Was für Bilder: 1,7 Millionen Menschen mit Regenschirmen. Junge und Alte. Ein Kleinkind, das von einer Fußgängerbrücke die Menge anfeuert. Die Großdemonstration am Sonntag war ein Erfolg für die Regierungsgegner in Hongkong. Das erste Wochenende seit mehr als zwei Monaten ohne Gewalt, ohne Tränengas. Nach den hässlichen Ausfällen am Flughafen Anfang vergangener Woche sandte die Protestbewegung eine wichtige Botschaft an die Welt: Wir bleiben friedlich, wir sind vereint, und wir sind viele. 1,7 Millionen, das ist ein Viertel der Hongkonger Bevölkerung.

Die chinesische Führung treibt dies in ein Dilemma. Denn alle Einschüchterungsversuche haben nichts geholfen: Der Elan der Demonstranten ist ungebrochen. Die Drohung mit einem Einsatz des Militärs macht sie nur trotziger. Soll die Volksbefreiungsarmee doch kommen, sagen viele Hongkonger: Dann gehen wir eben nach Hause. Und wenn die Soldaten abziehen, strömen wir wieder auf die Straße. Die hügelige Topografie der Stadt erschwert einen Einmarsch mit Panzern; die flexible Taktik der Demonstranten – schnell auf- und ebenso schnell wieder abtauchen – bedeutet, dass Pekings Gegner überall sind und nirgends. Darum ist es alles andere als ausgemacht, dass sich die Proteste mit militärischer Gewalt niederschlagen ließen. Hongkong 2019 ist nicht Tiananmen 1989.

Viele Tote wären zu befürchten, Hongkongs Wirtschaft käme zum Erliegen

Wahrscheinlicher ist ein Einsatz der chinesischen Militärpolizei. Die trainiert seit 1989, Massenaufstände mit minimaler Gewaltanwendung einzudämmen. In einem Sportstadion in Shenzhen, Hongkongs Nachbarstadt auf dem Festland, laufen sich Hundertschaften warm. Die chinesische Führung ist bereit, bei der nächsten Eskalation den Marschbefehl über die Grenze zu erteilen. Daran lässt Peking keinen Zweifel.

Dennoch wäre auch ein Einsatz des Paramilitärs wenig geeignet, die Proteste zu befrieden. Chinas Machthaber müssten sich darauf einstellen, dass sich Hongkongs Bürger mit aller Kraft wehren. Viele Tote wären zu befürchten, eine humanitäre Katastrophe. Hongkongs Wirtschaft käme zum Erliegen. Das Scharnier zwischen dem noch immer verschlossenen Festland und den globalen Märkten wäre gebrochen. Chinas schwächelnde Konjunktur würde mitten im Handelskrieg mit den USA in die Tiefe gezogen.

Hierin liegt die wahre Gefahr für die politische Stabilität, die Pekings Herrscher unentwegt beschwören – nicht in einem Überspringen des Demokratiefunkens von Hongkong auf das Festland. Dort reagieren die meisten Chinesen mit erstaunlicher innerer Abwehr auf die aufsässigen Hongkonger. Nur ein Teil dessen lässt sich der Propaganda zuschreiben. Die Erinnerung an die britische Kolonialherrschaft ist lebendig; Hongkonger klammerten sich an Privilegien, die ihnen einst von einer korrumpierten Fremdmacht gewährt wurden, so das häufige Lamento. Das moralische Versagen des Westens bei seinen Auslandseinsätzen hat außerdem dazu geführt, dass immer mehr Chinesen in jedem Einfordern von Freiheiten leere Worte wittern – und einen versteckten Angriff des Auslands auf den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg.

Eine allzu vehemente Unterstützung durch den Westen würde es Peking erleichtern, die Demonstranten zu Agenten des Auslands zu stempeln. Solche Hilfe wäre womöglich sogar kontraproduktiv. Vereinter diplomatischer Druck auf Peking, eine friedliche Lösung zu suchen, wäre es nicht. In Hongkong verläuft eine Frontlinie im globalen Kampf um Demokratie. Druck lassen westliche Regierungen allerdings vermissen. Auch in Berlin herrscht weitgehend Schweigen.

In Wahrheit sind die Hongkonger auf sich gestellt. Eine Ironie dieser Tage ist, dass vereinzelter Beistand für die Demonstranten ausgerechnet aus der Wirtschaft kam. Die Firmen sind für ihr China-Geschäft auf Hongkongs Rechtssicherheit angewiesen. Peking zwingt sie nun mit aller Macht zurück auf Linie. Weltkonzerne werden in politische Komplizenschaft gedrängt. Wer in China Geld verdienen will, ist erpressbar.

Hongkongs Demonstranten dagegen sind es offenbar nicht: Viele sind bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Mit Gewehren wird die chinesische Führung diese Bürger nicht zum Verstummen bringen. Mit Massenverhaftungen, wie sie die Polizei bereits vornimmt, übrigens auch nicht: Tausende ins Gefängnis zu stecken, so ein Kommentator, käme dem Versuch gleich, "Lava zurück in den Vulkan zu quetschen".