Hier stellt sich jemand dumm – Seite 1

Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Das sind so die Namen, mit denen die Bewohner des Dorfes die Protagonistin rufen. Einen richtigen Namen hat sie nicht, denn sie gehört zu keiner der angestammten Sippen, sondern wurde als Baby eines Nachts in einem mit Zeitungspapier ausgestopften Karton auf der Schwelle des Bethaus-Vaters deponiert. Der ist seither immer, wenn auch nicht ihr Vater, so doch ihr Finder gewesen, unterstützt von der alten Mariah: ein notdürftiges, obschon liebevolles Paar von Beschützern. Aber auch sie wissen keinen anderen Namen für sie als "mein Mädchen".

Karen Köhler hat sich in Miroloi eine rückständige und von der Außenwelt so gut wie abgeschnittene Insel ausgedacht. Insel und Findelkind, das erinnert an Lummerland und Jim Knopf, das heilige Buch ist die Khorabel, worin der Koran anklingt, und als göttliche Dreifaltigkeit werden der Schöpfer, der Erhalter und der Zerstörer verehrt, was an indische Verhältnisse denken lässt. Doch vor allem hat diese Insel ein starkes ägäisches Aroma. Es ist heiß und trocken, im Dorf herrschen die Farben Weiß und Blau vor, angebaut werden Oliven, Wein, mediterrane Kräuter und Gemüsesorten. Die Leute heißen Irini, Dimitri, Panagiota und Jannis.

Alle Berufssparten, der Müller, der Gerber, die Hebamme, sind mit je einem Vertreter präsent. Ein paarmal im Jahr kommt der Händler vorbei und versorgt die Insel mit Gaskartuschen und unentbehrlichen Importwaren, während ein so fortschrittliches Mitbringsel wie ein Fernseher mangels Stromanschlusses als Ziegentrog endet. Ansonsten spinnt, webt und schneidert man selbst. Geld existiert nur in einer Schwundform, im Wesentlichen beruht die Ökonomie auf gemeinschaftlichem Besitz der Produktionsmittel. Die patriarchalische Gesellschaftsordnung wird von den 30 Gesetzen geregelt, die vorsehen, dass Frauen nicht lesen und schreiben lernen dürfen, die Männer dafür nicht kochen oder singen. Wer dagegen verstößt, kommt an den Pfahl, eine Art Pranger, in schwereren Fällen zerschlägt ihm der Angstmann die Knochen. Der nunmehr 16-jährigen Heldin des Buchs ist dies in der Kindheit widerfahren, als sie einen Fluchtversuch unternahm; seither hinkt sie.

Wo genau in Zeit, Raum und Mentalität wäre ein solches Gemeinwesen zu verorten? In Sichtweite der nächsten Küste und überquert von Passagierflugzeugen, bewahrt die Insel (die zu einem größeren Staat gehört) sich dennoch ihre eigene juristische Ordnung und ihre eigene Religion, maßgefertigt extra für die paar Hundert Dörfler – ist das glaubhaft? Eine Autorin müsste über starke Imagination, figürlich-dialogische Kraft und einen überzeugenden Stil verfügen, damit wir ihr die Geschichte abnehmen. Leider hapert es bei Karen Köhler an allen dreien.

Das erzählende Ich ist die Namenlose, die zwar wegen ihres Andersseins in einer gewissen Distanz zu den Strukturen lebt, aber doch durch die Enge ihrer Existenz geprägt sein müsste. Wo hat sie die Souveränität ihrer Stimme her, wenn alles rings um sie in Dumpfheit gefangen bleibt? Ist anzunehmen, dass sie einen Wunsch nach "Kindseindürfen" in Worte fasst? Das war schon der Trick von Christa Wolf bei Kassandra in den Achtzigern gewesen: Die Frauen und die wenigen klugen, ihnen zugetanen Männer haben ein modernes Erkenntnis- und Ausdrucksvermögen, während es sich bei den Vertretern des herrschenden Patriarchats um tumbe, miese Tölpel handelt, preisgegeben an die Borniertheit ihrer Urgeschichte. "Achill das Vieh" hatte so eine Gestalt bei Christa Wolf geheißen; bei Köhler ist es der geile Lehrer, aus dem ein tierisches Röcheln bricht. So etwas ist nicht nur unfair; es beschädigt auch die poetische Wahrscheinlichkeit, wenn einige Figuren so denken und reden, wie sie es nach den Umständen ihrer Gesellschaft tun müssen, andere hingegen davon willkürlich freigestellt sind. Und wenn die Heldin (sie erwirbt dann doch noch einen Namen: Alina) sich von alldem zum Schluss losmacht, wirkt es nicht wie der große Durchbruch, den die Autorin im Sinn hatte: Da hat kein Umdenken stattgefunden, denn so rebellisch und aufgeklärt war sie insgeheim schon immer.

Das Buch wirkt wie ein Stück naive Malerei

Bis es aber so weit ist, erspart einem das Buch nichts vom eintönigen Leben der Dorfleute. Immerzu wird hier geerntet und gekocht und gebacken, Rituale werden ausgeführt, die Satva, Pujachatt oder eben Miroloi heißen; Letzteres ist eine Totenklage. Das Jahr schleppt sich vom Weihmond in den Saatmond in den Milchmond. Die Patriarchen treiben es erwartungsgemäß auf die Spitze; als der alte Bethaus-Vater stirbt, ergreift ein junger Fanatiker die Macht, zwingt die Frauen zur Vollverschleierung und die Männer zur Abstinenz von ihrem geliebten Schnaps, was freilich nicht ohne Murren abgeht. Sogar der Text der Khorabel wird punktgenau verfälscht – ein unwahrscheinlicher Zug, pflegen doch die Fundamentalisten aller Couleur ihre heiligen Schriften starr zu konservieren; sie finden in ihnen auch so alles, was sie brauchen, um ihre Mitmenschen zu beherrschen.

Wenn der Grundeinfall eines Buchs nichts taugt, wird sich das immer in den Schwächen und Brüchen seiner Sprache offenbaren. Köhlers Duktus ist, vorsichtig ausgedrückt, schwankend. Es überwiegt eine schlichte und doch schnörkelige Herbheit, ein geschwätziger Lakonismus. "[D]a liegt die Siedelei mit ihrem Glänzedach, einsam und versteckt in einer Mulde. Da wohnen die Betmänner mit ihren Schülern in Stille und All-Einheit. Da stört sie nichts, nicht einmal das Gerausch des Meeres (...)." Das Gerausch, wohlgemerkt, nicht etwa das Rauschen, und ein Glänzedach muss es sein, weil ein bloß glänzendes es nicht getan hätte. Und sehr viel Da-da, denn die Dichtung an ihrem Ursprung begnügt sich bekanntlich mit dem bloßen freudigen Zeigen und neigt nicht zur Grübelei. Was der Händler mitbringt, sind "Drübensachen", befremdlich hohe Absätze "Hackenstäbchen". Emotionaler Überschwang geht so: "Ich könnte brüllen, fauchen, schlagen, brechen, hacken, schütteln, zerknallen." Eine erste erotische Begegnung ergibt eine "Kussstraße" von der linken Achsel in Richtung Bauchnabel, ohne Rücksicht darauf, dass diese zischende S-Kaskade doch schwerlich der empfundenen Zärtlichkeit entspricht, "und, oh, beidengöttern, an meinem Untenunten vorbei". Küken haben "weichweichweichen Flaum". Das Gemüt der Eingeborenen macht sich in Wiederholungen geltend. Das Buch wirkt insgesamt wie ein Stück naive Malerei: Hier stellt sich eine dümmer, als sie ist. Doch wenn die Autorin zwischendrin mal nicht aufpasst, hört es sich sogleich an wie Deutschland im 21. Jahrhundert. Die archaische Frau, die ihre Verschleierung nicht in den Griff kriegt, denkt einfach: "Mist." Die Unterschicht, zum Beispiel eine junge Ziegenhirtin, muss natürlich ein noch viel unbedarfteres Idiom sprechen als der Rest; doch kommt es rüber wie bei einem Balina Jör: "Hatta dir das Bein zerkrüppelt ... Hatta draufgehaun ..."

Der Roman lädt den Leser und noch mehr die Leserin ein, sich mit dem Kampf einer unterdrückten Frau gegen das Patriarchat zu identifizieren, ohne ihnen dabei die geringste gedankliche oder sonstige Anstrengung abzuverlangen. Ihn zu lesen heißt, per se auf der richtigen Seite zu stehen; und eine andere als diese außerliterarische Befriedigung, die nichts kostet, hat er auf seinen fast 500 Seiten nicht zu bieten. Der Gestus der Rebellion rennt offene Türen ein; was sich als krasses Außenseitertum in einer Märchenwelt inszeniert, ist hier und heute längst Mainstream geworden. Was an diesem Buch so gründlich verärgert, ist seine unfruchtbare Selbstzufriedenheit.

Karen Köhler: Miroloi. Roman; Carl Hanser Verlag, München 2019; 464 S., 24,– €, als E-Book 17,99 €