Wenn Rolf Thilo Gesetzesbrecher bei der Arbeit beobachten möchte, steigt er in sein Taxi und fährt zum Flughafen Berlin-Tegel. Ein, zwei Kilometer vor dem Ankunftsbereich deutet er auf ein weißes Fahrzeug. "Da ist einer!", sagt er dann und fährt an einem Toyota Prius vorbei. Als er wenig später im Parkplatzbereich des Flughafens ankommt, dort, wo sich die möglichen Fahrgäste tummeln, wird es unübersichtlich ob der vielen Übeltäter. "Da!", sagt Thilo. "Und hier!"

Rolf Thilo schimpft auf seine neue Konkurrenz. Es sind Fahrer, die Passagiere für den Fahrdienst Uber einsammeln. Laut Gesetz dürften sie nur auf Anfrage befördern und nicht – wie Taxis – am Flughafen warten, bis zufällig Kunden kommen. Doch am Terminalausgang in Tegel stehen teilweise Fahrzeuge mit Uber-Schriftzug in der Schlange, als wären sie gewöhnliche Taxis.

Thilo ärgert diese Konkurrenz nicht nur. Ubers Angriff auf den deutschen Markt, der 2013 zunächst zögerlich begann, bedrohe mittlerweile seine Existenz. Über UberX können Kunden seit 2016 günstige Fahrten buchen. Allein im vergangenen Jahr, so erzählt es der 56-Jährige, seien "die Umsätze der Berliner Taxis um 30 Prozent eingebrochen". Die Taxi-Innung bestätigt das.

Thilo selbst ist als Fahrer für einen Berliner Großbetrieb mit 300 Taxen unterwegs. Er bekommt für seine Arbeit den Mindestlohn von 9,84 Euro brutto die Stunde und zusätzlich eine Umsatzbeteiligung. So verdient er netto zwischen 1.200 und 1.500 Euro im Monat. Vorausgesetzt, das Geld kommt an. Immer wieder hat er den Arbeitgeber gewechselt, "weil meine früheren Chefs bisweilen die Löhne nur unregelmäßig zahlten".

Thilo glaubte, in einer geschützten Branche zu arbeiten. Dann kam Uber

Um genug zu verdienen, muss er 200 Euro Umsatz pro Schicht einfahren. Daran ist gerade nicht zu denken. Das liege ein bisschen am Sommer, sagt Thilo, aber vor allem an Uber. "Meistens schaffe ich zurzeit in acht Stunden nur einen Umsatz zwischen 120 und 130 Euro." Er sagt das nicht nur so dahin, er führt genau Buch über seine Fahrten, trägt jede ein und behält so den Überblick.

Am Freitag vergangener Woche hörte Thilo im Radio, dass Uber einen Rekordverlust in Höhe von mehr als fünf Milliarden Dollar in einem Quartal verbucht habe. Der Aktienkurs des Unternehmens brach zeitweise um über zehn Prozent ein. Wenig später hörte Thilo dann Radiowerbung. Für Uber. 50 Prozent Rabatt für die nächste Fahrt verspricht das Unternehmen darin. "Kein Wunder, dass die Riesenverluste machen", sagt Thilo. Nebenbei gehe "die gesamte Branche kaputt".

In Berlin gibt es 3.000 Taxiunternehmer mit über 8.100 Fahrzeugen. Zugleich zählt die Taxi-Innung weit über 2.000 Mietwagenfahrer, die allein in der Hauptstadt für das US-Unternehmen unterwegs sind. Uber äußert sich dazu nicht. Fakt aber ist: Vor zwei Jahren war es nur ein Bruchteil. Viele Taxifahrer sorgen sich, dass Uber einen nach dem anderen von ihnen mit Kampfpreisen aus dem Markt drängt und am Ende allein übrig bleibt – und die Preise dann erhöht. The winner takes it all.

Thilo liebt seinen Beruf, weil er sich frei fühlt, wenn er morgens in seinen Diesel-Mercedes steigt, der schon über 230.000 Kilometer auf dem Tacho hat. "Ich kann mir den Tag selbst einteilen und, wenn ich mal nach Hause muss, einfach hinfahren." Er mag auch die Mitfahrer. Okay, oft seien es Geschäftsleute mit Handy am Ohr, aber immer wieder auch Exoten wie jene Hells-Angels-Rocker, die ihn schon beim Einstieg mit den Worten begrüßten: "Mach dir mal nicht in die Hose, wir sind ganz friedlich."

Thilo ist geschieden und hat drei Kinder, zwei leben bei ihm in der Wohnung in Spandau. Ein silberfarbener Schutzengel seiner Tochter fährt immer mit, es ist ein Schlüsselanhänger, den er zu Weihnachten bekam.

Thilo ist schon einmal einer Veränderung entkommen, die Ökonomen gerne Strukturwandel nennen. Damals war es nicht die Digitalisierung, die seinen Arbeitsplatz gefährdete, sondern die Globalisierung. Bald 24 Jahre ist das her. Nach dem Schulabschluss arbeitete Thilo jahrelang als Einzelhandelskaufmann in der Lagerbuchhaltung einer Berliner Spedition. Doch in den Neunzigerjahren wurde wegen der billigeren osteuropäischen Konkurrenz der Wettbewerb härter. Die Umsätze brachen ein, und Thilo suchte sich einen neuen Job. Er sagt: "Ich wollte keinen Chef im Nacken haben und nicht im Büro sitzen." So wurde Rolf Thilo Taxifahrer. In einer Branche, die durch das Personenbeförderungsgesetz geschützt ist. So dachte er zumindest.