DIE ZEIT: Frau Schröter, Sie wurden kürzlich als "antimuslimische Rassistin" geschmäht, weil sie an der Frankfurter Goethe-Universität eine kritische Konferenz zum Thema Kopftuch organisiert hatten. Es gibt aber zahllose Fotos, auf denen Sie selbst eines tragen. Wie kann das sein?

Susanne Schröter: Als Ethnologin bin ich seit 25 Jahren in muslimischen Ländern unterwegs, auch in Moscheen. Kopftuch zu tragen war für mich in bestimmten Situationen normal: Also sehen Sie mich mit bedecktem Haar beim Friedensschluss zwischen indonesischer Regierung und islamistischer Rebellenarmee in der Großen Moschee von Banda Aceh. Ohne Kopftuch sehen Sie mich mit indonesischen Islamistinnen der heute verbotenen Gruppe Hizbut Tahrir. Oder mit Rached al-Ghannouchi, dem Führer der tunesischen Ennahda-Partei. Der Respekt vor der Religion gebietet es, sich ihren Sitten anzupassen, wenn man als Gast in einem entsprechenden Land ist oder heilige Stätten besucht. So halte ich es auch in Kirchen oder Tempeln.

ZEIT: Und warum kritisieren Sie das Kopftuch?

Schröter: Ich kritisiere es als Zeichen eines frauenfeindlichen Glaubenssystems, das fordert, weibliche Reize zu bedecken, um Männer nicht zum Sex anzustacheln. Die Konsequenz ist, dass Vergewaltigungen den weiblichen Opfern angelastet werden, auch vor Gericht, etwa in Afghanistan oder Saudi-Arabien. Wenn eine einzelne Frau sich für das Tragen des Kopftuchs entscheidet, akzeptiere ich das voll und ganz. Ich stelle auch Frauen mit Kopftuch am Forschungszentrum "Globaler Islam" ein.

ZEIT: Hat der Vorwurf des "antimuslimischen Rassismus" Sie getroffen?

Schröter: Natürlich! Auch wenn ich den Begriff für idiotisch halte. Rassismus ist die Ablehnung anderer aufgrund körperlicher Merkmale, die unentrinnbar sind. Ich kritisiere nicht Menschen wegen ihres Aussehens oder ihrer Herkunft, auch nicht wegen ihres Glaubens, sondern ich kritisiere Missstände, die man beheben kann. Der Vorwurf des "antimuslimischen Rassismus" ist leider populär und zielt oft darauf ab, Kritik am Islamismus zu delegitimieren.

ZEIT: Haben Sie angesichts zunehmender Islamophobie für solche Überziehungen Verständnis?

Schröter: Ja. Aber ich wünsche mir trotzdem Vernunft und benutze statt des Wortes Islamophobie lieber Islamfeindlichkeit. Sie ist keine Krankheit, sondern eine Geisteshaltung unserer Gesellschaft, die aus Angst und Ressentiment erwächst.

ZEIT: Hatten Sie selbst Angst, wenn Sie Islamisten in Nahost und Südostasien besucht haben?

Schröter: Das ist mir zu persönlich gefragt. Es geht mir um einen objektivierten Blick und nicht darum, was man als blonde Frau so erleben kann.

ZEIT: Bereuen Sie die Kopftuch-Konferenz?

Schröter: Nein. Angesichts dessen, was sie ausgelöst hat, war sie wohl notwendig.