Er ist Schlimmeres gewohnt: Molotowcocktails, Hackerattacken, 2008 entkam er einem Mordanschlag. Der 70-Jährige sitzt in einem mit Tuschemalereien und Renaissancekunst dekorierten Salon, neben dem Flügel zwitschern Ziervögel in einem geschnitzten Holzkäfig. Lai, Besitzer des mächtigen Boulevardblatts Apple Daily, ist der von Peking meistgehasste Medienmogul in der Stadt und eine der dienstältesten Figuren der hiesigen Pro-Demokratie-Szene. 1960, während der Großen Hungersnot unter Mao, floh er im Alter von zwölf Jahren auf einem Boot aus der südlichen Provinz Guangdong nach Hongkong. Als Teenager arbeitete er in einem Textilshop, später wurde er als Modeunternehmer reich. 1995 gründete er Apple Daily, das den Ruf eines antikommunistischen Kampfblattes hat. Mit Lust am Krawall graben seine Reporter Geschichten über korrupte Kader in Peking und ihnen hörige Bürokraten in Hongkong aus. Lai vermutet eine Strategie hinter den übermäßigen Polizeieinsätzen. "Die Regierung setzt darauf, dass es noch schlimmer kommt, bis einige Demonstranten oder Polizisten sterben und die Stimmung in der Bevölkerung umschlägt. Ob sie die Volksbefreiungsarmee schicken? Das glaube ich nicht." Hongkongs Wirtschaft sei weiterhin zu wichtig für China. "Aber sie insinuieren einen Armeeeinsatz, um Angst zu schüren." Im benachbarten Shenzhen fuhren demonstrativ gepanzerte Fahrzeuge der Militärpolizei auf.

Lai fährt fort und erzählt von seinem Treffen mit US-Außenminister Mike Pompeo und Vize-Präsident Mike Pence Anfang Juli in Washington. Der Westen, insbesondere die USA, müsse Hongkong nun kraft seiner moralischen Autorität unterstützen, fordert Lai: Denn im Straßenkampf, den die Jugend gegen die Regierung in Peking ausficht, entscheide sich die Widerstandskraft universeller Werte gegen einen immer übergriffigeren Autoritarismus. Aber besitzen die USA überhaupt noch die moralische Autorität, die Lai beschwört? Kann ausgerechnet ein Donald Trump Schützenhilfe für Demokratie in Hongkong leisten? "Trump ist authentisch", entgegnet Lai trotzig, immerhin biete er Peking die Stirn, während alle anderen nur redeten.

Das Dilemma von Chinas Machthabern

© Sebastian Wells/​OSTKREUZ (Hongkong, 9. - 11.8.2019)

Doch längst verlaufen die Frontlinien zwischen Demokratie und Autoritarismus auch innerhalb des Westens. Und die Bilder von einzelnen Demonstranten, die die britische oder die amerikanische Flagge schwenken – manche tragen sogar "Make America Great Again"-Mützen –, sind ein gefundenes Fressen für Pekings Propagandisten, die die Hongkonger Demonstranten als vom Westen angestiftete Umstürzler diskreditieren.

Aber auch das Dilemma von Chinas Machthabern wird in Woche zehn der andauernden Proteste immer dringlicher. Am 1. Oktober will die Führung den 70. Jahrestag der Volksrepublik mit einer pompösen Militärparade begehen, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Kommt Hongkong bis dahin nicht zur Ruhe, drohen die Fernsehbilder von chaotischen Straßenschlachten die Feierlichkeiten zu überschatten. Und schießt die Führung den Aufstand nieder, werden die Bilder ihre eigene Erzählung von Chinas "friedlichem Aufstieg" konterkarieren. Kurzum: Die Proteste weiterlaufen zu lassen, kann die KP sich nicht leisten. Sie niederzuwalzen, aber auch nicht.

Regina Ip wurde vergangene Woche mit 500 anderen Pro-Peking-Politikern und KP-nahen Geschäftsleuten zu einer Sitzung nach Shenzhen einberufen. Einen ganzen Tag lang beratschlagten Kader aus Peking mit den Mächtigen aus Hongkong, was nun zu tun sei. Montagmittag, als 10.000 Demonstranten gerade zum Flughafen marschieren, empfängt Ip in ihrem Büro in Hongkong. Die 68-Jährige ist Vorsitzende der konservativen New People’s Party, eine Hardlinerin. Sie trägt elegante Föhnwellen, ihr Blick ist scharf, ihre Worte sind es auch. Volksbefreiungsarmee, nein, das sei die allerletzte Lösung für den äußersten Fall: wenn die Regierungschefin gekidnappt oder das Regierungsgebäude in Brand gesetzt würde. Geschickt verweist Ip auf die Tatsache, dass die britischen Kolonialherrscher auf Massenproteste früher auch nicht zimperlich reagierten: 1966 verhaftete die britische Militärpolizei Tausende und erschoss einen Demonstranten, 1967 kam es während der Kulturrevolution zu einem weiteren Aufstand, der mit mehr als 50 Toten endete.

Ip holt ein gebundenes Büchlein hervor, das Basic Law, Hongkongs Mini-Grundgesetz von 1997. Freie Wahlen seien darin allenfalls als vages Ziel formuliert, nicht als Versprechen, sagt Ip. "Wir sind ein Teil von China, eine konfrontative Haltung gegenüber dem Festland hat keine Vorteile für Hongkong." Würden die Bewohner frei wählen dürfen und käme das Peking-kritische Lager an die Macht, "würde Hongkong in Flammen aufgehen", sagt sie. "Wir müssen mit der Zentralregierung zusammenarbeiten, und diese Leute könnten das nicht." Sie verstehe allerdings die Frustration der Jugendlichen. "Unser Handelsvolumen sinkt, die guten Jobs in der Stadt gehen immer öfter an Festlandchinesen." Sie springt noch mal in die Geschichte zurück: "Nach der Niederschlagung der Proteste legten die Briten in den Siebzigern ein großes Sozialprogramm auf, bauten vergünstigte Wohnungen und kurbelten die Wirtschaft an. Genau solche Reformen brauchen wir jetzt, sobald die Krawalle vorbei sind." Ihre Sätze klingen wie eine Bewerbung für die Nachfolge von Regierungschefin Lam.

Und die normalen Bürger, die wohlhabend sind und sich dennoch Demokratie wünschen? Für sie hat Ip eine Botschaft, die klingt wie eine Warnung: "Haltet euch fern."

* Name von der Redaktion geändert