An den Finanzmärkten ist man offenbar dauerhaft entsetzt. Mauricio Macri, der argentinische Präsident, hat vor anderthalb Wochen eine empfindliche Vorwahl-Schlappe erlitten. Die Kurse an der argentinischen Börse und der Wert der Landeswährung Peso haben sich kaum davon erholt. Sie liegen zeitweise um mehr als 30 Prozent unter dem Stand davor. Einige Marktanalysten und Finanzjournalisten, die sich mit Argentinien beschäftigen, klingen düster wie nie: Steht die Volkswirtschaft vor dem Zusammenbruch? Rutscht das Land in Dirigismus und Protektionismus zurück? Wann ist, wieder mal, eine argentinische Staatspleite zu erwarten?

Als erster Reflex ist das verständlich: Der 60-jährige Macri ist eben ein Wirtschaftsliberaler, der bevorzugte Kandidat der Händler am Finanzmarkt. Sein Herausforderer Alberto Fernández steht dagegen weiter links. Und wer bei den Präsidentenwahlen am 27. Oktober gewinnt, ist jetzt einigermaßen klar: Fast unmöglich, dass Macri seinen Rückstand noch aufholen kann. Er brachte es auf 32 Prozent, sein Herausforderer auf 47.

Aber rechtfertigt das ein derartiges Beben? Der größte Börsenschreck ist in Wahrheit gar nicht der neue Wahlfavorit Fernández – sondern dessen Kandidatin zur Vizepräsidentin. Cristina Fernández de Kirchner war von 2007 bis 2015 Präsidentin, und sie ist die Witwe ihres Amtsvorgängers Néstor Kirchner. Die beiden Kirchners waren für Volkswirtschaft und Finanzmärkte wirklich ein Problem: Sie prägten eine ganze Ära interventionistischer Wirtschaftspolitik und hinterließen dem heutigen Präsidenten Macri einen wirtschaftlichen Scherbenhaufen.

Eine Sorge lautet nun, dass mit einer Vizepräsidentin Cristina Fernández die alten Zeiten zurückkehren könnten. Damals gab es massive Umverteilungsprogramme zugunsten der Armen, was in dem sozial tief gespaltenen Land zwar sehr willkommen war, aber die Fernández betrieb viel davon als wahltaktische Klientelpolitik. Mal gingen Staatsmittel an die Menschen in den Armenvierteln, mal wurden Kleinunternehmer subventioniert, dann wieder finanzierte sie Arbeitsplätze in einem unnötig aufgeblähten öffentlichen Sektor – je nachdem, wer gerade für die Wiederwahl wichtig war. Die Regierung verstaatlichte Unternehmen, fror Altersrücklagen ein und schottete die Wirtschaft ab. Sie legte sich mit den USA und Kreditgebern an. Am Ende waren der Staat, viele Unternehmen und Privatleute pleite.

Ein Teil der Argentinier durchschaut diesen Zusammenhang und hat ähnliche Sorgen wie die Mahner an den Finanzmärkten. In Umfragen zeigt sich, dass die Fernández zwar eine große Anhängerschar hat, aber dass auch sehr viele sie kategorisch ablehnen. Im Mai reagierte die politisch gewiefte Expräsidentin darauf: Sie hätte sich die Spitzenkandidatur wohl auch selbst sichern können, entschied sich aber dafür, ihren Namensvetter und früheren Kabinettschef vorzuschicken.

Alberto Fernández gilt als ein gemäßigter Mitte-links-Mann, allerdings nicht gerade als ein Neoliberaler. Er hält Kapitalkontrollen, Industriepolitik und notfalls sogar taktische Staatspleiten für legitime wirtschaftspolitische Instrumente. Doch er steht höchstens für einen Linksschwenk light.

Die wahre Furcht an den Finanzmärkten lautet also, dass die politisch gewiefte Cristina Fernández sich ausmalt, den künftigen Regierungschef sozusagen von unten zu kontrollieren. Ob ihr das gelingen könnte, ist tatsächlich offen, aber Alberto Fernández gilt als Dickkopf. In der Vergangenheit hatte er sich schon mal mit der Expräsidentin überworfen, und 2008 stieg er konsequent aus ihrer Regierung aus. Für seinen Geschmack gab es damals zu viel Populismus.