Eigentlich hat man den Schnabel ja gestrichen voll von dem Federvieh. Jonathan Franzen labert uns seit Menschengedenken mit seinem Nerd-Hobby, der Vogelbeobachtung, zu. Derweil sterben die Arten. Ständig soll man Vögel zählen. Und seit Jahrhunderten laden die Dichter ihren Projektionsmüll auf den eierlegenden Dinosauriernachfahren ab. Wie viele verunglückte Metaphern schleppt die arme Nachtigall wohl auf ihrem grazilen Kreuz tagtäglich mit sich?

Kurzum: Gibt es denn keine anderen Tiere, die man beobachten könnte? Asseln zum Beispiel. Wo ist Michel Houellebecqs zoologische Studie aus dem Kellerloch? Rainald Goetz’ Chat mit den Schimpansen?

Aber die skandalös gute Nachricht ist: Auch Brigitte Kronauer hat es getan. Hat die Vögel ins Spiel gebracht – und uns eine Schriftstellerin namens Charlotte nachgelassen. Der steigt die Vogelpräsenz in Form von Büchern und Bildern im Haus, das ihr von einem befreundeten, im Ausland auf Safari befindlichen Ornithologenpärchen als Schreibklause überlassen wurde, so zu Kopf, dass ihr lauter kleine Porträtkurzgeschichten von sozusagen vogelscharf geschnittenen Menschen daraus erwachsen. "Glamouröse Handlungen" soll der Roman heißen, den sie in der Abgeschiedenheit in Angriff nimmt, gedacht als fröhlicher Klaps ins Gesicht der Literaturkritik, die ihr Handlungsimpotenz vorwirft. Doch dann übernehmen erst die Vögel die Herrschaft über die Fantasie, bis die unverhoffte Rückkehr der Hausbesitzer alle Pläne – und damit auch die Geschichten – durcheinanderbringt. Von Schönen, Schäbigen, Schwankenden, an Amseln oder Sperber oder deren illustre Verwandte erinnernden Menschen soll erzählt werden. Erstere abstürzend aus der Großartigkeit, die Mittleren dahinwelkend, Letztere einen Moment des Glanzes erlebend, auf den der Abstieg folgt. Doch welches der dreimal dreizehn Biogramme in welche Kategorie gehört, muss der Leser entscheiden. "Romangeschichten" lautet die kreative Genrebezeichnung auf dem Cover von Brigitte Kronauers letztem Buch. Vor knapp einem Monat ist sie verstorben. Tatsächlich ließe sich wohl aus fast jedem der Kurzporträts ein Roman entwickeln – und zwar einer voller glamouröser Handlungen, der selbst actionbedürftige Kritiker zufriedenstellen könnte. Kronauer und ihre Charlotte verzichten darauf, liefern stattdessen eine Sammlung von konzentrierten Lebensbilanzen. Betörend, benebelnd, manchmal beißend – wie reine Duftessenzen.

Da ist die kapriziöse Rosetta, Tochter des berühmten Malers Fettke, die als "unumschränkte Herrscherin einer willfährigen Gesellschaft" ein biederes Abendessen aufmischt und reine Erotik verströmt. "Aber der Mund!", seufzt die Erzählerin mehrmals. "Er stand als dunkelrote Mohnblüte im hellen Feld ihres Gesichts." Der Text berauscht sich über eine ganze Seite geradezu an diesem pornösen Mund, vollzieht auf der literarischen Ebene das Begehren nach oder beschwört es vielmehr nach allen Regeln der Sprachkunst erst herauf. Solche Passagen sind Kronauers Kür, hier kann sie das ganze Ausdrucksspektrum des von ihr perfektionierten Schachtelsatzes auskosten. Er eignet sich für die präzise Beschreibung, nicht weniger jedoch für vielschichtige Ironie. Eine zart parodistisch anmutende Hommage an die Epoche der bürgerlichen Hochliteratur scheint immer hindurch, genauso aber der moderne Hinweis auf die zwangsläufige Künstlichkeit des Erzählten. Es ist ein anspruchsvoller, aber gut lesbarer Stil, denn die Sätze sind mit Musikalität gefügt und die Einschübe so gewählt, dass eine semantische Binnenspannung entsteht, man beim Lesen stets aufmerksam bleibt: "Was uns an ihr behexte? Vielleicht das ungeheuer Erwartungsvolle, das mit ihr den Raum betreten hatte, eine Erwartung an jedermann, das Aufsaugende, als wäre sie ein feuchter, trotz ihrer Blondheit dunkler Trichter, der alles für sich verlangte, von jedem und von jeder Sekunde, um als Gegengeschenk eine schrankenlose Hingabe zu gewähren." Man ahnt, mit einem solchen Paradiesvogel kann es kein gutes Ende nehmen. Rosettas ist denn auch gänzlich grotesk.

Jedes der Porträts endet mit einer mal krachenden, mal matt leuchtenden Pointe, die in den gelungensten Fällen ebenso viel offenbart wie ins funkelnde Geheimnis transzendiert. Die Literaturkritikerin Veronika, genannt "Mitsou", französisch elegant, sexy und mit einem messerscharfen Verstand gesegnet, ist im Liebes- und Berufsleben gleichermaßen abgebrüht: "Veronika musste niemand beibringen, dass zwei-, dreimal pro Saison eine aufwühlende Erschütterung bei der Lektüre erwünscht war, ebenso aber gehörte zum Styling die schnoddrige Grazie der Hochstapelei." Sie verliert schließlich ihren Zauber, als ihr Lieblingsliebhaber sie sitzen und sich das Alter nicht mehr aufhalten lässt. "Der Perlmuttschimmer ihres Prachtgefieders ergraute."

Nicht nur von fatalen Frauen wird gezwitschert. Ein offensichtlich geistig behinderter, vom Alkohol gezeichneter, unbeholfen aufdringlicher Sohn eines Unternehmers sucht verzweifelt Anschluss in der Art eines Stalkers. Ein junger Friseurlehrling, vom Leben buchstäblich mit einer monströsen Narbe quer über die Brust gezeichnet, ist tief enttäuscht von seiner Stadt, als ihm sein Lieblingsort im Park genommen wird. Woraufhin er mit seinem Freund nach Kanada auswandert, zu seinem Onkel und den "Kolibris".