Da sitzt er, Hemd aus der Hose, verschwitzt und fahrig. Arme mal überm Kopf, mal dahinter. Der ungepflegte Glatzkopf fährt kurz aus der Haut, gibt schneidige Kommandos und verschwindet in einer Abstellkammer. Dort brütet er vor sich hin. Hört er Stimmen? Zurück im Büro, nimmt er einen Filzstift und ergänzt ein Plakat um ein einziges Wort: back. Auf dem Plakat steht nun "Take back control".

Der verrückte Typ ist der fabelhafte Schauspieler Benedict Cumberbatch im Film Brexit: The Uncivil War. Er spielt dort den Mann, ohne den es den Brexit nie gegeben hätte – jenen diabolisch-geheimnisvollen Dominic Mckenzie Cummings, der mit einer faustdicken Lüge die Vote Leave-Kampagne gewonnen und Großbritannien aus der EU katapultiert hat. Toby Haynes, der Regisseur, muss nichts übertreiben. Cummings (47) ist tatsächlich ein Besessener und verfolgt nur ein Ziel: Er will das politische System hacken und das Virus der Revolution einschleusen, vorbei an der regierenden Klasse, den Bullshittern, den Anzugträgern und Kretins. Er bekämpft sie, wo immer er sie trifft, er zerquetscht sie mit Worten. Den ehemaligen Brexit-Minister David Davis nannte er dumm wie Brot, dick wie eine Frikadelle und faul wie eine Kröte.

Umgekehrt werfen auch Cummings’ Gegner nicht mit Koseworten um sich. Sie nennen ihn wahlweise "Karrierepsychopath" (David Cameron), "verdammter Rasputin" (The Guardian) oder kurz "Arschloch" (Craig Oliver, der Kampagnenleiter der Remainer). Lange Zeit hatten sie gehofft, den Flegel endlich losgeworden zu sein, doch nun der Schock: Er ist wieder da. Boris Johnson hat ihn zu seinem special advisor ernannt, der sogar an Kabinettssitzungen teilnehmen darf. Mitarbeiter beschreiben seine Amtsführung als Terrorherrschaft, was in Cummings’ Ohren wie Musik klingen wird. Die Verachtung, die ihm die Welt entgegenbringt, ist der Beweis seiner historischen Unverzichtbarkeit.

Gelegentlich wird Cummings mit Stephen Bannon verglichen, Trumps ehemaligem Wahlkampfstrategen. Viel besser passt der Vergleich mit Gianroberto Casaleggio, dem verstorbenen Mastermind der italienischen Bewegung Cinque Stelle. Mit ihm teilt Cummings den fanatischen Glauben an die digitale Revolution, an Wissenschaft und Technik. Und wie Casaleggio fühlt er sich als Kämpfer für eine Zukunft jenseits von links und rechts – als einer, der weiß, dass die Zeit der alten Institutionen abgelaufen ist. Aus, vorbei.

Cummings’ Zukunftsglaube kam überraschend. Wie Boris Johnson ist er von Haus aus Althistoriker und verließ die Universität Oxford mit Bestnoten. Dann ging der Sohn einer Sonderschullehrerin und eines Projektleiters für Erdölbohrungen ein paar Jahre nach Russland und wurde zum intellektuellen Allesfresser. Er las die Bücher nicht, er stopfte sie in sich hinein. Vor allem Mathematiker faszinieren ihn maßlos, zum Beispiel Genies wie John von Neumann. Aber auch Strategen wie Sun Sunzi ("Siegen, ohne zu kämpfen"), Clausewitz oder Bismarck empfiehlt er dringend zur Lektüre. Alte Ware, aber gerade topaktuell.

Nur Philosophen mochte Cummings nie besonders, abgesehen von Leibniz und Nietzsche. Warum? Weil sie mit ihren antiquierten Gedanken Politikerhirne infiziert hätten. Ob Konservative, Liberale oder Sozialisten – ihre Programme seien mit alter philosophischer Tinte geschrieben, aus ihnen ströme der Muff aus der Welt von gestern. Doch der Westen brauche einen neuen, einen revolutionären Geist: den von Kybernetik, Informatik, Mathematik, Ökonomie, Quantenmechanik, Physik, Robotik, Verhaltensgenetik und Kognitionswissenschaft. Diese Wissenschaften haben die Welt bislang nur verschieden interpretiert. Jetzt kommt es darauf an, sie zu verändern.