Es sollte eine entspannte Runde im Kreis von Geschäftsfreunden werden, Ende Juli in Rio de Janeiro. Die Ehefrauen waren mit dabei, man bestellte Cocktails und Whisky, und die Kellner des eleganten Chinarestaurants schenkten eifrig nach. Der Mann im Mittelpunkt des Abends hielt den Small Talk nicht lange aus. Mit einer Hand griff er nach einem rohen Blatt Kohl, wickelte eine Frühlingsrolle und Beilagen darin ein und biss zweimal herzhaft ab. Dann wischte er sich die Finger sauber und holte das Handy raus.

"Lithothamnium!", ruft Eike Batista im Beisein des Reporters. Das sei der Begriff, den sich alle merken müssten. Das Zauberwort für den Eintritt in eine neue Welt. Der Name einer kaum bekannten Alge, die massenhaft vor den Küsten Brasiliens wächst und in der, seiner Meinung nach, sagenhafte Kräfte schlummerten.

"Wollen Sie das auf meinem Handy sehen?" Batista reicht das Gerät über den Tisch, der kleine Bildschirm zeigt Screenshots von Forschungsberichten. Da steht, dass Kaffee- und Sojapflanzen schneller wachsen, wenn man sie mit diesen Algen düngt. Sogar Menschen könnten gesünder werden, wenn sie Mineralien auf Lithothamnium-Basis einnähmen. Er, Batista, schlucke so etwas schon seit geraumer Zeit.

Keiner kann sagen, ob er visionär, größenwahnsinnig oder verrückt ist

"Einen ganzen Zentimeter bin ich dadurch gewachsen", fügt er hinzu. Ist das ein Scherz? Keiner der Tischgäste lacht.

Es ist ein klassischer Eike-Batista-Moment: der Auftritt des Milliardenbeschwörers. Die fast hypnotische Präsentation einer Geschäftsidee, von der man am Ende nicht sagen kann, ob sie nun visionär ist, größenwahnsinnig oder verrückt.

Batista beherrscht dieses Spiel meisterhaft, immer noch. Beim Reden starrt er hochkonzentriert auf seine Gesprächspartner, er spricht didaktisch, in wohlüberlegten Worten. Er vergewissert sich, dass die wichtigen Punkte verstanden worden sind. Hin und wieder unterbricht er sich selbst, macht eine charmante Bemerkung, einen kleinen Scherz.

Mit 62 Jahren wirkt der Sohn einer gebürtigen Hamburgerin, heute anders als in seiner großen Zeit. Vor zehn Jahren noch waren die brasilianischen Klatschspalten voll mit Geschichten über seine glamourösen Auftritte, über sündhaft teure Haarteile, Vitamin- und Hormonkuren und kosmetische Geheimnisse hinter dem unfehlbaren Gewinnerlächeln. Inzwischen hat Batista sich die Haare so kurz rasieren lassen, dass an vielen Stellen die Kopfhaut durchscheint. Um seinen Mund haben sich harte, asketische Züge gebildet, er sieht ernster und ein wenig müde aus. Er trägt jetzt gern Schwarz.

Er präsentiert sich gern als kapitalistischer Superstar

Die Präsentationen von Eike Batista über künftige Investitionschancen waren um das Jahr 2010 herum an den internationalen Finanzmärkten der große Hit. Es war die Zeit, in der das britische Wirtschaftsmagazin Economist die Christusstatue von Rio als eine durchstartende Rakete auf seinem Cover abbildete und Investoren sich auf das rohstoffreiche Brasilien stürzten. Batista inszenierte sich als der Mann, den die Investoren suchten: als kapitalistischer Superstar, als genialer Entdecker milliardenschwerer Geschäftsideen in seinem aufstrebenden Heimatland.

Kurz nacheinander brachte der Mann fünf Konzerne an die Börse, spekulative Start-ups, die genau zu den Anlegerfantasien passten: Öl, Bergbau, Hafenbau, Stromversorgung, Ölbohrplattformenkonstruktion. 2012 stand er bereits auf dem siebten Platz der "World’s Billionaires List" des US-Magazins Forbes, mit einem geschätzten persönlichen Vermögen von über 30 Milliarden Dollar. Er wolle der reichste Mann der Welt werden, erklärte er in der US-Talkshow Charlie Rose.

Und dann, wenige Monate später, wurde Batista wieder zu einem nationalen Symbol: für den Niedergang. Der weltweite Rohstoffmarkt erlebte eine Flaute, Brasilien rutschte in eine jahrelange Rezession, und Batista musste ein Unternehmen nach dem anderen notverkaufen. 2014 meldete die Nachrichtenagentur Reuters das Unglaubliche: Batista hatte alles verloren. Er war jetzt kein Milliardär mehr, er saß sogar auf einem gewaltigen Schuldenberg.