Diese Musik ist hochabstrakt – und zugleich eminent körperlich. Sie ist körperlich wegen der warmen, weich schwingenden Bässe, die unter den Rhythmen und den Melodien dräuen und manchmal sich auch plötzlich aus dem Klanggrund erheben und große Räume eröffnen und den ganzen Körper umhüllen. Sie ist abstrakt wegen der komplizierten, mal fließenden, mal stolpernden und stockenden Beats, zusammengesetzt aus klitzekleinen Klangfitzeln, aus den Samples von knisternden Tüten oder blökenden Hörnern, von quakenden Enten oder kiebig krächzendem Raubvogelvieh. All diese Klänge werden in weite Echokammern gestellt, in denen jeder einzelne Schlag, jeder einzelne Sound sich in seiner eigenen Geschwindigkeit fortzubewegen und zu entwickeln scheint. Manchmal schuckern die Geräusche scheinbar fremd nebeneinander her; aber dann bildet sich aus den unscharfen, flirrend vibrierenden Bildern doch wieder eine musikalische Ganzheit.

Equiknoxx heißt das Kollektiv aus Kingston, Jamaika, das mit Eternal Children jetzt sein bisher bestes und farbigstes Album vorgelegt hat. Seit Mitte der Nullerjahre versorgen Jordan "Time Cow" Chung und Gavin "Gavsborg" Blair die Sängerinnen und Sänger ihrer Heimat mit Riddims, also mit Instrumentalstücken, über denen dann rappend improvisiert wird. Doch haben sie dieses musikalische Dienstleistungsgewerbe schon immer mit einem Hang zur größtmöglich verfeinerten Studiotüftelei ausgeführt: Sie sampeln, filtern, fitzeln, schreddern und modulieren in einem fort; aus welchen Quellen ihre Beats und Sounds stammen, erschließt sich am Ende auch beim konzentriertesten Hören nicht. In jedem neuen Durchlauf meint man etwas anderes wahrnehmen zu können: Naturgeräusche, Tierstimmen, steinzeitliche Klänge aus einem Modularsynthesizer, weißes Rauschen aus dem Äther, leichtes Tinnitusfiepen aus dem eigenen Kopf, all das mischt sich hier ineinander.

Seit 2016 haben sie mit zwei Instrumentalalben auch beim europäischen Publikum für Aufsehen gesorgt. Auf Bird Sound Power und Colón Man war die Stimmung düster und klaustrophobisch, die weiten Klangräume wirkten sonderbar trocken und leer: Vakuum-Dub. Die Musik auf Eternal Children ist demgegenüber heiterer und wandlungsreicher geworden, auch haben Equiknoxx ihre Stücke nun durchweg mit dem Gesang wechselnder Gäste versehen. Besonders Shanique Marie, bisher nur 2016 mit ihrer Debüt-EP Uno und als Mitglied der Equiknoxx-Live-Crew aufgefallen, ist eine Entdeckung: Mit ihrer schönen, hellen, leicht heiseren Stimme wechselt sie mühelos zwischen den Registern; den leiernden Duktus der Dancehall-Rapper mit seinen wiederum ständig schwankenden Metren beherrscht sie ebenso wie das soulvolle Extemporieren im romantischen Song – wie auch, und das sind vielleicht die tollsten Stellen des Albums, den wortzerschreddernden und silbenabschmeckenden Scat-Stil aus dem frühen Hip-Hop der Siebzigerjahre.

So wie das Zeitmaß des Gesangs und seiner Begleitung stets schwankt, so bewegt die Musik von Equiknoxx sich im Ganzen in origineller, oft unvorhersehbarer Weise vor und zurück in der Zeit. Die Produzenten, ihre Sängerinnen und Sänger graben tief in der Geschichte und in ihrer musikalischen Herkunft und wenden sich zugleich der Gegenwart und der Zukunft der globalen Verstreuung von popmusikalischen Traditionen zu. Manche Zitate erinnern an den klassischen Ska-Reggae der Sechzigerjahre und an dessen Weiterführung im britischen Punk (das Intro zu Manchester könnte mit seinem düster sich im Kreis drehenden Bläsersatz auch aus einem Stück der Specials stammen). An anderen Stellen klingt jener gleichsam entkörperlichte, maschinell-minimalistische Dub-Techno durch, wie er im Berlin der Neunziger- und Nullerjahre gepflegt wurde – längst schon wieder verstummte Echos aus zwischengenutzten Nachwende-Ruinen, von Jamaika so weit entfernt wie nur denkbar. In dem Stück Manchester brillieren schließlich Brent Bird und Fox, zwei Rapper aus der blutjungen Swing-Ting-Crew, die auf ihren Partys in der nämlichen Stadt die exzessive Feier des endlosen Tanzens mit dem grimmigen Sozialrealismus des neuesten Grime verbindet. "We listen to Frisco, Wiley und Skepta", rühmt Shanique Marie dazu alte und neue Helden dieser Musik.

Eternal Children ist ein großes Pop-Album, auf dem sich ein herzzerreißendes, jederzeit hitparadentaugliches Liebesduett (Rescue Me) ebenso findet wie eine bis an die Grenzen des hörerisch Nachvollziehbaren gehende Synkopenspielerei zu außerweltlich flirrenden Streichern (Move Along). Vor allem aber ist es ein Album, das den Zustand unserer globalisierten Popkultur spiegelt: Es handelt von Herkunft und Traditionspflege, aber auch von Bewegung, Verwandlung, Entwicklung. Mit Eternal Children, sagen Equiknoxx, wollten sie die Musik der jamaikanischen Diaspora zum Erklingen bringen. An den verschiedensten Orten der Welt haben sie die Sounds ihrer Herkunft und Tradition wiedergefunden, die dort zu etwas anderem geworden sind; dieses andere, Neue haben sie sich wiederum angeeignet und an seine Wurzeln zurückgeführt. So wie das Echo im Zentrum ihrer Produktionsweise steht, so bringen Equiknoxx die globale Popwelt als Echoraum zu Gehör, in dem die Stimmen und Rhythmen und Sounds sich unaufhörlich miteinander vermischen; und sie feiern die Schönheit dieser Vermischung und der Hybridität – keine geringe Tat in unserer identitätspolitisch sonst so verhärteten und verbitterten Zeit.