Es soll über den Gamssteig 600 Höhenmeter bergauf gehen, aber Zdravko Haderlap öffnet erst einmal die Schnapsflasche. So viel Zeit muss sein. An einem sonnigen Samstagvormittag sitzt er auf der Holzbank im Wintergarten seines Bergbauernhofes in Leppen/Lepena in Südkärnten und füllt die Gläser. 14 Besucher haben sich um ihn versammelt. Sie wollen in das umliegende Karawankengebirge aufbrechen, auf den Spuren der Partisanen des Zweiten Weltkriegs. Sie haben ihre Wanderschuhe geschnürt, die Sonnencreme verteilt, die Jause gepackt. Aber noch geht es nicht los. Stamperl machen die Runde. Prost!, ruft Haderlap, "Na zdravje!", und leert auf ex. Den Schnaps brennt er selbst. Er hat ihm einen Namen gegeben, der Haderlap und sein Wirken wohl gut beschreibt: Widerstandsgeist.

Zdravko Haderlap, 55, trägt einen Ohrring und strubbeliges graues Haar. Früher war er Regisseur und Choreograf in Berlin. Seit fast zwei Jahrzehnten lebt er wieder als Landwirt in Kärnten. Hier ist er aufgewachsen, im südlichsten Zipfel Österreichs, wo die Geschichte an Ereignissen reich und die Bevölkerung eher arm war. Heute wandert er mit Interessierten durch das zweisprachige Gebiet. Gebühr verlangt er dafür keine, Spenden nimmt er gerne. Er erzählt von der Geschichte der Kärntner Slowenen, der Landschaft und der Literatur, die hier spielt. Seit seine Schwester Maja Haderlap mit einem Auszug aus ihrem Roman Engel des Vergessens, der die Geschichte einer Kindheit in Kärnten zum Thema hat, den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, kommen die Besucher regelmäßig an den Familienhof.

Mit ihnen wandert Zdravko Haderlap, um zweifachen Widerstand zu leisten. Erstens gegen Landflucht: "Es gibt hier nur mehr wenige Jugendliche", sagt er, der den sanften Kulturtourismus als Wirtschaftsfaktor fördern will. Außerdem will er Widerstand leisten gegen das Vergessen der eigenen Geschichte. Nein, nicht Jörg Haider, nicht der Ortstafelkonflikt – das interessiere nur noch die wenigsten Kärntner. Haderlap geht es um etwas Größeres: um die Grenzziehung, um Krieg und was das mit Menschen macht. Wer mitwandert, soll etwas lernen über die Region – und im besten Fall nachdenken über sich selbst. Das zumindest hat sich der Theatermacher und Künstler Zdravko Haderlap vorgenommen.

Das Wanderziel an diesem Julimorgen: ehemalige Bunker der Partisanen. Die bewaffneten Kämpfer versteckten sich jahrelang in den Bergen und organisierten den Widerstand gegen die Nazis. Haderlap schultert seinen Rucksack und wandert über die kleine Holzbrücke hinter seinem Hof hinauf auf den Berg. Entlang des Pfades fließt ein Rinnsal, das bei Regen zu einem gefährlichen Bach anschwelle, erzählt er. Immer wieder bleibt er stehen, wartet auf die Gruppe und erklärt Charakteristika des Karstgebirges, weist hin auf Hopfenbuchen und Manna-Eschen. Entwurzelte Bäume und Gestrüpp versperren den Pfad. Die Wanderschuhe sinken in die feuchte, tiefschwarze Erde. Erst weiter oben tritt man auf einen Forstweg, der nach einiger Zeit abrupt endet. Es beginnt der Gamssteig, eng und steil. Haderlap wirft den Rucksack auf den Boden. Zeit für eine Pause, die erste von zahlreichen selbst gedrehten Zigaretten und den ersten Blick in die Vergangenheit.

Vor knapp hundert Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg, stimmten die Südkärntner ab: Sollte ihre Region zu Österreich gehören oder dem SHS-Staat, dem Königreich Jugoslawien, zugeschlagen werden? Fast 60 Prozent stimmten für einen Verbleib bei Österreich. Die Menschen hier, sagt Zdravko Haderlap, am Hang stehend, hätten sich damals durch Berge und Täler bewegt, die Dörfer hätten verstreut gelegen. Die Grenze sei dann teils willkürlich durch Grundstücke und quer durch Familien gezogen worden. Sie hat Überlebensstrategien gekappt. "Aus einem zentralen Lebensraum sind so zwei Randregionen ohne Perspektive geworden", erzählt er. Er nennt es die erste Zäsur in der Geschichte der Region.

Die nächste Zäsur: der Zweite Weltkrieg. Haderlap zündet sich eine neue Zigarette an. Er spricht nun von der Germanisierung. Die geografische Grenze, sie führte auch zu Grenzen in den Köpfen. "Wenn Krieg funktioniert, kommt er in den Familien an", mahnt er. Nein, es waren nicht Deutschsprachige gegen Slowenischsprachige. Haderlap wehrt sich gegen das Schwarz-Weiß-Denken. Große Teile der slowenischsprachigen Bevölkerung seien deutschnational ausgerichtet gewesen. Er sagt: "Es gab in unserer Region kaum ein Haus, in dem nicht aus einer Familie die Leute gleichzeitig bei der Wehrmacht oder SS waren und im KZ oder bei den Partisanen." Auch in seiner eigenen Familie. Die Frage, die sich dann stelle, sagt er und blickt in die Runde: Wie lebt man weiter nach dem Krieg? Wer ist der Sieger? Und kann eine Region funktionieren, in der lange Hass und Misstrauen gesät wurden?

Haderlap gibt keine Antworten auf seine Fragen. Er möchte nicht unterrichten, sondern zum Nachdenken anregen. Nun aber kommt der Gamssteig, er schultert den Rucksack. Erst nachdem er steil bergauf gekraxelt ist, sich in eine Tropfsteinhöhle abgeseilt, ein paar Feuersalamander aufgescheucht und seine Besucher wieder auf einem Forstweg versammelt hat, erzählt er weiter. Er steht im Wald, 80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. "Hier entstand die rechtliche Grundlage für die Zweite Republik." Der Satz schwingt nach. Der Staatsvertrag 1955 – er wurde in dieser Form auch abgeschlossen, weil Hunderte Partisanen auf österreichischem Gebiet militärischen Widerstand gegen das NS-Regime geleistet hatten, unterstützt von zahlreichen politischen Aktivisten und Zivilisten.

Weiter oben am Berg kann man noch Relikte sehen, sie sind das Ziel der heutigen Wanderung. Haderlap stapft durchs Gras zu einem ehemaligen Bunker, in dem Partisanen eine Funkanlage betrieben. Heute ist von dem ehemaligen Versteck wenig erhalten, einzig ein erdiges Rechteck in einem Hang. Kann man sich in die Vergangenheit versetzen? Den Kampf der Partisanen – mit der Jagdbüchse gegen Hitler – vorstellen? Das "Äußerste der Aussichtslosigkeit war das", sagt Haderlap. "Aber es war nicht Hilflosigkeit." Der Widerstand aus dem Wald wurde später von den Alliierten unterstützt. Haderlap spricht wieder über das Wesen des Krieges, über Misstrauen, Hass und Empathielosigkeit auf allen Seiten. Am nahe gelegenen Peršmanhof ermordeten SS-Einheiten zwei Wochen vor Kriegsende elf Zivilisten, darunter sieben Kinder. Partisanen verschleppten und töteten Menschen noch nach dem Krieg. Wüsste man das nicht, man wanderte an der Geschichte vorbei.