"Ich bin jetzt in Guangzhou", schreibt Sebastian Köhler, ein Deutscher, der vorgibt, groß ins Geschäft mit gefälschten Rucksäcken aus China einsteigen zu wollen. "Lasst mich wissen, wo und wann wir uns treffen können." Doch Bella und Jack, die bisher jede E-Mail innerhalb von ein paar Stunden beantwortet haben, schweigen. Vielleicht ahnen sie, dass Sebastian Köhler eine Falle ist, dass da jemand versucht, ihre eigenen Tricks gegen sie zu wenden.

Sebastian Köhler, das sind wir, ein Reporterteam im Auftrag der ZEIT und des NDR. Wer Bella und Jack sind, wissen wir nicht. Wir haben IT-Forensiker, Privatdetektive und Experten für mikrobiologische Analytik eingespannt, um das herauszufinden. Wir haben versucht, Zahlungsströme und Postsendungen zurückzuverfolgen. Und wir haben Sebastian Köhler als Tarnidentität aufgebaut.

Nun sind wir in Guangzhou, einer Stadt im Süden Chinas. Es hat 35 Grad, subtropisches Klima. Wir fahren umher in endlosen Hochhausschluchten. In der Region leben 44 Millionen Menschen. Wie zur Hölle sollen wir Bella und Jack finden? Es ist eine Recherche, von der wir wissen, dass sie fast aussichtslos ist. Und von der wir doch nicht lassen können.

Begonnen hat alles mit Anna, der Frau von Christian, einem der Autoren dieser Geschichte. Vor ziemlich genau einem Jahr, im August 2018, liegt sie in der Hängematte, schaut sich auf dem sozialen Netzwerk Instagram ein paar Fotos und Videos an. Mittendrin entdeckt sie eine Anzeige. Auf ihr ist ein Rucksack von Fjällräven zu sehen, der schwedischen Marke mit dem roten Polarfuchs im Logo. Weil Anna tatsächlich einen Rucksack braucht und er auch noch etwas günstiger ist als normalerweise, klickt sie drauf.

Anna befindet sich nun im Reich von Bella und Jack. Aber davon ahnt sie nichts. Denn der Shop, auf den die Anzeige verlinkt, sieht aus wie ein Shop von Fjällräven. Man sieht das Logo und ein paar glückliche Menschen, die in Outdoorkleidung die Natur erkunden. Nichts macht Anna misstrauisch. Sie bestellt für 58,65 Euro einen türkisfarbenen Rucksack mit pinken Trägern des Modells Kånken und zahlt mit ihrer Kreditkarte. Per Mail bedankt sich ein Servicemitarbeiter umgehend sehr freundlich für ihre Bestellung und verspricht, den Rucksack innerhalb der nächsten vier Tage zu verschicken.

500 Milliarden Dollar So viel Umsatz wird weltweit nach Schätzungen jährlich mit gefälschten Produkten gemacht.

Dann aber kommt kein Rucksack, sondern, fast einen Monat später, ein Brief vom Hauptzollamt Hamburg. Die Überlassung des Rucksacks, heißt es dort in schönstem Beamtendeutsch, werde ausgesetzt. "Es könnte sich um ein gefälschtes Produkt handeln."

Für Anna kommt der Brief völlig unerwartet. Für den Zoll ist er Routine. Im vergangenen Jahr haben seine Mitarbeiter bundesweit 5.066.261 Fake-Produkte beschlagnahmt: Uhren, Schuhe, Kleidung, Kopfhörer, Taschen, Parfüms, Tabletten, Potenzpillen. Insgesamt waren es 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die meisten kamen per Post, so wie Annas Rucksack. Dahinter steckt ein grundlegender Wandel der Fälscher-Industrie. Sie braucht keinen physischen Ort mehr, um ihre Waren zu verkaufen, kein Geschäft, keinen Touristen-Basar. Das Geschäftsmodell hat sich digitalisiert. Die Fälscher ködern ihre Käufer in sozialen Netzwerken und verschicken ihre Produkte in Kleinsendungen, direkt an den Endkunden.

Das mag wie Kleinkriminalität aussehen. Doch die vielen kleinen Sendungen addieren sich zu einem gewaltigen Problem. Laut einer Studie der OECD werden pro Jahr gefälschte Waren im Wert von über 500 Milliarden Dollar gehandelt. Die Fake-Economy macht so viel Umsatz wie Apple und Amazon zusammen. Und sie wird immer globaler. 2013 betrug ihr Anteil am Welthandel 2,5 Prozent. Drei Jahre später waren es schon 3,3 Prozent. Das US-Magazin Forbes hält das Geschäft mit den Fakes für einträglicher als den Drogen- oder Menschenhandel. Es sei die "größte kriminelle Unternehmung der Welt".

Verantwortlich sind vor allem Anbieter aus einem Land: China. Laut OECD stammen 63 Prozent der Fälschungen aus der Volksrepublik. Andere Schätzungen gehen von bis zu 80 Prozent aus. Das ist auch ein Grund für den Handelskrieg zwischen den USA und China. Denn den größten Schaden richten die Fakes dort an, wo die meisten Markenhersteller ihren Sitz haben: in den USA und in Europa.