Wir waren noch keine halbe Stunde im alten Stasi-Hauptquartier in der Normannenstraße, das ja zum Glück nur noch ein Museum ist, als mir plötzlich ganz schlecht wurde. Mir war nicht übel, mir wurde nicht schwarz vor den Augen, und ich musste mich auch nicht vor Schwäche hinsetzen. Ich war einfach nur angewidert und deprimiert, so wie ich es immer bin, wenn ich ein Haus oder ein öffentliches Gebäude betrete, das die Ostblock-Kommunisten gebaut und eingerichtet haben und das immer noch so aussieht und riecht, als würden sie gleich wiederkommen.

Ich war mit Timo da, dem unglaublich freundlichen, klugen und viel zu oft an sich selbst zweifelnden Timo, der schon viel zu lange an der UdK Kunst studiert und gleichzeitig einer der besten Innenausstatter der Stadt ist. Als mir schlecht wurde, standen wir gerade im ersten Stock vor diesen großen grauen Schautafeln mit den Fotos und Lebensläufen von ein paar sehr böse und primitiv aussehenden Männern, die früher einmal hier, im unwirtlichen, ewig staubigen Berlin-Lichtenberg, in der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit, Tag für Tag damit beschäftigt waren, darüber nachzudenken, wie sie Millionen von Ostdeutschen noch tiefer in die Köpfe und in die Seelen hineinschauen könnten.

Nein, sie sahen natürlich überhaupt nicht so gut und sexy aus wie die skurril kostümierten Sechziger- und Siebzigerjahre-Agentendarsteller in Das Leben der Anderen, Deutschland 86 und Weissensee. Es waren lauter kleine Diebe, große Totschläger und biedere Beamte in billigen Anzügen, ziemlich ungepflegt und erstaunlich schlecht gekämmt, mehr so der Typ KZ-Aufseher oder Lagerleiter, wie eben erst von den Alliierten verhaftet und für die Verbrecherkartei fotografiert. Und als ich genau das leise zu Timo sagte, lächelte er sein engelhaftes Mädchenlächeln und sagte mit seiner erstaunlich tiefen Stimme laut: "Diktatur des Proletariats! Wenn solche Leute ganz allein die Macht haben, wird es immer besonders brutal."

Timo – groß, blond, schlank, aber auch irgendwie rund – wurde zwei Jahre vor der großen kleinen DDR-Revolution in Ost-Berlin geboren und verbrachte seine Kindheit in einer modernen, hellen Plattenbau-Wohnung im Ernst-Thälmann-Park, von wo es damals, ideologisch gesehen, nach Moskau und Warschau vermutlich viel näher war als nach Steglitz und Charlottenburg. Und vermutlich ist auch genau dort das Foto entstanden, das Timo als kleinen Jungen auf dem Arm seines Vaters zeigt, das kleine Kinderfäustchen zum Arbeitergruß in die Höhe gereckt. Über dieses Foto hat Timo einen kurzen, unglaublich kalten, klugen und zugleich sehr wütenden Text geschrieben, in dem er auch erzählt, wie sein Großvater, den man auf dem Bild gar nicht sieht, damals ihm, dem Zweijährigen, den Arbeitergruß vorgemacht hat. Den Text, der auf eine einzige DIN-A4-Seite passte, hat Timo beim letzten UdK-Rundgang ganz unauffällig und bescheiden irgendwo hingehängt, und ich fand, es war die beste Studenten-Arbeit des Jahres.

"Guck mal, dort drüben hatte irgendwo mein Großvater sein Büro", sagte Timo. Wir waren immer noch im ersten Stock des Stasi-Museums, im alten MfS-Hauptgebäude, und schauten durchs offene Fenster, quer über einen großen, hässlichen Parkplatz, der von lauter traurigen Plattenbauten umrahmt war, auf ein sehr graues, überraschend schönes sozialistisches Hochhaus, wo früher der angeblich so kultivierte, belesene Markus Wolf mit seinem völlig skrupellosen Auslandsgeheimdienst HVA saß.

"War das Büro deines Vaters auch dort?", fragte ich. Timo lächelte und schwieg – und dann sagte er immer noch nichts. "Was für ein toller Sommertag", sagte ich. "In der Sonne, und mit diesem blauen Himmel überall, sieht es hier gar nicht so schlimm aus."

"Ich würde gern das Büro meines Großvaters sehen", sagte Timo. "Aber leider kommt man nicht rein." – "Vielleicht ist es ja besser so", sagte ich, und ich dachte, komisch, mir ist gar nicht mehr schlecht. "Ja, vielleicht", sagte Timo. "Vielleicht aber auch nicht", sagte ich.

"Keine Ahnung", sagte er. "Komm, lass uns weitergehen. Im zweiten Stock können wir uns wenigstens das Büro von Erich Mielke angucken."

"Was suchst du hier eigentlich, Timo?", fragte ich. "Mich selbst", sagte Timo. "Ja, genau, und das ist überhaupt nicht esoterisch gemeint, verstehst du?"