Wie klein die noch sind, geht es einem durch den Kopf, wenn man dieser Tage die frisch eingeschulten Kindergärtler auf dem Trottoir kreuzt. Klein? Eigentlich sind die Knirpse bereits zu groß. Sie kommen nicht schon, sondern erst mit vier Jahren in den Genuss von staatlich finanzierter Bildung und Förderung. Das ist zu spät.

Jedes dritte Kind, das in der Schweiz in den Kindergarten kommt, also in die unterste Stufe der Volksschule, spricht daheim kein Deutsch, recherchierte die SonntagsZeitung. Vor zehn Jahren war es noch jedes vierte Kind, vor zwanzig jedes fünfte. Auch wenn sie ab dem ersten Chindsgi-Tag Deutschunterricht in Kleingruppen erhalten, können sie ihr Handicap nie mehr aufholen: Bei den Pisa-Tests schneiden sie regelmäßig schlechter ab als ihre deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen. Dazu bremsen sie das Lerntempo der anderen, vor allem in den großen Städten, wo es teils Klassen mit lediglich zwei oder drei deutschsprachigen Kindern gibt.

Zum Beispiel in Basel. Dort leben anteilsmäßig mehr fremdsprachige Schul- und Kindergartenkinder als in jeder anderen Stadt der Schweiz, nämlich 51 Prozent. Seit neun Jahren können in Basel deshalb alle Dreijährigen, die noch kein Deutsch sprechen, an zwei Halbtagen in der Woche eine Spielgruppe besuchen – seit fünf Jahren werden sie dazu vom Staat verpflichtet. Die Erfahrungen sind so gut, dass andere Gemeinden nachziehen.

"Das Projekt in Basel ist ein pragmatischer Anfang. Aber das reicht bei Weitem nicht." Das sagt der Soziologe Martin Hafen, der an der Fachhochschule Luzern zur frühkindlichen Bildung in der Schweiz forscht. Das sind zum einen die Schweizer Eltern, die sich benachteiligt fühlen, weil sie für die Betreuung ihrer Kinder bezahlen müssen, während die portugiesischen Gastarbeiter oder die wohlhabenden Expats von den Gratis-Spielgruppen profitieren. Auch seien die Lernerfolge zum Teil nicht optimal, sagt Wissenschaftler Hafen, wenn die fremdsprachigen Kinder in den Spielgruppen unter sich blieben.

Die Sprache sei zudem nur ein Grund, weshalb Kinder einen schweren Schulstart haben können. Wer daheim nicht gefördert wird, nie ein Buch zu Gesicht bekommen hat, tagaus, tagein vor dem Fernseher sitzt oder nie üben kann, wie es ist, mit anderen Kindern zusammen zu sein, hinkt später in der Schule seinen Altersgenossen hinterher. Für Hafen bräuchte es deshalb: "Massiv günstigere und professionellere Kitas, flächendeckend, in der ganzen Schweiz."

Doch wenn es um die frühkindliche Förderung und Betreuung geht, ist die reiche Schweiz ebenso geizig wie ideologisch verbrämt. Kaum ein OECD-Land gibt gemessen an der Wirtschaftskraft derart wenig Geld für die Vorschulbildung aus. In Ländern wie Island und Schweden sind es mehr als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in der Schweiz waren es 2015 nicht mal halb so viel: 0,4 Prozent.

Darunter leiden die Kinder, die von einer frühen Förderung profitieren würden. Aber auch die Gesellschaft zahlt einen Preis dafür.

In keinem Lebensabschnitt hat ein Franken der öffentlichen Hand mehr Wirkung als in den ersten fünf Lebensjahren. So hat es der James Heckman, Nobelpreisträger für Ökonomie berechnet. Seine Forschung ist in der Fachwelt seit über zehn Jahren bekannt. In Deutschland, Frankreich oder Italien kommen die Kinder deshalb bereits mit zwei oder drei Jahren in den Kindergarten. Nicht so in der Schweiz.

Aber was spricht dagegen, die Kinder bereits ab zwei im Kindergarten spielend fürs Leben lernen zu lassen? Es müsste ja nicht gleich die ganze Woche sein. Drei Halbtage könnten reichen. Betreut würden die Ayshas und Emmas, die Marcels und Ismaels von gut ausgebildeten und anständig bezahlten Frauen und Männern.

Klar, das alles kostet den Staat und damit die Steuerzahler viel Geld. Aber das tut die Volksschule bereits heute – und wäre es nicht sinnvoll, die Abermillionen dort einzusetzen, wo sie am stärksten wirken?

Eben.