Der DDR-Sommer 1989 beginnt mit einem Betrug. Am Abend des 7. Mai verkündet ein etwas bleiern sprechender Egon Krenz in der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera: "Liebe Freunde und Genossen, die Kommunalwahlen im 40. Jahr unseres Arbeiter-und-Bauern-Staates wurden zu einem eindrucksvollen Votum für die Kandidaten der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik." Die Zahlen, die Krenz – damals noch zweiter Mann im SED-Staat hinter Erich Honecker – daraufhin präsentiert, sind in der Tat eindrucksvoll. 98,85 Prozent hätten für die Einheitsliste gestimmt. Wahlbeteiligung: 98,77 Prozent.

Es ist ein Ergebnis, das schon beim ersten Hören Zweifel weckt. Zweifel, die sich als berechtigt herausstellen: Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger hatten von ihrem Recht gebraucht gemacht, der Stimmenauszählung beizuwohnen. Und die von ihnen erhobenen Zahlen unterscheiden sich deutlich von den offiziellen Ergebnissen. Bürgerinitiativen machen in der Folge auf diese Diskrepanz aufmerksam. Hunderte Menschen demonstrieren gegen den, später von DDR-Gerichten bestätigten, Wahlbetrug. Die Stasi versucht den Protest klein zu halten. Erfolglos: Die gefälschten Kommunalwahlen im Mai 1989 sind der Auftakt zu einem Sommer, in dem die DDR-Führung endgültig die Bindung zu ihren Bürgern und zur Realität verliert.

Ein Mann, der die systematische Beobachtung der Kommunalwahlen damals mit organisiert hat, ist Uwe Schwabe. Der Leipziger war zu dieser Zeit bereits mehrere Jahre in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, half unter anderem, die wöchentlichen Friedensgebete in der Nikolaikirche zu veranstalten. "Die gefälschte Wahl hat eine wichtige Rolle für die noch kleine Oppositionsbewegung gespielt", sagt Schwabe heute. Das habe vielen Menschen die Augen geöffnet.

Davon, dass der SED-Staat immer fragiler wurde, konnte sich Schwabe selbst wenig später schon überzeugen. Zusammen mit Bekannten organisierte er am 10. Juni 1989 in Leipzig ein Straßenmusikfestival. Eine dem Anschein nach unpolitische Veranstaltung. Trotzdem, sagt Schwabe, sei es ein Statement gewesen, dort hinzugehen – schließlich sei die Veranstaltung nicht offiziell genehmigt gewesen. Das Regime sei in einer Zwickmühle gewesen: "Entweder sie lassen es laufen, dann machen wir solche Veranstaltungen künftig jeden Monat. Oder sie schreiten ein, dann haben wir die Bilder, die wir wollen." Das klingt aus heutiger Sicht sehr berechnend. Man dürfe aber nicht vergessen, so Schwabe, dass eine Woche zuvor, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, Studentenproteste blutig niedergeschlagen worden waren. Die DDR-Führung unterstützte das Vorgehen der chinesischen Regierung. "Diesen Fingerzeig hat man natürlich kapiert", sagt Schwabe. Die Angst vor einer "chinesischen Lösung" schwebte seitdem über jedem größeren Protest in der DDR. In Leipzig griff der Staat am 10. Juni, bei Schwabes Festival, ein – jedoch ohne Blut zu vergießen. 84 Menschen wurden verhaftet. Und im Westfernsehen waren Bilder zu sehen, wie die Volkspolizei ein friedliches Musikfest gewaltsam auflöst.

Statt Legitimation zu gewinnen, begann der DDR-Staat in dieser Zeit von innen zu bröckeln. Neben dem dilettantischen Wahlbetrug lag das auch an einer Abstimmung, deren Ergebnis die SED nur schwer fälschen konnte: die Abstimmung mit den Füßen. "Wenn ich an den Sommer 1989 denke, denke ich vor allem an diese Fluchtwelle", sagt Schwabe. "Der Kinderarzt war auf einmal verschwunden, der Bäcker von nebenan war auf einmal zu, Verwandte und Freunde kamen nicht aus dem Urlaub zurück. Das war das Thema, das jeden bewegt hat, weil jeder davon irgendwie betroffen war."

Ob staatliche Repressionen, die immer prekärere Versorgungslage in der DDR oder der Unwille der SED, politische Reformen einzuleiten: Für viele Menschen war klar, dass dieses Land für sie keine Zukunft bereithält. Sie flohen – im Sommer 1989 zu Tausenden.

Möglich geworden ist dieser Exodus aus der DDR auch durch die Entwicklungen in ihren sozialistischen Nachbarländern. Während die SED-Führung sich starr an ihren autoritären Kurs hielt und die ökonomische Schwäche einfach leugnete, versuchte man anderswo, den Sozialismus durch Reformen zu retten: so in Ungarn oder Polen. Auch Reiseerleichterungen gehörten dazu. Das wiederum animierte zahlreiche DDR-Bürger, in die BRD-Botschaften von Budapest, Warschau und auch Prag zu fliehen – und auf sichere Ausreise in die Bundesrepublik zu pochen. Mit Erfolg: Der Eiserne Vorhang bekam bereits im Sommer 1989 erste Löcher.

Bei Bürgerrechtlern wie Uwe Schwabe löste diese Fluchtbewegung gemischte Gefühle aus. Man habe sich ein wenig ohnmächtig gefühlt. "Wir wollten das Land ja verändern. Da haben wir uns gefragt: Wie kann das gehen, wenn die guten Leute abhauen?"

Schwabe hegte damals keinen Groll gegenüber denen, die im Westen ein besseres Leben suchten, im Gegenteil. "Der Einfluss, den diese Fluchtwelle auf die Mobilisierung in Teilen der Oppositionsbewegung hatte, ist kaum zu überschätzen", sagt er heute. "Wenn die nicht gewesen wären, würden wir heute vielleicht immer noch mit 80 Leuten in der Nikolaikirche beten." Das Schlüsselereignis kommt für Schwabe am 4. September 1989. Nach einer Sommerpause findet erstmals wieder das traditioneller Friedensgebet statt. Aber statt der sonst knapp 100 Leute versammeln sich nach dem Gebet bis zu 1000 Menschen vor der Kirche und demonstrieren. Es ist die erste Massendemonstration. Und der Beginn des Revolutionsherbstes.