Der Mann in Park Young-Ais koreanischem Restaurant in Berlin wollte keine Bibel, er wollte ein Bier.

Das ist schon mehr als 20 Jahre her, Park Young-Ai erinnert sich aber noch immer gut daran. In ihrem Restaurant gab es nie Alkohol, normalerweise gehen solche Kunden schnell wieder, dieser Mann blieb. Er wollte wissen, was all die Tücher mit den Bibelversen an den Wänden sollten. "Ich habe viel Böses getan. Wird Gott mir vergeben?", habe er dann gefragt. Park Young-Ai sagte: "Alle Menschen sind sündig – aber wer an den Erlöser Jesus Christus glaubt, der ist gerettet."

Jedenfalls erzählt Park Young-Ai diese Geschichte heute so. Sie habe dem Mann daraufhin eine Bibel geschenkt und gemerkt, dass sie die Menschen mit ihrem Glauben erreichen kann.

Inzwischen ist die 71-jährige Köchin mit ihrem Restaurant umgezogen, vom noblen Charlottenburg nach Schöneberg. Alles anders, nur die Tücher mit den Bibelsprüchen hat sie mitgenommen. Ihr Laden heißt "Ixthys", griechisch für das christliche Symbol Fisch. Klein und einfach gehalten. Mittlerweile hat es Kultstatus unter den jungen, internationalen Leuten in Berlin. Aber auch alteingesessene Kiezkenner kommen gerne. Park Young-Ai spricht nicht so viel von ihren koreanischen Spezialitäten, wenn es um das Ixthys geht. Sie will ihre Gäste nicht nur bekochen, sagt sie, bestenfalls essen ihre Gäste hier Kimchi und werden dabei zu bibeltreuen Christen. "Ich bete, dass die Leute hier erkennen, dass Gott sie liebt!", sagt sie. Ein ambitioniertes Vorhaben in der Hauptstadt der Atheisten – nur 25 Prozent der Berliner gehören einer Kirche an.

Was bringt eine Koreanerin in Berlin dazu, eine Art Bibelimbiss zu betreiben? Was hat aus der ungläubigen Park Young-Ai eine fromme Christin werden lassen?

Ein Besuch vor Ort. Park Young-Ai steht gerade noch in der Küche, gleich habe sie Zeit für ein Gespräch, sie bittet Platz zu nehmen. Ein Blick in die Karte: Wer die Gerichte sucht, muss sich erst einmal durch etliche Glaubensbotschaften kämpfen. Oben das Johannesevangelium: "Die Sünde besteht darin, dass sie mich (Jesus Christus) ablehnen" – unten die vegetarischen Gerichte: "Tofu-Braten, scharf, 8,50 Euro". Weiter hinten dann eine Seite mit der Überschrift "Was ist Kimchi?" Darunter die Antwort: "Ein wahres Vitaminpaket!" Der fermentierte Kohl sei gut für Abwehrkräfte, Stoffwechsel, Verdauung. "Doch noch viel, viel reichhaltiger und wertvoller für uns Menschen ist: die Liebe unseres Herrn." Nicht nur auf den ersten Blick eine fragwürdige Strategie, die eigene Kochkunst zu bewerben.

Im Ixthys können genau 14 Menschen Platz nehmen. Hier kommen Leute her, die es unprätentiös mögen. Man sitzt eng beisammen. Es gibt keine Toilette. Man bestellt am Kücheneingang. Manche sagen, schlechter Service. Andere finden das cool, unverkrampft, irgendwie Berlin, authentisch.

Park Young-Ai bringt Bibimbap an den Tisch, ein koreanisches Nationalgericht, und nimmt Platz. "Vorsicht, scharf!", sagt sie. Durch ihre Brille strahlen dabei ihre dunklen Augen. Wer Park Young-Ai gegenübersitzt, könnte das Gefühl haben, der eigenen Oma zu begegnen, so herzlich ist sie. Dann erzählt sie von früher: "Ich war nie gläubig in der Jugend." Ihre Eltern waren zwar Buddhisten – aber für sie selber stand immer fest: "Nach dem Tod ist Tod!" Als Jugendliche habe sie viel gelesen: Schopenhauer, Nietzsche, Sartre. Damals lebte sie noch in Korea. Ihre Eltern waren verschuldet, ihr eigenes Leben ohne Perspektive. Sie sei auf der Suche gewesen, auch nach einem Sinn im Leben. Sie fand ihn nicht. Es folgten Traurigkeit und Depression. Von ihrem Ersparten kaufte sie sich immer wieder Valium-Tabletten. Eines Tages schluckte sie 25 Tabletten auf einmal. Aufgewacht ist sie kurz darauf im Krankenhaus. Es war sehr knapp.