Kinder und Kirche, das war lange Zeit eine völlig unbedenkliche Kombination. Kaum ein Ort, der für Kinder sicherer schien als Kindergottesdienste und kirchliche Jugendfreizeiten. Umgekehrt haben Kinder in der christlichen Botschaft eine zentrale Stellung inne. Nicht nur, dass Jesus ein Kind in die Mitte der Jünger stellt, um Letzteren eine Lektion zu erteilen. Gott selbst wird zum Kind, um uns alle etwas zu lehren: Kindern gehört das Reich Gottes, die Kleinen sind die wahrhaft Großen. Göttliche Dialektik.

Doch seit Beginn der Missbrauchskrise scheint das Verhältnis von Kirche und Kindern auf allen Ebenen ins Wanken geraten zu sein. Das merken wir an all dem, was mit dem Wissen um den Missbrauch und seine jahrzehntelange Vertuschung nun nicht mehr geht. Im Großen wie im Kleinen. In unseren Gemeinden wie im eigenen Leben. "In dulci jubilo" zum Beispiel mag man nun kaum mehr hören, geschweige denn singen. Das mag eine Kleinigkeit sein, aber die Diskrepanz zwischen der früher empfundenen Harmlosigkeit dieses Liedes und der heute von ihm ausgelösten Abscheu fällt drastisch aus. In der zweiten Strophe heißt es da: "O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh, tröst mir mein Gemüte, o puer optime, mit aller deiner Güte ..." Wer um die massenhaft von Klerikern verübte sexualisierte Gewalt gegen Kinder weiß, wer sich auch nur ein wenig mit Täterstrategien und Leidensgeschichten befasst hat, in dem rufen diese Zeilen unweigerlich das Bild des Missbrauchstäters wach, der sich mit solchen Worten an sein Opfer heranmacht. "Tröst mir mein Gemüte, o Kindlein zart und rein, durch alle deine Güte, o liebstes Jesulein" (so eine rein deutsche Fassung des Liedes) kann wohl in keiner katholischen Kirche mehr gesungen werden, ohne eine gewisse Beklemmung auszulösen. Das mag, wie gesagt, nur eine Kleinigkeit sein. Etwas, das sich durch eine sorgfältige Liederwahl vor den Weihnachtsgottesdiensten vermeiden lässt.

Was sich nicht so einfach umschiffen lässt, ist das Bild des nackten, nur in Windeln gewickelten Säuglings, das im Mittelpunkt der Weihnachtsfeier steht. Ebenso die Tatsache, dass Kindlichkeit, Gotteskindschaft, kindliches Vertrauen einen zentralen Platz im christlichen Glauben einnehmen. Christen nennen sich Kinder Gottes. Sie rufen Gott als ihren Vater an. Sie sprechen von der Kirche als ihrer Mutter. Christliche Gottesdienste, Bibeltexte, Gebete und Rituale sind voll von Eltern-Kind-Bildern. So sagt Jesus in Mk 10, 13–15: "Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." Das heißt, Christen müssen sich ihren Himmel nicht verdienen. Sie haben keinen Buchhalter-Gott, der eine Strichliste über Sünden und Verdienste führt und nur die Braven in den Himmel lässt und die Pflichtvergessenen in die Hölle stößt, sondern sie haben einen Vater zum Gott, der seine Kinder liebt, weil es seine Kinder sind, und der auch die größten Sünder in den Himmel lässt, wenn sie ihn in letzter Sekunde um Vergebung bitten. In Psalm 131 finden wir das wunderschöne Mutter-Kind-Motiv: "Ich ließ meine Seele ruhig werden in mir und still. Wie ein Kind bei seiner Mutter, ist mein Herz still, und Frieden ist in meiner Seele. Ich vertraue allein dir, Herr, mein Gott, heute und in Ewigkeit."

Es ist gerade dieses kindliche Vertrauen wider alle menschlichen Berechnungen und Kontrollimpulse, das den Reiz des Christlichen ausmacht. Wenigstens vom Anspruch her bedeutet Christsein, in einem grenzenlosen kindlichen Urvertrauen gegenüber diesem Gott zu leben, auch und gerade dann, wenn das Leben und der Glauben schwer werden. Denn gerade dann macht es den entscheidenden Unterschied, hoffen zu können, dass jener allmächtige gütige Vater einen auf wunderbare Weise aus schwerer Not befreien kann. Dieses Urvertrauen hat durch alle Jahrhunderte hindurch Menschen beflügelt und es ihnen ermöglicht, schier übermenschliche Herausforderungen und Gefahren auf sich zu nehmen, von Paulus über Katharina von Siena bis zu Maximilian Kolbe.

Schließlich bleibt das Motiv des göttlichen Kindes. Seine Nacktheit ist nicht zufällig. Sie symbolisiert seine physische Menschlichkeit und die unmittelbar mit ihr verbundene Verletzlichkeit. Der allmächtige Gott gibt sich ungeschützt in die Hände von Menschen. Wie das ausgegangen ist, wissen wir, denn wir kennen das andere zentrale Motiv des Christentums: das Kreuz, wo Jesus als Erwachsener – wieder nackt, mit nichts als einem Tuch um die Hüften – stirbt. Die zentrale Botschaft beider Bilder: Wer Verletzlichkeit riskiert, gewinnt. Denn nach dem Tod Jesu kommt seine Auferstehung und damit nicht nur die Überwindung des Todes, sondern auch der endgültige Triumph über die Logik der Gewalt. Die Prämisse dahinter: Aus der Logik der Gewalt kommen wir nicht heraus, indem wir zurückschlagen. Wir überwinden sie, wenn wir die Stärke haben, Hass mit Liebe zu beantworten. Die andere Wange hinhalten, sich selbst verletzlich machen, an der Begrenztheit des eigenen Lebens und seiner Möglichkeiten nicht zu verzweifeln, Demütigungen ertragen und Liebe schenken können, auch ohne Gegenliebe zu erwarten: Das ist die Logik der Erlösung. Das ist die DNA der christlichen Botschaft.

Wer so lebt, rechnet Verletzungen und Leiden – das Kreuz – mit ein. Es ist eine Art christliches Berufsrisiko, das im Extremfall bis zum Tod führen kann, einem Tod, den Christen dann Martyrium, Zeugnis, nennen. Denn mit diesem Tod wird eine Hoffnung bezeugt, ohne die das Risiko gar nicht hätte eingegangen werden können: Die Hoffnung, dass nach dem Tod ein neues Leben wartet. Der feste Glaube, dass es da über allem, jenseits der Weltgeschichte mit ihren Grausamkeiten, einen allmächtigen liebenden Vater gibt, der auf seine Kinder wartet und sie liebevoll nach Hause holt und der am Ende alles – wirklich alles – wiedergutmachen kann.

So weit, so gut – und vielleicht auch so schön. Eine herzerwärmende, kraftvolle Theologie der Kindheit, die ihren Platz im Herzen des christlichen Glaubens und Lebens hat. Was aber geschieht, wenn wir diesen Kern christlichen Lebens gegen das Licht unseres leidvollen Wissens um die Gewalt gegen Kinder in den Kirchen halten? Werden da nicht hässliche Schattenseiten sichtbar? Hat diese Logik Missbrauch nicht nachhaltig befördert? Ganz konkret sind hier Menschen voll kindlichen Vertrauens in Gott und seine Kirche einem bitteren Martyrium entgegengegangen. Kinder ebenso wie ihre Eltern. Denn auch Erwachsene bleiben für die Kirche Kinder: Kinder Gottes und Kinder der Mutter Kirche, denen es nicht zusteht, Fragen zu stellen oder gar Kritik zu üben und Kleriker zum Handeln aufzufordern.