Die Behauptung klang ungeheuerlich: General Electric (GE), der ewige Siemens-Rivale und ein Schwergewicht der US-Industrie, verberge ein 38-Milliarden-Dollar-Loch in seinen Bilanzen, behauptete Harry Markopolos. Der Mann ist nicht irgendein Analyst. Er warnte früh vor einem der größten US-Finanzskandale der vergangenen Jahrzehnte und ist heute als eine Art Privatermittler tätig. Sein Wort hat Gewicht. Auch deshalb stürzte der Kurs der Aktie umgehend ab, nachdem er im US-Fernsehen sagte: "GE steht vor dem Konkurs." Aber ist Markopolos auch so unabhängig wie früher? GE-Chef Larry Culp glaubt das nicht. "Das ist schlicht und ergreifend Kursmanipulation", sagte er dem Börsensender CNBC. Culp verwies darauf, dass Markopolos seinen 175-Seiten-Report im Auftrag eines Hedgefonds geschrieben habe. Markopolos selbst legte dies in dem Bericht auch offen. Der Fonds spekuliert auf fallende Kurse von General Electric.

"GE arbeitet auf höchstem Niveau der Integrität und steht zu seiner Finanzberichterstattung", heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Dass man ihm nicht glaubt, kennt Markopolos schon. Er hatte bereits Anfang der 2000er-Jahre die US-Börsenaufsicht SEC auf Ungereimtheiten bei Bernard Madoffs angeblichen Anlageaktivitäten aufmerksam gemacht. Markopolos hatte damals als Börsenhändler bei einer Bostoner Investmentfirma gearbeitet, die Kunden an Madoff verlor. Sein Chef forderte ihn auf, die Strategie von Madoff nachzuahmen. Doch das stellte sich – selbst nachdem Markopolos interne Unterlagen bekommen hatte – als unmöglich heraus. So gelangte er zu der Überzeugung, Madoff sei ein Betrüger. Doch die SEC-Ermittler glaubten dem unbekannten Händler nicht, sondern vertrauten auf Madoffs Integrität. Schließlich gehörte dieser zu der Zeit zu den angesehensten Investoren der Wall Street und war unter anderem der Aufsichtsratsvorsitzende der Technologiebörse Nasdaq.

Erst in der Finanzkrise brach Madoffs Schneeballsystem zusammen: Zu viele Investoren forderten 2008 gleichzeitig ihr Geld zurück, und nicht genügend neue Anleger vertrauten Madoff ihr Kapital an. So konnte er die alten Anleger nicht länger mit dem Geld der neuen Investoren auszahlen. Madoff wurde 2010 zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt, er soll Tausende Investoren um mindestens 18 Milliarden Dollar gebracht haben.

Markopolos’ jüngste Attacke gegen GE stützt sich auf Berichte des Unternehmens an Aktionäre und Behörden sowie Datenbanken, die Markopolos und sein Team laut eigener Aussage mehr als sieben Monate lang durchstöberten. Im Kern geht es um zwei Vorwürfe: Zum einen vertusche GE Milliardenverluste aus dem Geschäft mit Pflegeversicherungen. GE erklärt in seiner Stellungnahme, die Rückstellungen entsprächen den Vorschriften und seien ausreichend.

Die zweite große Unregelmäßigkeit, die der Finanzdetektiv aufgedeckt haben will, ist die Bewertung von Baker Hughes. GE hatte den Öl- und Gasfördertechnik-Spezialisten 2017 übernommen. Inzwischen hat der Konzern damit begonnen, seine Anteile wieder abzustoßen. Laut Markopolos bewertet GE die Anteile in den Büchern um 9 Milliarden Dollar zu hoch. GE weist die Behauptung zurück.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wären Markopolos’ Vorwürfe Blasphemie gewesen. General Electric ist eine amerikanische Ikone.

Das Unternehmen, von dem es hieß, es stelle mit seiner breiten Produktpalette so etwas wie die US-Wirtschaft im Kleinen dar, hat den modernen Alltag geprägt wie kaum ein anderes. 1892 zwang der Finanzier J. P. Morgan, der, begeistert von der neuen Technologie, als Erster seine Stadtvilla in Manhattan mit elektrischem Licht ausstatten ließ, Thomas Edison, mit einem Konkurrenten zu fusionieren. Der Name des neuen Unternehmens, das von dem Banker mit Kapital und vom Erfinder mit Ideen angetrieben wurde: General Electric. Es blieb nicht bei der berühmten Glühbirne. Es gab eine Zeit, da stellte GE vom Atomkraftwerk bis zur elektrischen Zahnbürste so gut wie alles her, was mit Elektrizität und Antrieb zu tun hatte. Und wenn sie nicht der erste Hersteller eines neuen Produktes waren, dann setzten die Amerikaner zumindest alles daran, Marktführer zu werden. So wurde GE weltweit zum Vorbild – nicht zuletzt musste sich Siemens dessen Erfolge vorhalten lassen.

Doch der 127 Jahre alte US-Konzern hat zuletzt enorm an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Seine Aktie gehörte zu den Werten, die Charles Dow 1896 zu seinem ersten Marktbarometer zusammenfasste. Im vergangenen Sommer flog GE aus diesem Dow-Jones-Index, in dem die Anteilsscheine der 30 wichtigsten US-Unternehmen versammelt sind.