Viele Köche verderben den Brei? In Wolfsburg wird das alte Sprichwort gerade Lügen gestraft: mit einem Kochbuch von Wohnungslosen und Bedürftigen mit ihren Lieblingsrezepten. Und das kam so: In der diakonischen Anlaufstelle "Carpe Diem" in Wolfsburg werden seit geraumer Zeit warme Mahlzeit ausgeteilt. Doch die diakonische Einrichtung reicht das Essen nicht einfach mehr so durch. Die Leiterin Jasmin Hinze ermunterte zur aktiven Mitarbeit. Jetzt kochen arme und ehemals Obdachlose die Gerichte, die ihnen etwas bedeuten, selbst und teilen sie mit anderen.

Mit der Zeit kam dadurch ein beachtlicher Fundus internationaler Rezepte zusammen. Das brachte Hinze und ihr Team auf die Idee, daraus ein Kochbuch zu machen. Es fand sich bald eine renommierte Werbeagentur, die die Gerichte in einem professionellen Foodstyling im Hochglanz-Look ablichtete. Optisch braucht sich dieses Buch nicht hinter Edelfolianten von Meisterköchen zu verstecken. Am 24. August wird das Werk Wolfsburger Kochgeschichten. So schmeckt das Leben in kleiner Auflage veröffentlicht. Darin finden sich 24 Lieblingsrezepte von Treff-Besuchern.

Die Bitterstoffe, die in diesem Kochbuch allenfalls vorkommen, finden sich weniger in der Zutatenliste einzelner Rezepte als vielmehr in den Lebensbeschreibungen der Köche. Sie erzählen aber auch tröstliche Episoden, in denen das Lieblingsrezept "Hähnchenschnitzel" einem Heimkind wie Thomas Krücker die Zuwendung der Pflegeeltern verdeutlichte. Essen sollte ein Akt der Achtung und nicht der Ächtung sein. Es kann auch ein Weg sein, die Selbstachtung wiederzuerlangen. Man denke nur an Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln nach übrigen Vesperbroten fragen oder im Abfall nach Essbarem fischen. Jasmin Hinze geht es laut einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes (epd) darum, zu zeigen, "dass Betroffene trotz ihrer Notlage Stärken mitbringen, von denen auch andere etwas lernen können".

Die Selbstbestimmung ist dabei ein wesentliches Element. Als zynisch empfanden 2008 die Sozialverbände den Vorstoß des damaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin, der in einem Selbstversuch bewiesen haben wollte, dass ein Hartz-IV-Empfänger mit einem von ihm erstellten Speiseplan den damaligen Tagessatz von 4,25 Euro um 50 Cent unterbieten kann. Vorausgesetzt, er konsumiert keinen Alkohol.

Das "Carpe Diem" in Wolfsburg geht einen anderen Weg. Im Mai bereiteten 24 Köche in der Showküche der Autostadt ihre Gerichte, dort wurden das Essen und die Protagonisten professionell in Szene gesetzt. Der Erlös des Kochbuchs soll dem Erhalt und Ausbau der Einrichtung zugute kommen. Und so viel sei verraten: Ein Sternekoch hat diese Rezepte noch ein wenig verfeinert.

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