Andrzej Wróblewski reflektiert in seinem Gemälde "Execution VIII" (1949) das Grauen des Zweiten Weltkriegs. © Andrzej Wróblewski "Surrealist Execution (Execution VIII), 1949"; (Foto: Prisma/​Album/​akg-images)

Wir haben es uns angewöhnt, die autoritären Tendenzen der ehemaligen Ostblockstaaten als Folge des Umbruchs von 1989 zu deuten. Die Abwertung der Lebensläufe, die Herzenskälte des Kapitalismus, die Deindustrialisierung ganzer Landstriche werden als Quelle einer fundamentalen Desorientierung gesehen. Die Wahl der PiS, Orbáns oder der AfD erweist sich aus dieser Perspektive als die fehlgeleitete Neigung, Ordnung in eine überfordernde Gegenwart zu bringen und einfachen Antworten für komplexe Probleme zu erliegen. Im Zweifel, wie man es jüngst in einem ARD-Dokumentarfilm erneut suggeriert bekam, war es die neoliberale Treuhand, die den ostdeutschen Populismus zu verantworten hat.

Dass diese Analyse der östlichen Befindlichkeiten selbst wenig komplex sein könnte, zumindest sehr unvollständig, ahnt, wer sich Andrzej Leders großen Essay Polen im Wachtraum vornimmt. Er nimmt sich darin der Mentalitätsentwicklung in ihrer longue durée an und konzentriert sich dafür auf die Jahre 1939 bis 1956, die er – am Beispiel Polens – als konstantes Revolutionsgeschehen auffasst. Dass diese Revolutionsjahre zumeist ohne eigene Gewaltakte der polnischen Bevölkerung vonstattengingen, sondern diese von anderen begangen wurden, ändert nichts an den sozialen Effekten: Leder lenkt den Blick auf die polnischen Profiteure sowohl der Judenvernichtung als auch der Entmachtung und Enteignung der landadligen Eliten durch die Sowjetunion. Die Barbarei der Nazis und der Sowjets eröffnete den katholisch-ländlichen Bevölkerungsschichten erstmals große gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten, was bis heute die Mentalität des Landes prägt. Anders als im Westen vollzog sich im Osten ein grundlegender und gewaltsamer Umsturz der Besitzverhältnisse über das Kriegsende hinaus.

Die Nutznießer, die die Revolutionsjahre häufig schamvoll beobachteten, zum Teil heimlich begrüßten und schließlich die frei gewordenen Pöstchen einnahmen, verdrängten die eigene historische Rolle, um sich selbst ausschließlich als Opfer zu installieren. Sie entkamen einst dem "Idiotismus des Landlebens" (Karl Marx) und besaßen nun die Schnapsbrennerei der jüdischen Familie, im Kommunismus waren sie dann immerhin Geschäftsführer des staatlichen Betriebs und schickten den Sohn an die Universität. Leder zeichnet zahlreiche derartige Lebensläufe nach und zeigt das Problem heutiger Polen auf, sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen. Im Sozialismus Polens (und in der DDR war dies nicht anders) stellte sich die Frage nach der eigenen Verantwortung eben nicht. Die Ostblockländer waren per definitionem antifaschistisch und hatten eine blütenrein unschuldige Bevölkerung.

Das vor fünf Jahren auf Polnisch erschienene Buch des 1960 geborenen Warschauer Kulturphilosophen hat – in Deutschland leider unbemerkt – eine heftige und bis heute anhaltende gesellschaftliche Debatte in Polen ausgelöst. Sie ist am ehesten mit der Auseinandersetzung um Götz Alys Studie Hitlers Volksstaat über die deutsche Volksgemeinschaft vergleichbar, der 2005 ebenfalls den ökonomischen Profit breiter Gesellschaftsschichten an der Ausbeutung und Vernichtung der Juden in den Mittelpunkt stellte. Leder verlängert den Betrachtungszeitraum bis in die sozialistische Herrschaft hinein (ohne dabei die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren), und er fokussiert mit seinem psychoanalytischen Instrumentarium weitaus stärker die kollektiven Befindlichkeiten der Nutznießer. Die wenigsten Polen, argumentiert er, arbeiteten aktiv an der Judenvernichtung der Nazis mit, aber der lange tradierte und internalisierte Antisemitismus sowie der blanke Neid auf die rege Handelstätigkeit des jüdischen Bürgertums ließen das Verbrechen wie die wundersame Erfüllung eigener, furchtbarer Wünsche erscheinen. Leder greift hier auf den psychoanalytischen Begriff der Interpassivität zurück: Die eigene Empfindung wird delegiert und der sadistische Furor der Gewalttäter mitgenossen, was sich später in Scham und Verdrängung niederschlägt. Die Revolution zwischen 1939 und 1956 wurde Leder zufolge wie in einem Wachtraum durchlebt und blieb unreflektiert. Das Herz des Ostens ist bis heute eine Mördergrube.

Dass man die Stellen und gesellschaftlichen Rollen der Ermordeten und Vertriebenen einnahm, der Juden und der Landadligen, war mit dem eigenen Selbstbild natürlich schlecht vereinbar. Dabei fand, wie Leder akribisch aufzeigt, eine "gewaltige Übertragung von Eigentum" statt. In zahlreichen polnischen Gemeinden waren mehr als die Hälfte der Einwohner Juden gewesen: "Früher oder später wurde das, was die Deutschen nicht mitnehmen konnten, von Polen übernommen: vor allem Immobilien." Und doch wählte man – auch aufgrund von Schuldgefühlen – das Bewusstsein, ein hilfloser Spielball der Geschichte zu sein. Und tut dies Leder zufolge auch heute noch. Sich notorisch benachteiligt zu fühlen ist in Ostdeutschland, Polen oder Ungarn ungebrochen populär: "Diejenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen, ertragen keine Geringschätzung, keine Schmälerung, keinen Vergleich, auch keine Relativierung. Das alles dient ihrem Empfinden nach der Verfälschung der Wahrheit über das absolute Ausmaß ihres Unrechts; ist eine Verspottung ihres Schmerzes. Deshalb wollen sie vom Unrecht, das andere erlebt haben, nichts hören." Politisch erfolgreich ist, wer dieser Stimmungslage entgegenkommt und (wie es immer so schrecklich heißt) die Gefühle der Menschen ernst nimmt.

Der Umstand, dass der Osten 1989 hoffnungslos marode und verarmt war, verdeckte den zuvor erfolgten revolutionären Aufstieg breiter Bevölkerungsgruppen. Auch auf dem Gebiet der späteren sowjetischen Besatzungszone Deutschlands hatte man von der Ausbeutung, Vertreibung und Ermordung der Juden profitiert und neue Aufsteiger produziert. Dort wurden auch, gründlicher noch als in Polen, die "Junker" und die Unternehmer enteignet, vertrieben, gedemütigt, um dem neuen Menschen, dem einfachen Bauern und einfachen Arbeiter, Karrieren und Posten zu verschaffen. Dass sich die Profiteure der einstigen Gewaltakte heute so gern als Opfer der Geschichte begreifen, liegt nicht nur an der ökonomischen Übermacht des Westens, der nach 1989 die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spielregeln diktierte. Wer die für viele Westdeutsche so rätselhafte Mentalität der Ostdeutschen begreifen will, muss – wie es Leder am Beispiel der Polen tat – auch ihre Lebenslügen ins Visier nehmen. Die Gesellschaften des Ostens waren nicht nur Opfergemeinschaften, die sie heute bequemerweise sein wollen. Der neue Mensch übernahm aufstiegswillig die Posten, die Wohnungen und das Inventar der Vertriebenen und der Ermordeten.

Andrzej Leder: Polen im Wachtraum. Die Revolution 1939–1956 und ihre Folgen; Fibre Verlag, Osnabrück 2019; 256 S., 28,– €