Es ist ein unwahrscheinlicher, naiver, geradezu irrwitziger Gedanke, dass die Demonstranten den Mächtigen in Peking Zugeständnisse oder gar freie Wahlen abtrotzen könnten. "Aber versuchen müssen wir es trotzdem", nuschelt Nick* hinter seiner Gasmaske.

Am vergangenen Samstag, kurz nach 20 Uhr in Tsim Tsa Tsui, der beliebten Touristenmeile im Hongkonger Stadtteil Kowloon: Hunderte sehr junge Protestierende in Schwarz, einige vermummt wie Ninjas, andere zum Kampf gerüstet wie Iron Man, springen aus den Metro-Ausgängen. Binnen Augenblicken haben sie mit Busschildern, Baustellenschrott und zerlegten Straßenabsperrungen die vierspurige Nathan Road blockiert. Nick, 24, kräftig gebaut, die Augen hinter einer Taucherbrille und die Haare unter einem Bauarbeiterhelm versteckt, schiebt sich durch die Menge und bereitet sich auf seinen Einsatz vor. Bei Tag arbeitet er als Programmierer, jetzt, bei Dunkelheit, beginnt seine Verwandlung: Nick ist "Wassermagier" in einem neuen Rollenspiel namens Hongkong Online, das die Radikalen unter den Demonstranten erfunden haben. Die Feuermagier, erklärt er, setzen Mülltonnen in Brand und werfen mit Molotowcocktails. Erdmagier zielen mit Steinen, Lichtmagier mit Laserpointern. Wassermagier wie er sind eine Art Feuerwehr: Nick drückt qualmende Tränengasbehälter mit einem Schweißerhandschuh aus.

"Abzug! Abzug!", ruft die Menge, aus der Polizeistation hinter der Shoppingmall haben Beamte gerade die ersten Salven Tränengas abgefeuert. Nick sprintet vor und verschwindet im beißenden Nebel, Minuten später kommt er zurück und rast in die Metrostation, die Sondereinsatzkräfte wenige Dutzend Meter hinter ihm her. Als er sich in Sicherheit gebracht hat, schaut er auf seinen blinkenden Smartphone-Bildschirm: Der Flashmob hat sich in Bewegung gesetzt, auf zur nächsten Station Tsuen Wan.

Ganz Hongkong ist inzwischen eine Kampfzone. Solange die Regierung die Demonstranten nicht erhört, wollen sie weiter Chaos stiften. Ihre Maximalziele werden sie wohl kaum erreichen. Das Regime in Peking will wiederum keine weitere Eskalation, findet aber auch keine Mittel, die Proteste zu befrieden.

Ein normales Wochenende in Hongkong sieht inzwischen so aus: Allein am Samstag errichten Nick und seine Mitstreiter nacheinander Straßensperren an acht Metrostationen. Es beginnt mit einer nicht genehmigten Demonstration am Nachmittag im Randbezirk Tai Po, danach schwärmen mehrere Gruppen in unterschiedliche Richtungen aus. Manche Protestteilnehmer studieren Politik, andere Jura oder Medizin, die Jüngsten gehen noch in die Mittelstufe. Mike*, 25, ein Freund von Nick, arbeitet als Beamter in einer Behörde. Er erlebe täglich, wie Peking-nahe Politiker ihrem Netzwerk Steuergelder zuschanzten, sagt er, seine Arbeit sei trostlos. Nachts, als Guerilla-Demonstrant, fühle er sich als Teil von etwas Größerem. "Wenn wir jetzt nicht für unsere Rechte kämpfen, wird es bald zu spät sein", sagt er.

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Am Ende des Wochenendes meldet die Polizei mehr als hundert Tränengaseinsätze und 149 Festnahmen. Verkleidete Zivilbeamte mischen sich am Sonntagabend unter die Demonstranten und nehmen wahllos Menschen fest. Mutmaßlich von Peking angestiftete Gangster in roten Hemden, Mitglieder von Mafia-Gruppen, machen Jagd auf Protestierende. Eine junge Frau wird durch ein Bleigeschoss der Polizei gefährlich am Auge verletzt. Diese feuert nun auch Tränengas in Metroschächte hinein und schießt mit Gummipatronen auf die Demonstranten. Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei rufen Ärzte am Montag zum Streik auf. Ebenfalls am Montag blockieren Tausende Demonstranten den Flughafen; am Dienstagabend, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe, hält die Blockade an. Den Beweis, dass die Demonstranten annähernd so brutal vorgehen wie die Polizei, bleibt die Regierung schuldig. Doch der Ton aus Peking wird immer schriller: Unter den radikalen Demonstranten gebe es "Anzeichen von Terrorismus", sagt ein Sprecher.

Wann gibt es den ersten Toten und auf welcher Seite? Wird die Zentralregierung die Proteste niederschießen lassen? Unter den Demonstranten findet man immer mehr, die willens sind, ins Gefängnis zu gehen. Einige sind bereit zu sterben. Aber wofür? Darüber herrscht mitunter Verwirrung. Die große Mehrheit der Regierungsgegner fordert zumindest die endgültige Rücknahme des Gesetzes, das Auslieferungen an Festlandchina ermöglicht, an dem sich die gegenwärtige Krise entzündet hat, und außerdem eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt. Immer mehr Regierungsgegnern reicht das aber nicht mehr. "Befreit Hongkong, Revolution unserer Zeit" heißt der neue Slogan dieser Tage, zehntausendfach skandiert, an jeder Straßenecke als Graffiti gesprüht. Manche verstehen darunter die Wahrung der bisherigen Sonderrechte Hongkongs. Andere fordern freie Wahlen. Einige träumen von einem Stadtstaat und berufen sich auf den Urheber des Slogans: Der Unabhängigkeitsaktivist Edward Leung organisierte 2016 einen Aufstand im Stadtteil Mongkok, seitdem sitzt er im Gefängnis.