Der Südwesten Frankreichs ist bekannt für Bordeaux. Er dürfte reichlich fließen, wenn am Wochenende die Staats- und Regierungschefs der G7 in Biarritz zusammenkommen, dort, wo schon Otto von Bismarck und Napoleon III. im Jahr 1865 wenig erfolgreiche Friedensgespräche führten. Französischer Wein ist nun auch auf die Gipfelagenda gerückt, denn zwischen Frankreich und den USA ist ein Streit entbrannt: Paris besteuert seit dem 1. Januar 2019 rückwirkend digitale Großkonzerne wie Google und Amazon. Dagegen will Washington mit höheren Zöllen auf französischen Wein vorgehen.

Zu Wochenbeginn lud das amerikanische Handelsministerium die Vertreter großer Technologiekonzerne zu einer Anhörung. Sie sollten sich zur Digitalsteuer äußern. Ihre Antworten klangen dramatisch: "Beunruhigender Präzedenzfall", "diskriminierende Steuer", "brutaler Bruch lange etablierter Regeln", hieß es von Google, Amazon, Facebook und Co. Aus Frankreich meldete sich nur ein einsamer Vertreter der Organisation französischer Großkonzerne zu Wort. Er sagte, die USA sollten doch vor der Welthandelsorganisation klagen. Doch Donald Trump denkt gar nicht daran. Er brachte im Gegenzug Zölle auf französischen Wein ins Spiel. Mit dieser Idee reist er nun ins Land des Bordeaux.

Für den Gastgeber Macron bietet die Begegnung mit Trump in Biarritz eine ausgezeichnete Gelegenheit: Er könnte sich als Kämpfer für die französischen Weinbauern gegen die Macht der amerikanischen Digitalkonzerne präsentieren. Als einer, der sich traut, die bisher für den Fiskus Unerreichbaren zu ärgern.

Seit seinem Amtsantritt hat Macron eine Digitalsteuer zur zentralen Gerechtigkeitsfrage seiner Wirtschaftspolitik erklärt. Sie ist zudem Ausdruck einer verstärkten Kapitalismuskritik, die Macron und sein Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire seit der französischen Gelbwesten-Krise vor sich hertragen. "Der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts hat zur Zerstörung unserer natürlichen Grundlagen, zum Wachstum der Ungleichheit und zum Aufstieg autoritärer Regime geführt. Wir müssen ihn ändern", sagte Le Maire kürzlich dem Pariser Magazin Le Point. Also wollen Macron und Le Maire das Problem anpacken und mit den größten Profiteuren von heute anfangen: den Technologiekonzernen.

Ob die Steuer tatsächlich ein starker Angriff auf Google und andere Unternehmen ist, lässt sich freilich bezweifeln. Die Steuer umfasst drei Prozent des französischen Umsatzes von Unternehmen, die weltweit mehr als 750 Millionen Euro im Jahr umsetzten und davon mehr als 25 Millionen Euro in Frankreich. Betroffen dürften Schätzungen zufolge rund 30 Unternehmen sein, davon die große Mehrzahl aus den USA. Diese Tatsache brachte Donald Trump auf: "Wenn irgendjemand sie besteuert, dann ihr Heimatland USA. Wir werden substanzielle Maßnahmen gegen Macrons Dummheit in Kürze verkünden. Ich habe immer gesagt, dass amerikanischer Wein besser ist als französischer", twitterte er.

Unklar ist auch, welche Allianzen Macron für seine Steuer schmieden kann. Deutschland verwehrt ihm bislang die Unterstützung, aus Rücksicht auf die heimische Autoindustrie, die US-Strafzölle fürchtet. Das britische Finanzministerium stellte dagegen Anfang Juli eine eigene Steuer vor, die der französischen ähnlich ist. Umso spannender war vor dem G7-Gipfel die Frage, ob der neue britische Premierminister Boris Johnson den Plan wieder kassieren würde. Auch Österreich, Spanien und Tschechien haben sich auf Macrons Seite gestellt.

Macrons eigentliches Ziel ist es, aus der nationalen eine globale Steuer zu machen. Dafür bedarf es der Zustimmung der anderen Staats- und Regierungschefs. Das sei der "schwierigste Schritt", sagte Le Maire. Gelänge dies, wäre womöglich sogar der Weg für eine von der Industriestaatenorganisation OECD geplante, weltweite Digitalsteuer ab Ende 2020 frei.

Allerdings spricht wenig dafür, dass die französischen Gastgeber ihre kritischen Gäste umstimmen können. 1870, fünf Jahre nach dem Treffen zwischen Bismarck und Napoleon III., herrschte Krieg zwischen Frankreich und Deutschland. Der amerikanisch-französische Handelskrieg könnte schon im nächsten Monat beginnen.