© Sebastian Wells/​OSTKREUZ (Hongkong, 9. - 11.8.2019)

Doch längst verlaufen die Frontlinien zwischen Demokratie und Autoritarismus auch innerhalb des Westens. Und die Bilder von einzelnen Demonstranten, die die britische oder die amerikanische Flagge schwenken – manche tragen sogar "Make America Great Again"-Mützen –, sind ein gefundenes Fressen für Pekings Propagandisten, die die Hongkonger Demonstranten als vom Westen angestiftete Umstürzler diskreditieren.

Aber auch das Dilemma von Chinas Machthabern wird in Woche zehn der andauernden Proteste immer dringlicher. Am 1. Oktober will die Führung den 70. Jahrestag der Volksrepublik mit einer pompösen Militärparade begehen, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Kommt Hongkong bis dahin nicht zur Ruhe, drohen die Fernsehbilder von chaotischen Straßenschlachten die Feierlichkeiten zu überschatten. Und schießt die Führung den Aufstand nieder, werden die Bilder ihre eigene Erzählung von Chinas "friedlichem Aufstieg" konterkarieren. Kurzum: Die Proteste weiterlaufen zu lassen, kann die KP sich nicht leisten. Sie niederzuwalzen, aber auch nicht.

Regina Ip wurde vergangene Woche mit 500 anderen Pro-Peking-Politikern und KP-nahen Geschäftsleuten zu einer Sitzung nach Shenzhen einberufen. Einen ganzen Tag lang beratschlagten Kader aus Peking mit den Mächtigen aus Hongkong, was nun zu tun sei. Montagmittag, als 10.000 Demonstranten gerade zum Flughafen marschieren, empfängt Ip in ihrem Büro in Hongkong. Die 68-Jährige ist Vorsitzende der konservativen New People’s Party, eine Hardlinerin. Sie trägt elegante Föhnwellen, ihr Blick ist scharf, ihre Worte sind es auch. Volksbefreiungsarmee, nein, das sei die allerletzte Lösung für den äußersten Fall: wenn die Regierungschefin gekidnappt oder das Regierungsgebäude in Brand gesetzt würde. Geschickt verweist Ip auf die Tatsache, dass die britischen Kolonialherrscher auf Massenproteste früher auch nicht zimperlich reagierten: 1966 verhaftete die britische Militärpolizei Tausende und erschoss einen Demonstranten, 1967 kam es während der Kulturrevolution zu einem weiteren Aufstand, der mit mehr als 50 Toten endete.

Ip holt ein gebundenes Büchlein hervor, das Basic Law, Hongkongs Mini-Grundgesetz von 1997. Freie Wahlen seien darin allenfalls als vages Ziel formuliert, nicht als Versprechen, sagt Ip. "Wir sind ein Teil von China, eine konfrontative Haltung gegenüber dem Festland hat keine Vorteile für Hongkong." Würden die Bewohner frei wählen dürfen und käme das Peking-kritische Lager an die Macht, "würde Hongkong in Flammen aufgehen", sagt sie. "Wir müssen mit der Zentralregierung zusammenarbeiten, und diese Leute könnten das nicht." Sie verstehe allerdings die Frustration der Jugendlichen. "Unser Handelsvolumen sinkt, die guten Jobs in der Stadt gehen immer öfter an Festlandchinesen." Sie springt noch mal in die Geschichte zurück: "Nach der Niederschlagung der Proteste legten die Briten in den Siebzigern ein großes Sozialprogramm auf, bauten vergünstigte Wohnungen und kurbelten die Wirtschaft an. Genau solche Reformen brauchen wir jetzt, sobald die Krawalle vorbei sind." Ihre Sätze klingen wie eine Bewerbung für die Nachfolge von Regierungschefin Lam.

Und die normalen Bürger, die wohlhabend sind und sich dennoch Demokratie wünschen? Für sie hat Ip eine Botschaft, die klingt wie eine Warnung: "Haltet euch fern."

* Name von der Redaktion geändert