Leichen, zerstückelte wie komplette, erfreuen sich im Drama wie in der Komödie seit je einiger Beliebtheit. In Alfred Hitchcocks Cocktail für eine Leiche ruht ein eben Ermordeter inmitten einer Cocktailrunde, die ein auf seiner Totentruhe serviertes Buffet genießt und dabei, natürlich, über den scheinbar Abwesenden lästert. Und ständig schwebt die Gefahr einer Entdeckung des Grauslichen über aller Groteske. Sehr fesselnd, sehr spaßig: Hitchcock eben.

Im Zentrum des nun im Salzburger Landestheater uraufgeführten Stücks von Theresia Walser ruht in einer Truhe die darin entsorgte Leiche des Halbbruders der Bürgermeisterin. Der hat kurz zuvor sein Auto in eine Volksgruppe gelenkt und dabei einige Menschen getötet, darunter ein Muslim und er selbst. Worauf Frau Bürgermeisterin mithilfe eines weiteren Bruders die Leiche aus dem Schauhaus entführte, in ihre Dienststube. So weit, so spaßig. Der Hilfsbruder, ein Weichei, hat sich beim Einbruch beide Hände so verletzt, dass er das ganze Stück über mit weiß bandagierten Tentakeln rumstehen muss. Corinna, die Bürgermeisterin, ist ein raubolziges, karrieresüchtiges Schlangenbiest, eine Comic-Politikerin. "Uns kommt nur noch die Komödie bei", sagte einst der gallige Emmentaler Dürrenmatt (auch so ein Großmeister des sardonischen Gelächters), und die Alemannin Theresia Walser denkt das seit je und hat in etlichen Dramen Cocktails aus Makabrem und Groteskem, aus absurder Bizarrerie und wortverspieltem Wahnwitz gemixt (King Kongs Töchter; So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr; Die Kriegsberichterstatterin).

Es ist Wahlkampf, ein Skandal wäre tödlich für die Bürgermeisterin! War’s ein erweiterter Selbstmord, ein Unfall, war’s Amok, ein Attentat? Ihr Bruder, der offiziell noch nicht identifizierte Tote, muss erst mal weg: rin in die Kiste, ein nackter Fuß hängt raus. Komödiensetting.

Ist ja kein schlechter Plot für Hohn und Spott über unsere Polithyänen und -sumpfhühner; denn nun treten auf die Muslimwitwe, die rechte Gegenkandidatin, der parteifrei beamtete Referent und Redenschreiber wechselnder Chefs; da ließe sich schon einiges reinpacken an Injurien, hellsichtigem Hass und bloßgestellter Idiotie. Jedoch, es kommt nichts! Das Dramolett heißt Die Empörten, aber die sind alle bestenfalls ein wenig verstört. Es fallen die üblichen Witze, etwa zur (hierorts geborenen) Muslimin: "Sie sprechen aber gut Deutsch." – Antwort: "Sie auch." Von der Politikerin erfahren wir, dass sie nur noch Kugelschreiber geschenkt kriegt und Tickets für scheußliche Opernaufführungen, dass ihr Beruf sie zu Übernachtungen in grässlichen Hotels zwingt, "wo ich in überdimensionierten Betten schlafen muss, und kaum bin ich weg, lassen sie die Sau raus, ejakulieren sich durch Rotlichtgassen, während ich allein im Orgienbett hocke".

Immerhin spricht, schreit und gestikuliert das die aufgekratzt tobende Caroline Peters, raukehlig und gänzlich aus der Haut gefahren, umschlichen von ihrem in Jahrzehnten zusammengestauchten Referenten, dem André Jung in seiner marottenhaft stockenden Sprechweise gelegentliche Ausbrüche einer modrigen Seele gestattet. Er tritt im Pinguinfrack mit überlangen Rockschößen auf, klettert gleichwohl auf himmelhohe Staffelleitern, um an die Bürowand ein Kruzifix zu hängen – an eine scheußlich dunkelbraune Holztäfelung übrigens, das Einheitsbühnenbild verantwortet Florian Etti. Die Rückwand: großflächige Plexiglaskassetten, dahinter ein Alpenpanorama, das – warum auch immer – von Szene zu Szene weiterzieht, mal lieblich ist, mal schroffbergig, am Ende zittern riesige, dürre Bärenklau-Dolden im Winde. Na doll.

Inszeniert hat der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard Kosminski, der schon einiges von Theresia Walser in Szene gesetzt hat. Hier ist ihm nichts eingefallen, seine Wortregie, die doch die Walser-typischen Dialogfetzen gewitzt hätte verstricken müssen, scheitert komplett; aus den wenigen Angeboten der Autorin für Späße und Slapstick macht er nichts (auch nicht aus der Leichenkiste als Objekt der Neugier), nicht mal aus Silke Bodenbender als aggressiv-rechter Heimatschützerin: sie ist lieb und hübsch und fehlbesetzt; kein Vergleich mit unseren realen, höhnisch versauerten Blondies von der Rechten!

Mit einem Wort: Kosminski machte aus Walsers einfallsarmem Stück eine einfallslose Aufführung. Jetzt bei den Salzburger Festspielen. Vom Herbst an im Stuttgarter Staatstheater.