Vielleicht haben einige Politiker im Sommerurlaub tatsächlich Goethe gelesen. Von ihm stammt der schöne Satz: "Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun." In Sachen Klimakrise jedenfalls scheinen die führenden Politiker des Landes nun offenbar wirklich in den Modus des Handelns zu wechseln, und so häuften sich zuletzt die Vorschläge für ganz konkretes Machen.

Eine Auswahl: Die SPD-Umweltministerin will Plastiktüten verbieten, der CSU-Entwicklungsminister den Export von Plastikmüll. Der Deutsche Tierschutzbund fordert (mitten in der Grillsaison!) eine Fleischsteuer, unterstützt von Politikern der Grünen, der SPD und der Union. Die CDU-Chefin regt eine Abwrackprämie für Ölheizungen an, der CSU-Chef einen früheren Ausstieg aus der Kohle, billigere Bahntickets und die Verankerung des Klimaschutzes im Grundgesetz. Fliegen steht selbstredend auch auf dem Index, diskutiert wird von einem innerdeutschen Flugverbot (Grüne) bis zur Verstaatlichung von Fluggesellschaften (Linke) so ziemlich alles. Und dann gibt es natürlich noch die CO₂-Bepreisung, eine jahrzehntealte, ziemlich einleuchtende Idee, die wohl noch nie so kurz vor der Umsetzung stand wie heute.

Es müsse Schluss sein mit "Pillepalle", sagte die Kanzlerin in der Fraktion

Alle diese Vorschläge beruhen auf derselben Einsicht: Unser auf fossilen Rohstoffen basierendes Leben muss endlich den Preis bekommen, den es tatsächlich hat, einschließlich der Schäden für Menschen, Tiere und Klima – und es kann so nicht weitergehen, wenn Überhitzung und Vermüllung des Planeten irgendwie begrenzt werden sollen. Die Fülle an Vorstößen zeigt zunächst einmal: Bewegung. Die Erkenntnis, tatsächlich tun zu müssen, scheint im Zentrum der Politik angekommen zu sein. Das ist eine gute Nachricht. Selbst die Kanzlerin befand, getrieben vom Höhenflug der Grünen und den medienwirksam streikenden Jugendlichen der "Fridays for Future"-Bewegung, dass die Größe der Herausforderung nach großen Lösungen verlange. In einer Fraktionssitzung Anfang Juni sagte Angela Merkel, die Kanzlerin der kleinen Schritte, dass nun Schluss sein müsse mit "Pillepalle".

Aber sind die jetzt diskutierten Maßnahmen wirklich mehr als das?

Beispiel Plastik: Ein Verbot von Kunststofftüten ist gut, tut aber auch nicht weiter weh, da ihre Nutzung ohnehin abnimmt, seit sie in den meisten Läden etwas kosten. Sinnvoller (und schmerzhafter) wäre eine umfassende Strategie etwa gegen Mikroplastik, das sich mittlerweile schon in Fischen findet und möglicherweise auch dem Menschen schadet. Eine Hauptquelle der Partikel ist Reifenabrieb, sprich: das Auto.

Beispiel Fleisch: Es klingt schön, durch eine Mehrwertsteuererhöhung auf Fleischprodukte das Leben von Nutztieren verbessern zu wollen. Allerdings sind diese Steuereinnahmen nicht zweckgebunden und kämen somit wohl kaum den Tieren zugute. Zielgerichteter wären Gesetze, die die Massentierhaltung einschränkten – gerade für Umwelt- und Klimaschutz: Die Fleischproduktion trägt massiv zu Waldrodungen, Wasserverseuchung und zum Treibhauseffekt bei. Wie ein Umsteuern aussehen könnte, zeigen die Niederlande: Da zahlt der Staat Abwrackprämien für Tierställe.

Beispiel Fliegen: Natürlich muss niemand von Frankfurt nach Berlin ein Flugzeug nehmen, wenn die gleiche Reise mit der Bahn nur wenig länger dauert. In der Flugscham-Debatte geht jedoch leicht unter, dass die Züge schon heute oft überfüllt sind. Und dass innerdeutsche Flüge laut Umweltbundesamt weniger als ein Viertelprozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen verursachen. Auch das sollte man einsparen – das Gesamtbild aber änderte sich dadurch kaum.

Zwischenbilanz der klimapolitischen Debatte dieses Sommers? Lauter erste Schritte, aber immer noch nicht mehr. Eher Pillepalle als großer Wurf. Den soll – jetzt aber wirklich! – das Klimakabinett bringen, das am 20. September "Eckpunkte für ein Maßnahmenpaket" zum Klimaschutz verabschieden will. Über die Form einer CO₂-Bepreisung wird noch gestritten, kommen aber soll sie, endlich.

Dass für den Ausstoß von CO₂ bezahlt werden sollte, weiß auch Angela Merkel schon lange. Einst erwirkte sie einen CDU-Beschluss zugunsten einer europäischen CO₂-Steuer. Merkel war damals Umweltministerin. Man schrieb das Jahr 1995. Knapp ein Vierteljahrhundert ist ungenutzt verstrichen. Nun hat Merkel fast keine Zeit mehr. In diesem Herbst entscheidet sich, ob sie die Wende zur Klimakanzlerin noch schafft.