DIE ZEIT: Frau Sapiro, Sie untersuchen seit Jahren den weltweiten Buchmarkt, insbesondere mit dem Blick auf Übersetzungen. Und Sie stellen fest: Obwohl immer mehr Bücher übersetzt werden, verschwindet die kulturelle Vielfalt zusehends. Wie passt das zusammen?

Gisèle Sapiro: Der globale Buchmarkt ist durch Widersprüche geprägt. Zwar steigt die Zahl der übersetzten Titel, aber es sind die immer gleichen Sprachen, aus denen übersetzt wird. Und diese dominanten Sprachgebiete, aus denen die meisten Titel übersetzt werden, importieren selbst die wenigsten Bücher.

ZEIT: Welche Sprachen sind das?

Sapiro: Vor allem das Englische dominiert. In den USA lag der Anteil der Übersetzungen am gesamten Buchmarkt jahrelang nur bei mageren drei Prozent, der niedrigste Wert weltweit. Je weiter man in Richtung Peripherie geht, desto bedeutender werden Übersetzungen. Wir haben es mit einer deutlichen Asymmetrie der Zirkulation zu tun. Zwischen 1980 und 2000 stieg die Zahl der übersetzten Bücher auf der Welt um 50 Prozent, gleichzeitig konzentrierte sich der Markt immer mehr auf die englische Sprache. In den Achtzigern kamen 45 Prozent der übersetzten Bücher aus dem Englischen, in den Neunzigern waren es fast 60 Prozent. Seitdem hat sich das auf diesem Level eingependelt.

ZEIT: Wie sieht dieses Machtungleichgewicht zwischen den Sprachen konkret für das Deutsche aus?

Sapiro: Im Jahr 2002 zum Beispiel haben deutsche Verlage die Rechte an 3.782 amerikanischen Büchern erworben, während amerikanische Verlage nur 150 deutsche Bücher einkauften.

ZEIT: Sie sprechen von der Anzahl der Titel. Ändert sich das Bild, wenn man sich die Auflagen anschaut?

Sapiro: Dann sieht es noch übler aus, schätze ich. Ein großer Teil der Übersetzungen aus dem Englischen sind Bestseller: kommerzielle Literatur, die sich besser verkauft. Dennoch bleiben Deutsch und auch Französisch weiterhin zentrale Sprachen, sie folgen direkt hinter dem Englischen.

ZEIT: Wie viel Prozent aller Übersetzungen weltweit stammen denn aus dem Deutschen?

Sapiro: Zwischen acht und neun Prozent, für Französisch sind es noch etwas mehr, vielleicht zehn Prozent. Dann folgen Sprachen wie Italienisch oder Spanisch, die zwischen einem und drei Prozent der Übersetzungen ausmachen. Spanisch konnte übrigens als einzige Sprache neben dem Englischen seinen Anteil steigern.

ZEIT: Welche Autoren verhelfen dem Deutschen zu dieser zentralen Position auf dem Markt? Sind das Klassiker wie Kant und Goethe?

Sapiro: Deutsche Philosophie verfügt immer noch über ein enormes kulturelles Kapital. In den Neunzigern waren in Frankreich bei Philosophie-Büchern die meisten Übersetzungen aus dem Deutschen – in jeder anderen Sparte war Englisch die Sprache Nummer eins. Habermas war in Frankreich der am häufigsten übersetzte lebende Philosoph. Das kulturelle Kapital der deutschen Sprache liegt allerdings vor allem in den Klassikern. Die zeitgenössischen Denker sind hier weniger bedeutend, bis auf einige Ausnahmen, zu denen beispielsweise Sloterdijk gehört.