An einem sommerlichen Nachmittag im Juni versammeln sich auf der Darmstädter Mathildenhöhe knapp hundert Künstler. Es gibt etwas zu feiern: Vor einem Jahrhundert gründeten Maler und Bildhauer die Avantgarde-Initiative Darmstädter Sezession. Im Garten des "Designhauses" sind Skulpturen ausgestellt, eine Jazzband spielt.

Als Vera Röhm eintrifft, fühlt manch ein Gast sich an die Auftritte der Queen erinnert: Die 76-Jährige, in Darmstadt wie in Paris zu Hause, wird zum Mittelpunkt, sie grüßt, plaudert, fragt nach. Dann wirft sie einen Blick hinüber zu einer Installation auf dem Rasen. Ihr Kubenturm steht da wie ein Ausrufezeichen. Acht Meter hoch, 15 quadratische Elemente nicht einfach aufeinandergestapelt, sondern jeweils um fünf Grad verschoben. "Eine Säule in der Mitte stabilisiert den Turm", erklärt Röhm. "Das Material ist Corten, ein besonders präparierter Stahl, der selbstständig rostet. Ziemlich teuer."

Ein Ausrufezeichen zur Karriere einer ungewöhnlichen Künstlerin. Vera Röhm hat nie dem Klischee der Bildhauerin entsprochen. Hat nie das handliche, sondern meist das monumentale Format gewählt. Nie figürlich gearbeitet, nur abstrakt. Nie den Stein behauen, sondern Metall und Holz verarbeitet. Und statt Stichel und Meißel zu nehmen, lässt sie ihre Arbeiten nach präzisen Konzepten, Fotografien und Modellen in einer Spezialfabrik fertigen.

In jüngster Zeit hat diese Karriere noch einmal richtig an Schwung gewonnen. An nicht weniger als drei Orten sind derzeit Arbeiten von Vera Röhm zu sehen, und dabei ist die Ausstellung ihrer Fotografien in der Pariser Galerie Gimpel & Müller nicht einmal mitgezählt. Über ihr Leben und ihr Werk unterhalten wir uns im Mai in ihrem Atelier, das – angemessen für eine Künstlerin, deren Arbeiten viel Raum in Anspruch nehmen – in einer Fabrikhalle untergebracht ist, in der einst Feinmechanisches gefertigt wurde. Hinter meterhohen Doppeltüren warten Arbeiten aus drei Jahrzehnten, zum Beispiel die Tetraeder, sauber geteilte Dreieckskörper.

Alles, was Röhm schafft, braucht Raum, ihre Formate machen sich niemals klein. Sammler wie Schrauben-Milliardär Reinhold Würth und Marli Hoppe-Ritter (Ritter-Sport-Schokolade) haben sie angekauft, außerdem ist Röhm in internationalen Museen vertreten. Ihre Skulpturen – solche aus der Werkgruppe der "Ergänzungen" werden je nach Format zu Preisen zwischen 150.000 und 200.000 Euro gehandelt – sind Reflexionen über Geometrie, Raum und Licht. Mit äußerster Präzision werden störrische Materialien wie Metall, Holz oder Kunststoff bearbeitet, durch Schnitte und Brechungen zerlegt oder mit artfremdem Material verbunden, das die Strenge der Symmetrie durchbricht.

So wie in Heilbronn. Auf einem Kanal im Gelände der Bundesgartenschau schwimmen zehn Kuben aus schwarz lackiertem Aluminium. Ihre gelaserte, von innen beleuchtete Inschrift wirkt vor allem im Dunkeln magisch. Sie variiert ein Wort des Naturwissenschaftlers Johann Leonhard Frisch: "Die Nacht ist der Schatten der Erde". Diesen Satz hat Vera Röhm inzwischen in 500 Sprachen variiert. Eine Hommage an die Vielfalt menschlicher Kommunikation, wobei die Hexaeder als platonischer Körper für die Erde herhalten. "Es gibt nur noch 2.000 Sprachen auf der Welt, und nach Aussagen von Sprachwissenschaftlern werden es angeblich immer weniger." In ihrer Recherche wird die Künstlerin seit einem Jahr von einem Schriftsteller und Übersetzer unterstützt. Außerdem arbeitete sie von Anfang an mit einem Grafiker zusammen, um die jeweils passenden Typografien für die Inschriften auszuwählen.

Im April wurde die Arbeit von einem Orkan zerlegt, die Kuben kippten um und mussten im Darmstädter Atelier aufwendig instand gesetzt werden. Zu allem Überfluss sah sich die Buga-Leitung monatelang außerstande, ein passendes Kabel bereitzustellen, um die Würfel ins rechte Licht zu setzen. Der Künstlerin, die Ordnung, System und Kontrolle schätzt, fehlt für derlei Unzulänglichkeiten jedes Verständnis, ja mehr noch: Als immerhin eingeladene Künstlerin sieht sie ihr Werk missachtet.