Spricht der Mann im Auftrag seines Herrn, oder ist sein Vorstoß nur Ausdruck der ihm eigenen Herrlichkeit? Für das deutsch-amerikanische Verhältnis mag es einen Unterschied machen, ob der US-Botschafter im Namen seines Präsidenten agiert oder aus Verkennung seiner Rolle heraus. In der Sache selbst ist es egal. Denn die Ankündigung von Richard Grenell, Donald Trumps Mann in Berlin, die USA würden ihre Truppen aus Deutschland abziehen und nach Polen verlegen, kämen die Deutschen nicht endlich ihren militärischen Verpflichtungen nach, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als leere Drohung. Weil unter der Strafe, die Deutschland treffen soll, niemand so sehr leiden würde wie die USA selbst.

Beim Schutz für Handelsschiffe könnten die Deutschen problemlos dabei sein

Rund 50.000 US-Soldaten sind in Deutschland stationiert. Der wichtigste Militärflughafen der Amerikaner in Europa liegt in Ramstein, das weltweit größte Militärhospital außerhalb der USA im nahe gelegenen Lahnstein. Von Stuttgart aus koordinieren die Amerikaner ihre Einsätze in Europa und Afrika. Ihr größtes Munitionsdepot außerhalb der Vereinigten Staaten haben sie in Miesau angelegt – und ihre Atomwaffen in der Vulkaneifel gebunkert. Eine Verlegung der US-Truppen nach Polen wäre ein gigantischer logistischer Aufwand und würde Milliarden kosten. Aber Geld ist nicht das wichtigste Gegenargument.

Auch die Nato-Russland-Akte von 1997 untersagt eine dauerhafte Stationierung von Nato-Truppen in Ostmitteleuropa. Doch womöglich interessiert Trump das ebenfalls nicht.

Das europäische Strategiezentrum vom sicheren Süddeutschland nah an die Grenze zu einem immer aggressiveren Russland zu verlagern – diese Vorstellung dürfte bei US-Militärs zu heftigem Widerstand führen. Welcher Soldat macht sich gern angreifbar?

Und doch trifft Grenells Schein-Drohung einen Punkt: Denn es stimmt, dass die Deutschen nicht einhalten, was sie zugesagt haben. Nicht beim Geld. Und nicht beim Versprechen, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Gleich bei zwei Nato-Gipfeln, 2002 und 2014, verpflichteten sich zwei Bundesregierungen, eine rot-grüne und eine große Koalition, die Militärausgaben bis 2024 "auf den Richtwert von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zuzubewegen", wie es offiziell heißt. Lange Zeit bewegten sich die Ausgaben aber nicht darauf zu, sondern davon weg. Schiffe, die nicht schwimmen, und Kampfjets, die nicht fliegen, prägen seitdem das Bild der Bundeswehr.

Der Verteidigungsetat steigt seit 2014 zwar wieder, dieses Jahr erreicht er 1,35 Prozent des BIP. Die Finanzplanung der Regierung sieht aber sinkende Prozentanteile in den kommenden Jahren vor. Das ist der Hintergrund der "Schnauze voll, wir ziehen ab"-Tirade Grenells. Den Trend umzukehren ist auch die zentrale Herausforderung für die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Bei der finanziellen Ausstattung der Bundeswehr geht es um eine Grundsatzfrage, über die in Deutschland erstaunlich wenig geredet wird: Welche Armee wollen wir eigentlich haben? Eine, die was kann – nicht um Trump zu gefallen, sondern weil es deutschen Interessen entspricht? Oder eine, über die man sich in der heute-show lustig macht? Von den sechs U-Booten der Bundeswehr kann gerade keines tauchen.

Aber ist es wirklich immer nur der Materialmangel, wenn die Bundeswehr nicht zum Einsatz kommt? Beim Geleitschutz für Handelsschiffe in der Straße von Hormus könnten die Deutschen problemlos dabei sein: Die Bundeswehr hat nicht nur alles, was man für einen solchen Einsatz benötigt – Fregatte, Korvette, Tender, Seefernaufklärer. Diese sind sogar einsatzbereit. Was fehlt, ist der politische Wille.

Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr des Welthandels und für die Exportnation Deutschland von zentralem Interesse. Dass die Briten von ihrer Idee eines militärischen Geleitschutzes unter dem Dach der EU Abstand nahmen und sich an einen US-Einsatz hängten, war in Berlin Anlass, jedes Nachdenken über ein Engagement der Bundeswehr zu beenden. Dabei wäre es viel besser, Deutsche und Franzosen würden eine eigene Mission zusammenstellen – und sich dann mit Amerikanern und Briten abstimmen.

Trump beschimpfen und die anderen machen lassen, wenn es schwierig wird: Das ist eine Haltung, über die man selbst als wohltemperierter Europäer zum Grenell werden könnte.