An einem heißen Sommertag empfängt Roger Daltrey in einem gut gekühlten Luxushotel im Zentrum Londons. Schon von Weitem ist seine Stimme zu hören, genauer gesagt sein donnerndes Lachen. Seit einem halben Jahrhundert ist der Brite berühmt als Sänger der Rockband The Who, die mehr als 100 Millionen Platten verkaufte mit Hits wie "My Generation", "I Can’t Explain" oder "Pinball Wizard". In diesem Jahrtausend sind Daltrey und der Who-Gitarrist und -Songwriter Pete Townshend die letzten Überlebenden der Band. Zuletzt veröffentlichte der verblüffend vitale 75-jährige Daltrey eine Neueinspielung des Who-Klassikers "Tommy" als Orchesterversion.

DIE ZEIT: Mr. Daltrey, Ihre Stimme ist immer noch erstaunlich kräftig. Hatten Sie eigentlich jemals Gesangsunterricht?

Roger Daltrey: Nein, den brauchte ich nie. Diese Stimme ist ein wildes Tier, das ich immer ganz gut im Griff hatte.

ZEIT: Vor einem halben Jahrhundert erschien das legendäre Who-Album Tommy, und Sie traten beim Woodstock-Festival auf. Brachten Festivals eigentlich mehr Spaß als normale Konzerte?

Daltrey: Ich habe da nie einen Unterschied gemacht: Hauptsache, wir wurden bezahlt.

ZEIT: War Geld so wichtig?

Daltrey: Das kann man wohl sagen: Wir hatten damals unglaublich viele Schulden. Und wenn man kein Geld hat, ist es ziemlich wichtig, sich für seine Arbeit bezahlen zu lassen.

ZEIT: Sie hatten Bestseller-Alben und spielten in vollen Hallen: Wie konnten Sie pleite sein?

Daltrey: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir bekamen in jenen Jahren um die 500 Pfund pro Auftritt. Bekanntermaßen zertrümmerte Pete am Ende jedes Konzerts seine Gitarre, die aber dummerweise 600 Pfund kostete. Man muss kein Genie sein, um sich auszurechnen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Natürlich wurde immer mal wieder darüber diskutiert, ob wirklich jedes Mal diese Gitarre dran glauben muss, aber Pete war da unbeirrbar.

ZEIT: Dass Pete Townshend so letztlich einen Mythos erschuf, ist aber unbezahlbar, oder?

Daltrey: Das wussten wir natürlich auch, und irgendwann war der Schuldenberg so immens hoch, dass wir dachten, wir könnten ihn niemals zurückzahlen, was letztlich nur noch absurd lustig war. Wir hatten dann Glück, dass die Verfilmung unseres Albums Tommy eine Menge Geld einspielte. Genug jedenfalls, dass wir danach schuldenfrei waren.

ZEIT: Ihr damaliger Manager Kit Lambert wollte Tommy angeblich mit großem Orchester einspielen lassen, so wie Sie es jetzt getan haben, was damals nur daran gescheitert sei, dass es zu kostspielig gewesen wäre. Stimmt das?

Daltrey: Ich habe das als Gerücht gehört. Es würde aber passen, da Kit von Haus aus einen klassischen Hintergrund hatte. Er wollte deshalb auch eine Rockoper realisieren. Es ging uns damals schon darum, zu beweisen, dass Rockmusik mehr sein kann als eine dreiminütige Single. Was im Umkehrschluss nicht bedeuten soll, dass dreiminütige Rocksongs nicht großartig sind.

ZEIT: Mögen Sie klassische Musik?

Daltrey: Manchmal schon. Es gibt da so viele hübsche Melodien. Aber die Texte bei Opern sind mir immer ein Rätsel geblieben. Die Opern von Richard Wagner finde ich allerdings besonders toll, und manchmal haben die mich in ihrem Bombast ein wenig an Songs von Pete erinnert.

ZEIT: Haben Sie Pete das jemals gesagt?

Daltrey: Natürlich nicht! Sind Sie verrückt? Aber ich mag beide sehr.