© Illustration: Monja Gentschow für DIE ZEIT

Es heißt nicht Breuch, sondern Brooch, Korschenbrooch, und damit herzlich willkommen am Niederrhein. Der Bahnhof der 33.000-Einwohner-Gemeinde Korschen­broich ist bloß eine Sta­tion der S-Bahn-Linie 8, sechs Minuten bevor der Zug in Mönchengladbach endet. Wenn nicht gerade Unges Pengste oder City-Lauf ist, steigen hier meist nur Pendler aus. Oder Sie.

Losmarschiert in Richtung Hindenburgstraße, vorbei an der Seniorenresidenz. Die hat man vor vier Jahren gleich neben die vorbeidonnernden Züge gesetzt – offenbar dachte man, die Insassen hörten sie eh nicht.

An Massagestudio und Optiker vorbei, die Hindenburg hinunter. Vor der Sparkasse stoßen Sie auf den "K-Läufer". Die Skulptur, tatsächlich ein K-förmiger Läufer, ist das Maskottchen des City-Laufs, auf den man sehr stolz ist. Jedes Frühjahr rennen hier ein paar Tausend Leute viele Runden im Kreis.

Die Straße führt weiter ins Zentrum, zu erkennen an Kirchturm und Kopfsteinpflaster. Sie aber biegen nach rechts in die schmale Hannengasse, dann sehen Sie auch schon Corry’s Fisch­ecke. In dem weiß gefliesten Thekenraum baumeln große Plastikfische von der Decke. Sie sind hoffentlich früh genug dran. Denn Corry, also Cornelia, verkauft hier nicht nur frische Fische. Bis eine halbe Stunde vor Ladenschluss tunkt sie auch Filets in Teig und wirft sie in die Fritteuse. Corrys Backfisch ist sehr beliebt in der Stadt. Gönnen Sie sich einen; dann wissen Sie, warum.

Gut gestärkt? Folgen Sie der Regel: Fisch will schwimmen. Lassen Sie die Hannengasse am Hannen-Center hinter sich und überqueren Sie den Hannenplatz. An Hausnummer 4 kommt zusammen, was Korschenbroich ausmacht: Schützenfest und Altbier. Schauen Sie über den Eingang des frei stehenden Hauses mit den jägergrünen Fensterläden. Dort prangt ein Schild, "Hannen Stammhaus Anno 1716".

Über viele Jahre wurde hier das Bier gebraut, das einmal zu den beliebtesten der Bundesrepublik gehörte: Hannen Alt. Bis 1975 brauten sie im Ortskern Obergäriges, dann war Hannen zu groß und Korschenbroich zu klein, die Brauerei bezog eine größere Anlage in der Nähe. Vielleicht war das der Anfang vom Ende. Heute jedenfalls trinkt auch am Niederrhein kaum noch jemand Hannen Alt.

Deswegen rate ich Ihnen zum Bolten Alt, das gibt es schräg gegenüber vom ­Hannenplatz, im Brauhaus zum goldenen Handwerk. Noch ist Bolten Alt eine lokale Spezialität, gebraut im Ortsteil Neersbroich. Aber wenn es auch mal groß rauskommt, können Sie sagen, Sie kennen es schon.

Im alten Hannenhaus wohnt inzwischen der Bezirksbundesmeister der Schützenbruderschaften. Im Rheinland erhebt einen das fast schon in den Adelsstand, erst recht in Korschenbroich, wo eines der größten Pfingstschützenfeste gefeiert wird. Manche der etwa tausend Schützen reisten zuletzt sogar aus Kamerun, Argentinien und Australien an, Tradition verpflichtet. Und so heißt es im Korschenbroicher Pfingstlied: "Vom hohen Turm es beiert, Unges Pengste wird gefeiert." Schon seit Jahrhunderten kümmern sich dann die Beiermänner ums Beiern, wie das Schlagen der Kirchenglocken heißt. Die Melodie soll der Umgebung vom Schützenfest künden – nicht dass es noch jemand vergisst! Unges Pengste bedeutet übrigens nichts anderes als "Unser Pfingsten".

Blöd nur, dass Pfingsten lange vorbei ist und der City-Lauf erst recht. Aber ein bisschen was kann Korschenbroich Ihnen auch jetzt noch bieten: den Vorort Liedberg. Am besten, Sie nehmen sich ein Taxi, es sind nur zehn Minuten.

Lassen Sie sich an der Liedberger Kirche absetzen. Von dort führt die Schloßstraße den namensgebenden Hügel hinauf, der im niederrheinischen Felderflachland zum Berg wurde und heute unter Naturschutz steht. Spazieren Sie die Kopfsteingasse entlang, vorbei an weißen Fachwerkfassaden, und biegen Sie noch vor der Kapelle rechts ab, weiter bis auf den kleinen Marktplatz. Über Ihnen thront das Schloss, erbaut aus dem Liedberger Sandstein, auf dem Sie nun stehen. Den haben seinerzeit schon die Römer abgebaut.

Die Mühlengasse hinauf sehen Sie den Mühlenturm, den Bergfried der ersten Burg, die einst auf dem Hügel stand. Erklimmen Sie ihn, am Wochenende ist er für alle offen. Genießen Sie den Ausblick über Liedberg, die Felder und die ganze Stadt. Im ältesten Teil Korschenbroichs waren sie alle schon: Neandertaler, Römer und Ritter. Echte Schützen eben.