"Ich laufe ja nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt"

Wegen meiner Liebe zur Natur wollte ich Förster werden. Dann habe ich den Tag der offenen Tür der Universität in Freiberg besucht, eine der ältesten Universitäten für Bergbau weltweit. Davor hatte ich keinen Bezug dazu, niemand aus meinem Umfeld hat im Bergbau gearbeitet.

Sebastian Krellig © privat

Bergbau und meine Liebe zur Natur, das passt nicht zusammen, möchte man meinen. Aber Bergbau findet in der Natur statt, und gerade deshalb ist Naturschutz hier so wichtig. Mir ist bewusst, dass wir die Umwelt stark beeinflussen. Wäre ja auch absurd, das abzustreiten. Aber man kann Bergbau auch mit Augenmaß betreiben und so rücksichtsvoll wie möglich mit der Natur umgehen. Wir nehmen jedes Jahr viel Geld in die Hand, um seltene Pflanzen und Tiere zu schützen, und das ist auch richtig so. Auch meinen privaten Garten habe ich absichtlich verwildern lassen, damit sich Vögel und Insekten einnisten können.

Wenn man Bergbau studiert, dann merkt man recht früh, dass man als Umweltzerstörer betrachtet wird. Aber jetzt, wo auch die allgemeine Gesellschaft so stark gegen unsere Branche wettert, kommt mir schon oft die Frage: Bin ich wirklich ein so schlimmer Mensch, wie es immer dargestellt wird? Ich laufe ja nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt und kann die Anfeindungen aus wissenschaftlicher Perspektive teilweise auch verstehen. Aber der "einfache" Bergmann ist wahnsinnig enttäuscht: Er glaubt, er macht eine sehr wichtige Arbeit, nämlich Deutschland mit Energie zu versorgen, und leistet harte Arbeit im Schichtbetrieb. Die Anfeindungen vonseiten der Medien sind da oft sehr belastend – für mich gilt das genauso.

Wir gehen hier in Deutschland bestimmt in die richtige Richtung. Aber wir beeinflussen das Weltklima leider nur minimal. Es ist ein Luxus, sich mit solchen Fragestellungen beschäftigen zu können. Dass andere Länder noch gar nicht daran denken, mit Deutschland gleichziehen zu wollen, macht mir deshalb viel mehr Angst.

Sebastian Krellig, 43 Jahre alt, leitet die Tagebautechnologie im Tagebau für Braunkohle in Profen, Sachsen-Anhalt, und Vereinigtes Schleenhain, Sachsen. Er arbeitet seit 17 Jahren im Bergbau. Krellig lebt in Eilenburg.

"Ich lebe weiter, was ich all die Jahre vorgelebt bekommen habe"

Ich bin richtig stolz, Bergmann zu sein. Schon mein Vater war Bergmann in Duisburg, mein Großvater war Bergmann auf Sardinien, alle meine Nachbarn waren Bergmänner. Bei jeder Feier gab es nur das eine Thema, den Bergbau. Ich habe mich bewusst für die Kohleindustrie entschieden und habe das mein Leben lang gerne gemacht.

Sandro Atzori © privat

Ich bin sehr traurig, dass der Steinkohleabbau in Deutschland jetzt Geschichte ist. Und wenn ich unsere Energiepolitik sehe, weiß ich sowieso nicht, wie das alles weitergehen soll. Kernenergie lehnen wir ab, Windräder will niemand vor der Türe haben, Wasserkraft zerstört die fließenden Gewässer. Kohle war da ja noch am verträglichsten. Wir Bergleute tragen also keine Schuld an der Klimakrise, im Gegenteil. Wenn wir nicht gewesen wären, dann wäre Deutschland heute nicht da, wo es jetzt ist.

Ich sehe aber auch, dass der Wald stirbt. Dass Tiere aussterben und Gletscher schmelzen. Das ist jetzt aber noch lange keine Apokalypse. Wir müssen kühlen Kopf bewahren. Auch ich bin achtsamer geworden in letzter Zeit: Ich spare Wasser und fahre Fahrrad statt Auto. Ich motiviere auch meine Kollegen. Einige wenige halten den Klimawandel zwar für komplett unabhängig vom Menschen, aber die meisten sind vernünftig und schließen sich mir an.

Diese individuellen Maßnahmen sind viel sinnvoller, als zu sagen: Macht alle Bergwerke platt. Klar sind diese Kraftwerke ökologisch nicht das Beste, aber solange es keine Alternative gibt, sollen sie weiterlaufen. Wenn man sie dann irgendwann schließt, sollten die Bergleute nicht vergessen werden.

Als letzter Betriebsratsvorsitzender eines Steinkohlebergwerkes in Deutschland bin ich mitverantwortlich für den Rückbau des geschlossenen Kraftwerks und setze mich für die Rechte der Mitarbeiter ein. Ich lebe weiter, was ich über all die Jahre vorgelebt bekommen habe: Zusammenhalt unter Bergmännern. Die Gemeinschaft ist unglaublich. Wir alle unterstützen einander, unabhängig von politischer Einstellung und Herkunft. Da verunsichern uns auch die Anfeindungen durch die Presse nicht. Wir alle sind ehrliche Menschen und harte Arbeiter. Und erst mal an gar nichts schuld.

Sandro Atzori, 52 Jahre alt, ist der letzte Betriebsratsvorsitzende auf Prosper Haniel, dem geschlossenen Steinkohlebergwerk in Bottrop, Nordrhein-Westfalen. Seit 35 Jahren arbeitet er im Bergbau. Atzori lebt in Duisburg.