Als türkische Autorin könne man sich heute den Luxus nicht leisten, unpolitisch zu sein, sondern müsse klar Position beziehen: Das hat Elif Shafak in den vergangenen Jahren mehrfach erklärt. In ihrem Fall bedeutet das freilich, dass sie ihre Werke nur noch von London aus schreiben kann, auf Englisch. Bereits 2006 wurde die 47-jährige Schriftstellerin wegen "Verunglimpfung des Türkentums" angeklagt. Nun ist sie erneut im Visier der türkischen Behörden, diesmal wegen angeblicher "Unzüchtigkeit" in ihren Schriften. Erschwerend dürfte ins Gewicht fallen, dass ihr neuer Roman Unerhörte Stimmen die Geschichte einer Istanbuler Prostituierten erzählt. Alles kommt vor in diesem aufwühlenden Buch: Polygamie, Missbrauch, Militärdiktatur, Revolte – zwischen Provinz und Metropole entfaltet sich ein Panoptikum der türkischen Geschichte.

Am Anfang ist es vorbei: "Ihr Name war Leila. Tequila Leila, so kannten sie ihre Freunde und Kunden." Kaum wird die 43-Jährige eingeführt, schon ist sie mausetot, liegt an einem kalten Novembermorgen des Jahres 1990 ermordet in einem Istanbuler Müllcontainer. 10 Minutes 38 Seconds in This Strange World heißt der Roman im Original. Studien zufolge ist das Gehirn nach dem Tod genau für diese zehn Minuten und 38 Sekunden noch aktiv. Diese Zeit hat nun Leila, um die wichtigsten Stationen ihres vergangenen Lebens zu rekapitulieren – ein Countdown an den Rand des Lebens.

Leilas Dasein steht von Anbeginn unter keinem günstigen Stern. Es beginnt in der ostanatolischen Provinz Van, wo strenge patriarchalisch-religiöse Strukturen das Aufwachsen als Mädchen erschweren. Früh legt sich ein dunkler Schatten auf Leilas Kindheit, dem sie in einem Moment der Verzweiflung nur durch Flucht in jene Stadt entkommt, die über anderthalbtausend Kilometer weit entfernt liegt und von jeher ein Ort der Verheißung für "alle Unzufriedenen und Träumer" ist: Istanbul.

Die Verheißung entpuppt sich jedoch als Illusion. Denn das Istanbul gibt es gar nicht. Die Metropole am Bosporus gleicht vielmehr einer Matrjoschka-Puppe: Sie besteht aus vielen Istanbuls, die sich alle hinter diesem Namen verbergen. Und es ist eine besonders verborgene Facette der Stadt, die für Shafak in diesem Roman bemerkenswert ist. Indem sie das tragische Schicksal einer Prostituierten erzählt, rückt sie eine tatsächlich "unerhörte Stimme", eine in der türkischen Gesellschaft geächtete Randfigur, und ihre fünf ungewöhnlichen Freundschaften in den Fokus. Diese Randexistenz, eine weibliche zumal, besteht dann auch post mortem: So gibt es für Leila kein Begräbnis nach islamischem Brauch. Stattdessen werden Ausgestoßene wie sie auf dem sogenannten Friedhof der Geächteten beigesetzt. Dieser Friedhof existiert wirklich. Er liegt außerhalb von Istanbul in dem beliebten Badeort Kilyos. Die Menschen, die dort begraben sind, wurden oft von ihren Familien verstoßen. Sie enden dort ohne Inschrift, ohne Namen, Schicksale als bloße Nummer.

Mit Unerhörte Stimmen hat Elif Shafak nun einer dieser anonymen Nummern einen Namen und eine Geschichte gegeben. Eine Geschichte, die sich zwar vor 30 Jahren zugetragen hat – aber doch erschreckend nah an die türkische Gegenwart heranreicht.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Roman; a. d. Engl. v. Michaela Grabinger; Kein & Aber, Zürich 2019; 432 S., 24,– €, als E-Book 18,99 €