Wir drucken Auszüge aus dem neuen Buch von Susanne Schröter "Politischer Islam. Stresstest für Deutschland" (Gütersloher Verlagshaus, 382 Seiten, 25 Euro). Es erscheint am 26. August.

Die islamisch geprägte Welt befindet sich am Scheideweg. Ein Teil der Muslime ist entschlossen, am Aufbau einer säkularisierten Moderne festzuhalten, ein anderer Teil treibt die Durchsetzung einer islamistischen normativen Ordnung voran. Auch in Deutschland ist diese Spaltung evident, fordern Vertreter des politischen Islams die Gesellschaft heraus. Staatlichen Akteuren fehlt oft das Wissen, um zu erkennen, mit wem sie kooperieren, und so arbeiten sie den Extremisten in die Hände.

Als zu Beginn des Jahres 2011 Tausende junger Menschen in Nordafrika und Westasien auf die Straßen gingen, um Freiheit und Gerechtigkeit zu fordern, als in Tunesien, Ägypten und Libyen autoritäre Potentaten gestürzt wurden, da glaubten westliche Intellektuelle, sie seien Zeugen eines Umbruches, der auch das Ende des politischen Islams bedeuten würde. Doch die Wahlen in Tunesien und Ägypten, der Staatszerfall in Libyen und die rasante Entwicklung des dschihadistischen Terrors zeigen, dass der kurze arabische Frühling in einen langen islamistischen Winter geführt hat.

Gegenwärtig expandiert der politische Islam nicht nur in arabischen Ländern. Er breitet sich in Asien bereits bis nach China aus und zieht sich in Afrika weit in den subsaharischen Süden hinein. In westlichen Staaten schlägt er überall dort Wurzeln, wo die muslimische Bevölkerung eine signifikante Größe darstellt. Auch in Deutschland.

Eine Studie Muslime in Deutschland der Hamburger Kriminologen Katrin Brettfeld und Peter Wetzels ergab bereits im Jahr 2007, dass 46,7 Prozent der Befragten die Befolgung der Gebote des Islams für wichtiger hielten als die Demokratie. Alarmierender noch waren die Befunde für die junge Generation: 21,4 Prozent der befragten Schüler hielten Gewalt für gerechtfertigt, um den Islam zu verbreiten, und 24 Prozent behaupteten, selbst zu Gewalt bereit zu sein, wenn es der islamischen Gemeinschaft diene. 49,3 Prozent aller muslimischen Schüler und 17 Prozent aller muslimischen Studenten waren davon überzeugt, dass Muslime, die im bewaffneten Kampf für ihren Glauben sterben, ins Paradies kommen.

Wer vermittelt diesen Fundamentalismus? Islamunterricht wird in Deutschland vor allem in den Gemeinden der großen Islamverbände angeboten. Dort findet eine Überhöhung der eigenen Religion und eine Abwertung der deutschen Gesellschaft statt. Dass dies kein Phänomen marginalisierter Schichten ist, kann man an deutschen Hochschulen beobachten. So stritten Studentengruppen jüngst für das Recht von Salafistinnen, mit Gesichtsschleier Prüfungen abzulegen, während andernorts kopftuchtragende Studentinnen versuchten, in Hörsälen eine geschlechtersegregierte Sitzordnung einzuführen.

2011 zählte eine Studie, die der Jenaer Kommunikationspsychologe Wolfgang Frindte für das Bundesinnenministerium durchgeführt hatte, 15 Prozent aller deutschen und 24 Prozent aller nichtdeutschen Muslime als "streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz". Ähnliche Daten erhob der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack im Jahr 2016 für Türkeistämmige.

Die Folgen zeigen sich im Alltag: Junge Frauen, die säkular aufgewachsen sind, verschleiern sich plötzlich und demonstrieren ihre neu erworbene Frömmigkeit durch floskelhafte Bekenntnisse und normative Spitzfindigkeiten. Sie weisen Mitschülerinnen darauf hin, dass es für muslimische Mädchen nicht statthaft sei, wie "eine Deutsche" herumzulaufen. Jungen schwadronieren vom täglichen Kampf gegen sexuelle "Gelüste" und haben plötzlich Probleme, in der Schule neben Mädchen zu sitzen. Das dahinterstehende Denken behindert nicht nur die Beheimatung junger Menschen in der Freiheit, es schadet dem Ansehen des Islams.

Die Mehrheit der Deutschen glaubt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Sie verbindet die zweitgrößte Weltreligion weniger mit hehren ethischen Prinzipien oder tiefer Spiritualität als mit Gewalt im Namen Gottes und einer Ablehnung westlicher Werte. Diese Assoziationen sind nicht einfach nur islamfeindlich, wie manche meinen, sondern haben Gründe. Dazu zählt neben dem Terrorismus auch die Distanz zu Deutschland, die sich in Jubelveranstaltungen für Erdoğan, Bekenntnissen zur Scharia oder dem Einfordern von Sonderrechten äußert. So manche islamische Vereinigung, die hierzulande als respektabler Partner der Politik gilt, wird von ausländischen Islamisten finanziert und gesteuert. Prominentes Beispiel ist die Ditib, der größte muslimische Dachverband, der vollständig unter Kontrolle der türkischen Religionsbehörde steht und durch Kriegspropaganda, antichristliche und antisemitische Homepages sowie durch Spitzeldienste für den türkischen Geheimdienst auffiel.

All diese Probleme resultieren aus dem Erstarken des politischen Islams. Er stellt eine Sonderform des Islams dar und sollte nicht als charakteristisch für die gesamte Weltreligion gesehen werden, die auch in Deutschland viele Facetten besitzt. Durch machtbewusstes Agieren seiner Funktionäre dominiert er jedoch zunehmend die Bühne staatlicher Islampolitik. Der politische Islam predigt den Vorrang des religiösen Gesetzes vor dem weltlichen. Das macht ihn im Kern demokratiefeindlich. Zu seiner Genderordnung gehören Geschlechtertrennung und Patriarchalismus, der partielle oder vollkommene Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit und die Fetischisierung der Bedeckung des weiblichen Körpers und Kopfes.