Wie mit Rechten reden? Nicht nur Annegret Kramp-Karrenbauer glaubt, man brauche in dieser Frage vor allem eine moralisch starke Haltung – aber keine Strategie. Diese Haltung, für die alle rechten Katzen grau sind, lautet, kurz gesagt: Nazis raus (wohin eigentlich?). Sie sollen weg, einfach nicht mehr da sein. Mit Rechten diskutiert man nicht, das wertet sie nur auf. Man trinkt ganz sicher kein Bier mit ihnen. Die CDU-Spitze meidet den Osten schon seit Jahren weitgehend – strategisch gesehen der helle Wahnsinn. Höchste Zeit, sich aus diesem Rechthabistan herauszuschälen.

Denn was passiert, wenn man auf solche Weise "Haltung gezeigt" hat, ist bekannt. Die Neue Rechte – die so heißt, weil ihr Markenkern gerade die Abwesenheit von Springerstiefeln ist – steckt sich eine weiße Rose ans Revers und marschiert schweigend als Märtyrer durch die Stadt.

Antifaschismus allein ist in dieser Lage kein guter Ratgeber

Keine Frage: Aus den Kreisen dieser Rechten kommen immer wieder Bemerkungen, die menschenverachtend und revisionistisch sind – was der AfD-Bundesvorstand selbst bestätigt hat. Aber nach zwei Jahren AfD im Bundestag und angesichts bevorstehender Wahlsiege in drei ostdeutschen Bundesländern dämmert vielen, dass Antifaschismus allein in dieser Lage kein guter Ratgeber ist. Denn wären die Neuen Rechten alle Nazis, Holocaustleugner und Brandstifter, dann gäbe es gar kein politisches Problem. Dann würde man einfach den Verfassungsschutz einschalten oder die Polizei holen. Aber wenn einer der prominentesten Neuen Rechten selbst an der Spitze des Verfassungsschutzes stand und obendrein Mitglied der CDU ist, wird man sich auf etwas anderes verlegen müssen.

Gerade in ihren Provokationen wird nämlich deutlich, wie sehr die Neue Rechte auf den politischen Fundus der Nicht-Rechten angewiesen ist: Sie versuchen, das Hambacher Fest für sich zu kapern, die Weiße Rose, den Feminismus (solange es gegen Muslime geht) und neuerdings die Friedliche Revolution von 1989. Dieses Angewiesensein der Neuen Rechten auf die Erfolge der anderen Seite muss doch zu denken geben! Gespräche darüber, was die Friedliche Revolution eigentlich war, wem der Feminismus "gehört", sind doch – selbst wenn sie gar nichts "bringen" – einfach höllisch interessant! Nichts ist entwaffnender als echtes Interesse. Wer solchermaßen ins Gespräch verwickelt wurde, kann keinen Märtyrerstatus mehr geltend machen.

Und was hätte die CDU-Spitze zum Beispiel dabei zu verlieren, wenn sie mit Hans-Georg Maaßen über sein Deutschlandbild diskutierte? Wenn Wolfgang Schäuble fragen würde, warum der Mann bis vor einem Jahr offenbar sehr gern einem Staat gedient hat, den er nun mit der DDR vergleicht? Was hält die "Werte-Union" von obersten Staatsdienern, die über Monate durch die Hauptstadt tingeln und ihre eigene Regierung anschwärzen, wie es Maaßen als amtierender Verfassungsschutzpräsident getan hat? Wie lange hätte wohl Helmut Kohl oder gar der umschwärmte Alfred Dregger sich derlei Illoyalität gefallen lassen, bevor er einen solchen Beamten achtkantig vom Dienst suspendiert hätte?

Auf den Vorwurf eines AfD-Mannes, sie habe das Land in die Diktatur geführt, sagte die Kanzlerin neulich, was zu sagen war: dass er keine Repressalien zu befürchten habe, seine Frage beantwortet werde und auch im Bundestag von Unterwerfung der AfD-Opposition keine Rede sein könne. Juristisch stimmt das. Niemand wandert nach Bautzen, weil er Merkel kritisiert hat. Wenn aber trotzdem annähernd zwei Drittel der Deutschen laut einer Allensbach-Umfrage der Meinung sind, man müsse "heute sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert", führt das eben zurück auf den ritualisierten Nazi-Vorwurf. Es rächt sich, dass zu lange von "Alternativlosigkeit" in mindestens drei großen gesellschaftlichen Fragen (Euro, Flüchtlinge, Ökologie) die Rede war und jetzt viele das Gefühl haben, es gäbe nur noch 50 Shades of Green und alles andere läge jenseits der Demarkationslinie.

Die Neuen Rechten sind gekommen, um zu bleiben. Magisches Denken wird sie nicht beseitigen. Demokratie ist keine Glaubensrichtung. Sie lebt von Praxis, und es stinkt und knirscht und schmerzt gelegentlich. Aber die CDU ist eine Volkspartei mit jahrzehntelanger Regierungserfahrung in den Knochen. Sie hat es nicht nötig, sich zu verstecken und mit Verboten zu fuchteln. Runter vom Balkon, rein ins politische Handgemenge!