So einfach ist es nicht! – Seite 1

Die Gegenseite: Deutschland plane mehr Stromleitungen, als es wirklich brauche, schrieb die Energieexpertin Claudia Kemfert vergangene Woche an dieser Stelle.

Bürgerinitiativen protestieren seit Jahren gegen Stromtrassen, die künftig Energie von Nord- nach Süddeutschland transportieren sollen. Sie wollten zwar die Energiewende, heißt es da, aber eine andere: mit dezentraler Erzeugung aus erneuerbaren Energien und Speichern, mit einer Optimierung der Netze und einer flexiblen Nachfrage. Vergangene Woche schrieb Claudia Kemfert in der ZEIT, eine solche Energiewende biete Alternativen zu den bisherigen Plänen. Und verspricht damit, was die Bürgerinitiativen wollen: Weniger Netze. Leider ist es nicht so einfach.

Ende 2022 wird das letzte Atomkraftwerk in Deutschland abgeschaltet, der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist schon beschlossen. Wollen wir diesen Strom danach durch Wind- und Sonnenenergie ersetzen, brauchen wir die neuen Leitungen, um Entfernungen zu überbrücken. Denn die meisten dieser Großkraftwerke stehen rund um die Industrieregionen mit ihrem hohen Stromverbrauch im Westen und Süden Deutschlands oder direkt neben den Braunkohle-Abbaugebieten. Erneuerbarer Strom wiederum wird vor allem dort erzeugt, wo weniger Verbraucher zu finden sind – Windstrom zum Beispiel in den ländlichen Regionen im Norden und Nordosten Deutschlands und auf hoher See.

Stromtrassen

Die Streckenverläufe der geplanten Stromautobahnen durch Deutschland

© Carolin Eitel für DIE ZEIT

Es stimmt, die Betreiber der Stromnetze sind Monopolisten, die ihr Geld mit Leitungen verdienen. Die Schlussfolgerung von Frau Kemfert allerdings, dass der Ausbau des Netzes deswegen oftmals zu massiv geplant sei, stimmt nicht. Die Netzbetreiber unterliegen einer strengen Kontrolle durch die Bundesnetzagentur und dürfen neue Leitungen nur bauen, wenn Politik und Verwaltung diese für erforderlich halten. Deswegen überprüfen Elektroingenieure und Wissenschaftler in der Netzagentur regelmäßig die Ausbaupläne der Unternehmen in aufwendigen Modellrechnungen.

Wir stellen die Ergebnisse ins Netz, und jedermann hat die Möglichkeit, sie zu kommentieren. In der Vergangenheit haben uns dabei über 30.000 Stellungnahmen erreicht, mit denen wir uns auseinandergesetzt haben. Zum Schluss stimmen Bundestag und Bundesrat über unsere Empfehlung ab. Ein höheres Maß an fachlicher und demokratischer Legitimation gibt es nicht.

Wir setzen bei der Überprüfung der Pläne noch dazu immer auf die Hilfe externer Wissenschaftler, zum Beispiel der RWTH Aachen oder der Technischen Universitäten in Graz und Dortmund. Das Ergebnis dabei war immer wieder, dass die Mehrzahl der von den Netzbetreibern vorgeschlagenen Leitungen zwar erforderlich sind. In der Regel aber haben wir die Planungen dennoch um gut ein Drittel zusammengestrichen. Alles Einsparpotenzial, technisches und wirtschaftliches, wird mitgedacht – auch in der Hoffnung auf künftige Innovationen. Das übersieht Frau Kemfert in ihrer Argumentation – von einem zu massiven Netzausbau kann keine Rede sein.

Auch die Idee, man könne den Ausbau mit dezentraler Erzeugung und Speichern reduzieren, ist unrealistisch. Die Ballungszentren lassen sich nicht nur mit regional erzeugtem erneuerbaren Strom versorgen. Dazu fehlen die Flächen und gelegentlich auch die politische Unterstützung.

Wir brauchen die Leitungen

Das Potenzial von Solarenergie wird ebenfalls überschätzt. Natürlich ist die Förderung dezentraler Solaranlagen auf Gebäudedächern ein wichtiger Bestandteil der Energiewende. Haushalte machen aber nur knapp ein Viertel am deutschen Stromverbrauch aus. Und selbst wenn sich die heutige Fotovoltaikleistung verdoppelt, wie wir es der Netzplanung bis 2030 zugrunde legen, wird sie nur etwa ein Sechstel des prognostizierten Strombedarfs decken. Obwohl wir also von erheblichen Zuwächsen bei der Solarenergie ausgehen, brauchen wir die Leitungen.

Daran ändern auch Speicher nichts, die Frau Kemfert anführt: Um zum Beispiel den Strom für eine dreiwöchige Dunkelflaute in der Metropolregion Nürnberg mit 3,6 Millionen Einwohnern vorzuhalten, entsteht ein Speicherbedarf, der über 36 Millionen stehenden Elektroautos entspricht. Das sind zehn Elektroautos pro Einwohner. Oder man müsste in der Region 130 große Pumpspeicher errichten und zum Ausgleich der Flaute gefüllt vorhalten. Heute gibt es 36 Pumpspeicher – bundesweit! Selbst in den Bergen lassen sich die nötigen Speicherkapazitäten weder zu vernünftigen Kosten noch mit vertretbaren Eingriffen in Landschaft und Natur schaffen. Ganz abgesehen davon sind die Berge von Nürnberg weit entfernt.

Uns ist wichtig, dass nur Leitungen gebaut werden, die auch nach einem Kohleausstieg gebraucht werden. Die Behauptung von Frau Kemfert aber, die Leitungen seien entbehrlich, weil die Windproduktion im Norden lediglich die dort wegfallende Kohle ausgleiche, hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Sie lässt nämlich das Kernproblem ungelöst, dass vor allem im Süden die Erzeugungsanlagen fehlen werden, während die prognostizierte Winderzeugung im Norden mit knapp 160 Terrawattstunden den dortigen Verbrauch von nicht ganz 100 Terrawattstunden sehr deutlich übersteigt.

Bleibt schließlich der Wunsch, den Netzausbau zu reduzieren, indem die Strommenge durch unterschiedliche Tarife zu unterschiedlichen Zeiten gesteuert und gedrosselt wird. Wir können nicht erkennen, dass sich das Verhalten der Menschen in den nächsten Jahren in Richtung einer flexiblen Nachfrage lenken ließe. Wenn überhaupt, werden Haushalte und Unternehmen niedrige Strompreise nutzen, wenn viel Windenergie eingespeist wird. Im Interesse der Vermeidung von Kohlendioxid wäre das gut. Der Netzausbau aber würde weiter steigen, weil der zusätzliche Verbrauch in Momenten entstünde, in denen das Stromnetz ohnehin ausgelastet ist.

Dezentrale Erzeugung, Speichertechnologien, flexible Nachfrage und Optimierung der Netze – keines dieser Elemente ist falsch. Falsch ist das Denken in Gegensätzen: Wir werden alles brauchen, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Allein um den Netzausbau nicht noch über die aktuellen Planungen hinauswachsen zu lassen. Frau Kemfert überschätzt jedoch das Potenzial der einzelnen Elemente. Ein Verzicht auf die Stromleitungen gefährdet nicht nur die sichere Stromversorgung, sondern auch die Energiewende.