Denn sie wissen, was sie tun © Sebastian Wells/​OSTKREUZ (Hongkong, 9. - 11.8.2019)

Anders als im Juni gehen nicht mehr Millionen Menschen auf die Straße, aber die Kraft der Protestbewegung ist ungebrochen. Nick, der Tränengaslöscher, war einer der Radikalen, die am 1. Juli das Legislativratsgebäude stürmten. Auch unter den Demonstranten gab es damals Zweifel, ob die Provokationen zu weit gingen. Dann drosch ein weiß gekleideter Mob auf Protestierende und Passanten ein, wahrscheinlich von Peking geschickte Schergen. Bis heute ist keiner der Schläger angeklagt. Die Attacke hat die Bewegung wieder geeint. Wenn Nicks Guerilla-Truppe in diesen Tagen Barrikaden errichtet, stehen Erste-Hilfe-Teams und Hunderte Anwälte auf Abruf bereit. Per Zuruf und in Chatgruppen entscheiden die Studenten und Schüler spontan über ihr nächstes Ziel; kaum ein Stopp dauert länger als eine halbe Stunde. Eine Live-Karte, die ein Aktivist programmiert hat, warnt vor anrückenden Einsatzbussen der Spezialeinsatzkräfte.

Der flächendeckende Einsatz von Tränengas hat ironischerweise dazu geführt, dass bisher gleichgültige Anwohner in 13 von 18 Stadtteilen sich mit eigenen Augen von dem aggressiven Vorgehen der Polizei überzeugen konnten. "Wir Hongkonger sind eigentlich leicht zu kontrollieren, man muss nur sanft zu uns sprechen", sagt Mike, der Beamter und Aktivist zugleich ist. Doch Carrie Lam, die Regierungschefin, hat mit ihren jüngsten Auftritten die Wut der Bürger weiter angeheizt, in ihren Reden ist von Verfehlungen der Polizei keine Rede. Wie auch: Peking hat den Einsatzkräften offiziell grünes Licht gegeben, "alle notwendigen Maßnahmen" zu ergreifen.

Nach den "Hongkong-Müttern", Bankern und Anwälten solidarisieren sich nun auch Sozialarbeiter, Fluglotsen und Beamte mit der Jugend. Am Montag vor einer Woche nahmen Hunderttausende Angestellte am ersten Generalstreik in Hongkong seit mehr als 50 Jahren teil. In der Metro reichten Fremde den Flashmob-Demonstranten Snacks und Getränke. Pfarrer stellten Kirchen als Fluchtorte zur Verfügung. Senioren sprachen ihnen Mut zu. Schulkinder riefen "Gebt Gas!", als die Vermummten vorbeizogen. Aber es fielen auch andere Sätze: "Haut ab, ihr Kakerlaken!" Oder: "Fickt eure Mütter, ihr Landesverräter!"

Die Stimmung in der Bevölkerung wird entscheidend sein für den Fortgang der Proteste. Im Stundentakt berufen Regierung und Demonstranten deshalb Pressekonferenzen ein. Beide Seiten führen einen erbitterten PR-Krieg. Albert Fu, 60, Besitzer einer Suppenküche im Geschäftsviertel Sheung Wan, geriet unversehens zwischen die Fronten. "Endlich zeigt den Bälgern mal einer, wo es langgeht", soll er gerufen haben, als das Fernsehen Ende Juli die Mob-Attacke im Stadtteil Yuenlong übertrug. Fu selbst bestreitet das. Ein Gast zeigte sein Restaurant dennoch beim Hygieneamt an und rief auf Facebook zum Boykott auf. Dutzende Regierungsgegner bedrohten den Gastronomen daraufhin am Telefon.

Vor einem stacheldrahtbewehrten Tor in einem Villenviertel über dem Stadtteil Kowloon halten am Samstagmorgen fünf Pro-Peking-Demonstranten Schilder hoch. Auf einem steht: "Amerikanischer Hund!" Der Verleger Jimmy Lai, dem die Schmähungen gelten, blickt aus dem Fenster. Er ist Schlimmeres gewohnt: Molotowcocktails, Hackerattacken, 2008 entkam er einem Mordanschlag. Der 70-Jährige sitzt in einem mit Tuschemalereien und Renaissancekunst dekorierten Salon, neben dem Flügel zwitschern Ziervögel in einem geschnitzten Holzkäfig. Lai, Besitzer des mächtigen Boulevardblatts Apple Daily, ist der von Peking meistgehasste Medienmogul in der Stadt und eine der dienstältesten Figuren der hiesigen Pro-Demokratie-Szene. 1960, während der Großen Hungersnot unter Mao, floh er im Alter von zwölf Jahren auf einem Boot aus der südlichen Provinz Guangdong nach Hongkong. Als Teenager arbeitete er in einem Textilshop, später wurde er als Modeunternehmer reich. 1995 gründete er Apple Daily, das den Ruf eines antikommunistischen Kampfblattes hat. Mit Lust am Krawall graben seine Reporter Geschichten über korrupte Kader in Peking und ihnen hörige Bürokraten in Hongkong aus. Lai vermutet eine Strategie hinter den übermäßigen Polizeieinsätzen. "Die Regierung setzt darauf, dass es noch schlimmer kommt, bis einige Demonstranten oder Polizisten sterben und die Stimmung in der Bevölkerung umschlägt. Ob sie die Volksbefreiungsarmee schicken? Das glaube ich nicht." Hongkongs Wirtschaft sei weiterhin zu wichtig für China. "Aber sie insinuieren einen Armeeeinsatz, um Angst zu schüren." Im benachbarten Shenzhen fuhren demonstrativ gepanzerte Fahrzeuge der Militärpolizei auf.

Lai fährt fort und erzählt von seinem Treffen mit US-Außenminister Mike Pompeo und Vize-Präsident Mike Pence Anfang Juli in Washington. Der Westen, insbesondere die USA, müsse Hongkong nun kraft seiner moralischen Autorität unterstützen, fordert Lai: Denn im Straßenkampf, den die Jugend gegen die Regierung in Peking ausficht, entscheide sich die Widerstandskraft universeller Werte gegen einen immer übergriffigeren Autoritarismus. Aber besitzen die USA überhaupt noch die moralische Autorität, die Lai beschwört? Kann ausgerechnet ein Donald Trump Schützenhilfe für Demokratie in Hongkong leisten? "Trump ist authentisch", entgegnet Lai trotzig, immerhin biete er Peking die Stirn, während alle anderen nur redeten.