Die Fake-Industrie – Seite 1

"Ich bin jetzt in Guangzhou", schreibt Sebastian Köhler, ein Deutscher, der vorgibt, groß ins Geschäft mit gefälschten Rucksäcken aus China einsteigen zu wollen. "Lasst mich wissen, wo und wann wir uns treffen können." Doch Bella und Jack, die bisher jede E-Mail innerhalb von ein paar Stunden beantwortet haben, schweigen. Vielleicht ahnen sie, dass Sebastian Köhler eine Falle ist, dass da jemand versucht, ihre eigenen Tricks gegen sie zu wenden.

Sebastian Köhler, das sind wir, ein Reporterteam im Auftrag der ZEIT und des NDR. Wer Bella und Jack sind, wissen wir nicht. Wir haben IT-Forensiker, Privatdetektive und Experten für mikrobiologische Analytik eingespannt, um das herauszufinden. Wir haben versucht, Zahlungsströme und Postsendungen zurückzuverfolgen. Und wir haben Sebastian Köhler als Tarnidentität aufgebaut.

Nun sind wir in Guangzhou, einer Stadt im Süden Chinas. Es hat 35 Grad, subtropisches Klima. Wir fahren umher in endlosen Hochhausschluchten. In der Region leben 44 Millionen Menschen. Wie zur Hölle sollen wir Bella und Jack finden? Es ist eine Recherche, von der wir wissen, dass sie fast aussichtslos ist. Und von der wir doch nicht lassen können.

Begonnen hat alles mit Anna, der Frau von Christian, einem der Autoren dieser Geschichte. Vor ziemlich genau einem Jahr, im August 2018, liegt sie in der Hängematte, schaut sich auf dem sozialen Netzwerk Instagram ein paar Fotos und Videos an. Mittendrin entdeckt sie eine Anzeige. Auf ihr ist ein Rucksack von Fjällräven zu sehen, der schwedischen Marke mit dem roten Polarfuchs im Logo. Weil Anna tatsächlich einen Rucksack braucht und er auch noch etwas günstiger ist als normalerweise, klickt sie drauf.

Anna befindet sich nun im Reich von Bella und Jack. Aber davon ahnt sie nichts. Denn der Shop, auf den die Anzeige verlinkt, sieht aus wie ein Shop von Fjällräven. Man sieht das Logo und ein paar glückliche Menschen, die in Outdoorkleidung die Natur erkunden. Nichts macht Anna misstrauisch. Sie bestellt für 58,65 Euro einen türkisfarbenen Rucksack mit pinken Trägern des Modells Kånken und zahlt mit ihrer Kreditkarte. Per Mail bedankt sich ein Servicemitarbeiter umgehend sehr freundlich für ihre Bestellung und verspricht, den Rucksack innerhalb der nächsten vier Tage zu verschicken.

500 Milliarden Dollar So viel Umsatz wird weltweit nach Schätzungen jährlich mit gefälschten Produkten gemacht.

Dann aber kommt kein Rucksack, sondern, fast einen Monat später, ein Brief vom Hauptzollamt Hamburg. Die Überlassung des Rucksacks, heißt es dort in schönstem Beamtendeutsch, werde ausgesetzt. "Es könnte sich um ein gefälschtes Produkt handeln."

Für Anna kommt der Brief völlig unerwartet. Für den Zoll ist er Routine. Im vergangenen Jahr haben seine Mitarbeiter bundesweit 5.066.261 Fake-Produkte beschlagnahmt: Uhren, Schuhe, Kleidung, Kopfhörer, Taschen, Parfüms, Tabletten, Potenzpillen. Insgesamt waren es 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die meisten kamen per Post, so wie Annas Rucksack. Dahinter steckt ein grundlegender Wandel der Fälscher-Industrie. Sie braucht keinen physischen Ort mehr, um ihre Waren zu verkaufen, kein Geschäft, keinen Touristen-Basar. Das Geschäftsmodell hat sich digitalisiert. Die Fälscher ködern ihre Käufer in sozialen Netzwerken und verschicken ihre Produkte in Kleinsendungen, direkt an den Endkunden.

Das mag wie Kleinkriminalität aussehen. Doch die vielen kleinen Sendungen addieren sich zu einem gewaltigen Problem. Laut einer Studie der OECD werden pro Jahr gefälschte Waren im Wert von über 500 Milliarden Dollar gehandelt. Die Fake-Economy macht so viel Umsatz wie Apple und Amazon zusammen. Und sie wird immer globaler. 2013 betrug ihr Anteil am Welthandel 2,5 Prozent. Drei Jahre später waren es schon 3,3 Prozent. Das US-Magazin Forbes hält das Geschäft mit den Fakes für einträglicher als den Drogen- oder Menschenhandel. Es sei die "größte kriminelle Unternehmung der Welt".

Verantwortlich sind vor allem Anbieter aus einem Land: China. Laut OECD stammen 63 Prozent der Fälschungen aus der Volksrepublik. Andere Schätzungen gehen von bis zu 80 Prozent aus. Das ist auch ein Grund für den Handelskrieg zwischen den USA und China. Denn den größten Schaden richten die Fakes dort an, wo die meisten Markenhersteller ihren Sitz haben: in den USA und in Europa.

Auf den ersten Blick wie das Original

Deutschland ist, weil es so viele innovative Unternehmen hat, besonders betroffen. Zwischen 70.000 und 80.000 Jobs haben die Fälschungen gekostet. Das besagt eine Schätzung des Juristen Arndt Sinn, Direktor des Zentrums für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien an der Universität Osnabrück. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft kommt sogar auf 500.000 Jobs. Der jährliche Schaden liege bei über 54 Milliarden Euro. "Das Problem", sagt Thomas Bareiß, parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, "wird nicht kleiner, sondern größer."

Auf Annas Päckchen, das beim Hamburger Zoll auf sie wartet, klebt ein weißes Formular, die Zollanmeldung. Dort ist vermerkt, dass ihr Rucksack aus China kommt. Es steht auch der Name des Absenders drauf: Jack. Kein Nachname. Keine Unterschrift. Einfach nur Jack. Während Anna danebensteht, so erzählt sie es später, öffnet ein Zollbeamter das Päckchen. Der Rucksack ist türkis-pink, so wie bestellt. Auf den ersten Blick sieht er aus wie das Original: Das Logo, die Reißverschlüsse, sogar die Einnäher wirken identisch. Aber er fühlt sich anders an, ein bisschen nach Plastik, und er riecht nach Chemikalien.

Anna ist nun endgültig klar, dass sie auf einen Fake-Shop hereingefallen ist. Das Geld, das sie bezahlt hat, lässt sie deshalb über ihre Bank zurückbuchen. Das aber finden die Fälscher gar nicht lustig. "Du hast bei uns bestellt, wir haben geliefert. Warum hast du die Zahlung storniert?", schreiben sie per E-Mail in etwas holprigem Englisch. Und: "Bitte zahle uns das Geld oder schicke die Ware zurück. Du solltest nicht beides behalten. Ansonsten", drohen die Fälscher allen Ernstes, "werden wir dich melden!" Die E-Mail endet mit den besten Grüßen. Von Bella.

500.000 Arbeitsplätze haben die Fakes in Deutschland gekostet, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft.

Nun haben wir schon zwei Vornamen. Und was für welche! Bella und Jack, das klingt wie Bonnie und Clyde, nach Roadmovie, Abenteuer, Verfolgungsjagd. Nur dass Bella und Jack nicht in geklauten Autos flüchten, sondern sich nach begangener Tat mit dreisten E-Mails melden. Man kann das lustig finden. Dahinter stecken aber ernste Fragen: Wieso wächst die Fake-Industrie so massiv? Und wie kann es sein, dass Bella sich so sicher fühlt? Als Anna ihr schreibt, dass der Rucksack vom deutschen Zoll konfisziert wurde, behauptet Bella: "Unsere Ware stammt aus der Originalfabrik." Überhaupt seien die meisten Kunden zufrieden und bestellten oft noch nach.

Kann das stimmen? Oder ist Bella eine Lügnerin?

Normalerweise, so erklärt man es uns beim Hamburger Zoll, würde Annas Rucksack nun verbrannt. Für uns aber ist er eine wichtige Spur. Wir wollen ihn im Labor untersuchen lassen. Also zerschneidet ein Beamter den Rucksack in sechs Teile. Fünf davon dürfen wir mitnehmen.

Die Suche nach Bella und Jack kann beginnen.

Wir setzen zunächst dort an, wo Anna den Rucksack bestellt hat: auf der Website kankeninc.com. Mittlerweile ist sie offline. Wer sie betrieben hat, ist nicht zu erkennen. Denn sie wurde anonym mithilfe eines amerikanischen Anbieters betrieben. Selbst ein IT-Forensiker einer auf Datensicherheit spezialisierten Beratungsfirma, die wir um Hilfe bitten, kommt nicht wirklich weiter. Das magere Ergebnis seiner stundenlangen Analyse: Bella und Jack sind nicht doof, sie wissen sich zu verstecken. Eine elektronische Spur deutet darauf hin, dass ihr Shop über den Server eines chinesischen Dienstleisters hochgeladen wurde.

© ZEIT-Grafik

Dass wir es wohl nicht mit Anfängern zu tun haben, bestätigt uns auch Stefan Moritz von der Firma MarkMonitor. Im Auftrag großer Unternehmen durchsucht sie das Internet nach Fälschern. Diese seien professionell aufgestellt wie ganz normale Unternehmen, sagt Moritz, mit Produktions-, Marketing- und IT-Abteilung. Es handele sich ohne Frage um "organisierte Kriminalität". Sein Job sei es, die "Bellas und Jacks online außer Gefecht zu setzen", etwa indem er ihre Websites durch die zuständigen Behörden sperren lässt. Aber Bella und Jack in der echten Welt ausfindig zu machen, wie wir es vorhaben? Das hält Moritz für schwierig bis unmöglich.

Tatsächlich scheitern unsere ersten Versuche einer nach dem anderen. Die niederländische Post, mit der Annas Rucksack laut Zollanmeldung nach Deutschland verschickt wurde, teilt uns mit, man habe keine Informationen über den Absender – und selbst wenn, dürfe man sie uns nicht geben. Auch der Versuch einer Rückverfolgung von Annas Überweisung an Bella und Jack führt zu nichts. Das Kreditkartenunternehmen Visa schreibt, es habe keine Daten von Endverbrauchern, diese habe nur das "kartenausgebende" Institut, in unserem Fall die DKB Bank. Diese wiederum sieht aus rechtlichen Gründen keine Möglichkeit, uns bei unserer Suche zu unterstützen.

Was wir aber mit der Hilfe von Stefan Moritz finden, sind diverse noch aktive Fake-Shops. Sie heißen fjallkankan.com, fjallravenshop.eu oder kankenbagssale.com und sehen fast genauso aus wie der, auf den Anna hereingefallen ist. Ob Bella und Jack dahinterstecken, wissen wir nicht. Ein Impressum steht auf den Seiten nicht. Manchmal sind sie ein paar Tage später wieder offline. Dafür tauchen auf Instagram neue Anzeigen auf, die zu neuen Fake-Shops führen. Es ist ein sich laufend erneuernder Kosmos.

Dropshipping ist für die Fake-Industrie ein Traum

Um die Welt der Fälscher besser zu verstehen, schlüpfen wir für einen Tag in die Rolle von Bella und Jack – und bauen unseren eigenen Fake-Shop. Mit Shopify, einem Baukastensystem für Online-Shops, erstellen wir eine Website, die der von Fjällräven ähnelt. Logos und Fotos klauen wir einfach von der Originalseite. Wir fügen noch ein paar vertrauenerweckende Menüpunkte hinzu: "Über uns", "Kontakt", "Lieferung" und so weiter.

Uns fehlen bloß noch die Produkte. Auch dafür gibt es eine App, sie heißt Oberlo. Mit ihr kann man alles, was auf der chinesischen Handelsplattform AliExpress – einer Art chinesischem Amazon – angeboten wird, in seinen eigenen Shop hineinladen. Auch gefakte Kånken. Es gibt sie für rund 15 Euro pro Stück in allen Farben und Größen. Mit einem Klick importieren wir 93 Varianten des Rucksacks in unseren Shop – und bieten ihn dort für knapp 60 Euro an.

Wir müssten unseren Shop nur noch online stellen und ein paar Anzeigen auf Instagram schalten. Jede Bestellung, die bei uns einginge, würde direkt an den chinesischen Anbieter weitergeleitet. Er würde die Ware dann an unsere Kunden verschicken. Dropshipping nennt sich das Modell. Für die Fake-Industrie ist es ein Traum: Man kann mit Fakes handeln und gut daran verdienen – ohne jemals selbst mit ihnen in Berührung zu kommen.

63 Prozent der Fälschungen weltweit stammen laut OECD aus China.

Die erste Erkenntnis unserer Recherche: So schwierig es ist, einen Verkäufer von Fakes aufzuspüren, so einfach ist es, selbst einer zu werden.

Der Alibaba-Konzern, zu dem die Plattform AliExpress gehört, erklärt dazu, dass man sich stark gegen Fälschungen engagiere und die Zahl der Angebote auf der Seite, die als mutmaßliche Fakes entfernt wurden, deutlich zurückgegangen sei.

Mit dem zerschnittenen Rucksack fahren wir nach München, auf die Outdoor-Messe Ispo. Dort treffen wir einen Mann, der mit seinen Stiefeln und einer beigen Funktionshose so aussieht, als käme er gerade vom Wandern. Er heißt Martin Nordin und ist Chef von Fenix Outdoor, einem Konzern mit knapp 600 Millionen Euro Jahresumsatz, zu dem neben Fjällräven auch der Händler Globetrotter gehört.

Nordin steht vor einer Wand voller Kånken. Der Rucksack ist für Fjällräven eine Art Botschafter. Kein anderes Produkt der Marke ist so berühmt. Entwickelt hat ihn Nordins Vater Aké. Er wollte schwedische Schulkinder damit vor Haltungsschäden bewahren. 1978 kam der Rucksack auf den Markt. Mittlerweile tragen ihn Hipster, Studenten und Mütter in Großstädten. Er gilt als meistverkaufter Rucksack der Welt.

Spricht man Nordin auf die Fälschungen an, wird er wütend. Da versuche man mit viel Aufwand langlebige, umweltverträgliche Produkte zu entwickeln. "Und dann", sagt er und zeigt auf unseren zerschnittenen Rucksack, "werden wir zerstört von diesem Scheiß da." Nordin regt besonders auf, dass die oft schlechte Qualität der Fakes seiner Marke angekreidet wird. Auf Amazon etwa hat der Kånken im Durchschnitt eine Bewertung von vier von fünf möglichen Sternen, darunter sehr viele sehr gute Bewertungen und ein paar schlechte. Nordin hat sich die schlechten Bewertungen auf verschiedenen Plattformen genauer angesehen. "Bei den Ein-Stern-Bewertungen", glaubt er, "war es hundertprozentig so, dass die Leute über die Plattform Kopien gekriegt haben." Das aber merkten sie oft nicht. Überprüfen lassen sich die einzelnen Fälle nicht. Die Kommentare der enttäuschten Käufer deuten aber oft darauf hin, dass sie tatsächlich einen Fake bekommen haben könnten.

Fjällräven ist also doppelt Opfer. Erstens verkauft die Marke weniger Rucksäcke. Zweitens schaden die Fakes dem eigenen Image.

Später telefonieren wir selbst mit einem Händler, der Kånken-Rucksäcke auf Amazon verkauft. Neben vielen guten hat er auch ein paar sehr schlechte Bewertungen bekommen. Er verkaufe nur Originale, sagt er. Allerdings lagere er seine Produkte bei Amazon ein. Und Amazon wiederum vermische gelegentlich die Ware verschiedener Händler. Aus logistischer Sicht ist das sinnvoll: Wenn der gleiche Rucksack eines anderen Händlers dichter am Kunden ist, bekommt der Kunde eben diesen zugeschickt. Das spart Zeit und Sprit. Wenn jedoch Fälschungen in dieses System einsickern, kann man als ehrlicher Kunde bei einem ehrlichen Händler bestellen – und trotzdem einen Fake bekommen. Das Vertrauen erodiert.

Ein Amazon-Sprecher teilt auf Anfrage mit: "Amazon untersagt den Verkauf von gefälschten Produkten strengstens, und wir sorgen mit erheblichem Aufwand und finanziellen Mitteln dafür, dass unsere Richtlinien eingehalten werden." Anschließend listet er eine Reihe von Programmen und Maßnahmen auf.

Schwermetalle in hoher Konzentration

Viele Marken sprechen selbst gar nicht über ihr Fake-Problem. Sie befürchten, dass Kunden ihre Produkte aus Angst vor Fälschungen ganz verschmähen. Nordin hat sich anders entschieden. Er will, dass das Thema auf die Agenda kommt. "Warum", fragt er, "machen die Politiker nichts?"

An dieser Stelle wird unser Rucksack hochpolitisch. US-Präsident Donald Trump will die Verletzung von geistigem Eigentum nicht hinnehmen. Auch deshalb verhängt Trump Strafzölle. Doch sie haben China nicht zum Einlenken bewogen. Im Gegenteil: Sie heizen den Wirtschaftskrieg weiter an.

Fragt man bei der EU-Kommission an, bekommt man ein Gespräch mit fünf Experten vermittelt, die man aber alle nicht zitieren darf. Anders als Trump, so viel wird klar, setzt Europa nicht auf Zölle, sondern auf Dialog. Auch Thomas Bareiß, der deutsche parlamentarische Staatssekretär, war vor Kurzem mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu Gesprächen in China. Er sagt, man habe das Thema angesprochen. Aber es sei schwierig. Nicht zuletzt wegen der deutschen Wirtschaft: "Das Problem ist ja auch immer, dass die Unternehmen sagen: Vorsicht, das ist unser wichtigster Markt, unser größter Markt."

Man könnte sagen: Um den Chinesen weiterhin deutsche Autos verkaufen zu können, nimmt man die Fake-Schwemme in Kauf.

Was aber bedeutet das für die Verbraucher?

Gary Zörner, der das Labor für Chemische und Mikrobiologische Analytik in Delmenhorst leitet, hat in Annas Rucksack Schwermetalle in hoher Konzentration nachgewiesen: Antimon, Blei und Cadmium. Im Original-Rucksack sind sie nicht vorhanden. Durch Schweiß, sagt er, könnten sich die Stoffe lösen und etwa vom Träger des Rucksacks über die Haut aufgenommen werden. Das könne krebserregend sein. Noch schlimmer treffe es Arbeiter, die den Rucksack produzieren. Die Schwermetalle würden Nerven und Gehirn zerstören.

Annas Rucksack kann also nicht aus der Originalfabrik stammen. Bella lügt. Nun lügen wir zurück: Wir erfinden Sebastian Köhler. Von einem extra eingerichteten E-Mail-Account aus schreibt er Bella an ihre alte E-Mail-Adresse, über die sie mit Anna kommuniziert hatte. Eine Freundin von ihm habe einen Rucksack in ihrem Shop bestellt. Die Qualität sei super gewesen, aber leider sei der Shop jetzt offline. "Ist es noch möglich, Rucksäcke zu bestellen?", fragt Köhler. "Eventuell bin ich an einer größeren Bestellung interessiert."

Die E-Mail ist eine Falle. Wir haben ein Tracking-Pixel angehängt. Das ist eine winzige, nur ein Pixel große Grafik. Sobald Bella die E-Mail öffnet, wird die Grafik von einem Server heruntergeladen. Dieser registriert nicht nur, wann die E-Mail geöffnet wurde. Er merkt sich auch die IP-Adresse des Computers, die normalerweise Rückschlüsse auf seinen Standort erlaubt. Diese Informationen sendet der Server an uns.

Bald wird unsere Mail mehrmals geöffnet. Doch der angebliche Standort ist jedes Mal ein anderer, mal liegt er in Europa, mal in Asien, mal in Amerika. Bella und Jack haben ihre IP-Adresse verschleiert. In ihrer Antwort an Köhler bedanken sie sich für sein Interesse und schicken ein Foto von Kånken-Rucksäcken in verschiedenen Farben. Wo es aufgenommen wurde, lässt sich nicht ermitteln.

In der digitalisierten Welt, das wird uns allmählich klar, werden wir Bella und Jack nicht finden. Also versuchen wir, sie dort herauszulocken. Köhler schreibt, er plane, einen "größeren Betrag" zu investieren, und schlägt ein Telefonat vor, was Bella ablehnt, per E-Mail sei es "effizienter". So geht es eine Weile hin und her. Köhler bestellt dann noch einen Rucksack, angeblich um die Qualität zu testen. Daraufhin bekommt er eine Bestätigung von topbackpackmall.com. Es ist der neue Fake-Shop von Bella und Jack. Diesmal ist sogar eine Telefonnummer angegeben. Sie hat eine britische Vorwahl. Ruft man dort an, kommt eine automatische Ansage, dass der Teilnehmer nicht zu erreichen sei – auf Chinesisch.

Köhler schreibt, er werde ohnehin bald nach China reisen. Ob man sich dann nicht mal treffen wolle, um eine Geschäftsbeziehung aufzubauen? Bella wirkt nun doch interessiert. Man werde das Anliegen ernsthaft prüfen, schreibt sie zurück. Wenig später brechen wir auf. Ins Land der Fälscher.

Auf einer achtspurigen Straße geht es vom Flughafen hinein nach Shanghai. Es ist eine Stadt voller Hochhäuser, ein Sinnbild für den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas. Ein Fahrstuhl katapultiert einen in 55 Sekunden auf die höchste Aussichtsplattform der Welt in 561 Meter Höhe.

Shanghai ist aber auch eine Stadt der Kontrolle: An jeder Ecke begegnen einem Kameras. Wer im Hotel eincheckt, wird fotografiert. Das Internet, so wie man es in Deutschland kennt, existiert hier nicht. Google, Facebook, Twitter – alles gesperrt.

Die chinesische Wirklichkeit ist kompliziert

In Shanghai treffen wir Kevin, einen Amerikaner, der seit über 30 Jahren in China lebt. Mit seinem Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung stehen. Kevin wirkt unauffällig, ein Typ mit Brille und kleinen Lachfalten um die Augen. Früher hat er für Pinkerton gearbeitet, die berühmteste Detektei der Welt. Mittlerweile hat er eine eigene Firma mit knapp 20 Mitarbeitern in einem Shanghaier Hinterhof. Im Auftrag großer Unternehmen spürt sie chinesischen Produktfälschern nach.

Wir haben Kevin alles gegeben, was wir über Bella und Jack wissen. Wenn er redet, klingt es nach Detektivsprache. Er spricht von "objects", "assets", "cases" und "reports". Und er hat Karten vorbereitet, auf denen mögliche "targets" verzeichnet sind. Grob gesagt besteht der Plan darin, uns immer tiefer in die Fake-Wirtschaft hineinzuschleichen. Dafür werden wir uns als Geschäftsleute ausgeben, die im großen Stil Rucksäcke kaufen wollen. "Wenn wir da rausgehen", sagt Kevin, "fragen wir nichts, was ein guter Geschäftsmann nicht auch fragen würde." Als Journalisten dürfen wir uns nicht zu erkennen geben. Sonst droht Ärger.

Unser erstes Ziel ist das Shanghai Science and Technology Museum, eines der meistbesuchten Museen Chinas. Das riesige Gebäude schraubt sich spiralförmig vier Stockwerke in die Höhe und ist eine Touristenattraktion. Besucher knipsen Selfies auf dem Vorplatz. Auch Polizisten sind vor Ort.

Und doch befindet sich gegenüber dem Museum ein Labyrinth aus Fake-Shops. In Hunderten von kleinen Läden gibt es gefälschte T-Shirts von Levi’s, Fila und Patagonia, gefälschte Uhren von Rolex, Casio und Swatch, gefälschte Taschen von Louis Vuitton und Dolce & Gabbana. In einem der Läden fragen wir nach Rucksäcken von Fjällräven. Die Verkäuferin, eine zierliche junge Frau, zeigt uns Kånken in Blau, Schwarz und Rosa. Den Preis tippt sie in einen Taschenrechner ein, umgerechnet fast 60 Euro pro Stück. Als wir erst feilschen, dann aber auch für 20 Euro nicht kaufen, wird sie wütend: "Warum verschwendet ihr meine Zeit?", ruft sie uns hinterher.

Die Fake-Shops mitten in Shanghai können ihren Geschäften offenbar ungestört nachgehen. Offiziell hat die Kommunistische Partei den Fälschern den Kampf angesagt. Man werde "den Schutz des geistigen Eigentums umfassend verbessern" und die Interessen ausländischer Unternehmen schützen, versprach Chinas Präsident Xi Jinping auf einer Konferenz im April dieses Jahres. Verstöße gegen das Recht würden "hart bekämpft".

Sind das nur leere Worte? Der deutsche Rechtsanwalt Falk Lichtenstein arbeitet seit zwölf Jahren in China. Für die Kanzlei CMS hilft er ausländischen Firmen, ihre Interessen durchzusetzen. Tatsächlich, sagt er, sei die Lage in den vergangenen Jahren etwas besser geworden. Die Regierung wolle aus China ein Hightech-Land machen, da seien gefälschte Produkte eher "rufschädigend". Sie hätte sogar "Bulldozer auffahren lassen", um Fake-Märkte plattzumachen. Auch gebe es nun drei auf geistiges Eigentum spezialisierte Gerichte: in Shanghai, Peking und Guangzhou.

Das aber ist nur die eine Seite. Wirklich ernsthafte Konsequenzen drohen den Fälschern nicht. Ins Gefängnis, sagt Lichtenstein, kämen sie so gut wie nie. Das liege auch an den Strafverfolgungsbehörden: "Zum Teil bekommt man da unverblümt gesagt, dass man Strafanzeigen von Ausländern nicht nachgehe."

Die chinesische Wirklichkeit ist, wie so vieles, kompliziert. Wenn man aber sieht, in welchem Tempo die Partei Städte aus dem Boden stampft, neue Technologien fördert und korrupte Genossen an den Pranger stellt, hat man nicht unbedingt den Eindruck, dass das Bekämpfen der Fake-Wirtschaft ähnlich weit oben auf ihrer Liste steht.

Vielleicht ist die westliche Sicht auf das Phänomen auch zu einseitig. Laut OECD ist die Volksrepublik noch ein Entwicklungsland. Kann man es den Menschen verübeln, dass sie viel tun, um sich emporzuarbeiten? Haben nicht auch die Deutschen vor 150 Jahren das englische Königreich mit Plagiaten geflutet? Können wir Bella und Jack nun vorwerfen, womit auch unsere Urgroßeltern sich Wohlstand erarbeitet haben?

In China geht es voran, man kann es nicht anders sagen. Eine gut ausgebildete und gut verdienende Mittelschicht verlangt nach westlichen Markenprodukten. Auch der Outdoor-Trend kommt an. Für Fjällräven ist China deshalb ein Zukunftsmarkt. Über 40 Geschäfte der Marke hat das Unternehmen schon eröffnet. Rund die Hälfte davon verkauft ausschließlich Kånken. "Wer genug Geld hat, kauft die Originale", sagt eine junge Verkäuferin. Sie arbeitet in einem Kånken-Shop in der Einkaufsstraße Nanjing. "Die Fakes", sagt sie, "will doch keiner haben."

Freitag, 18 Uhr, Copycat-Happy-Hour. So nennen Kevin, Ken und Alex ihr wöchentliches Treffen. Normalerweise sind die drei Konkurrenten. Auch Ken und Alex fahnden nach Produktfälschern. Nun trinken sie gemeinsam Bier und quatschen über ihren Job, ein informeller Austausch. Ken, der Älteste in der Runde, kommt aus Tennessee, trägt Schnauzer und Totenkopf-Ring. Tabak kauend erzählt er, wie ein chinesischer Arbeiter sich vor Jahren an einer gefälschten Maschine verletzt habe und seine Firma den Originalhersteller verklagen wollte. Begründung: Man habe die Maschine doch eins zu eins nachgebaut. Alle lachen. Copycat-Happy-Hour-Humor.

Manchmal wird es auch ernst in der Runde. Alex, ein Australier, erzählt zum Beispiel von einem Fake-Produzenten, dessen Qualität den Originalhersteller so beeindruckt habe, dass dieser ihn zum offiziellen Lieferanten erklärte. Und von einer Originalfabrik, deren Angestellte Extraschichten einlegten, um die Ware auf eigene Rechnung zu verkaufen. Wo also verläuft die Grenze zwischen Original und Fake? "Sie verläuft fließend", sagt Alex.

Bevor wir Shanghai verlassen, schreiben wir noch einmal an Bella und Jack. "Ich bin jetzt in China. Können wir uns treffen?", fragt Sebastian Köhler. Man werde das prüfen, lautet die Antwort, sich baldmöglichst wieder melden.

30.000 Rucksäcke im Monat

Dann fliegen wir nach Guangzhou, der Fake-Hochburg Chinas. Die Stadt liegt im Süden, an der Grenze zu Hongkong. Es ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong, die als "Fabrik der Welt" gilt. Rund ein Viertel der Exporte Chinas werden hier produziert, Kleidung, Spielzeug, Mobiltelefone. Es ist ein riesiger Moloch, heiß und schwül. Die Männer auf der Straße krempeln ihre T-Shirts hoch bis zur Brust, um sich ein wenig Abkühlung zu verschaffen.

Wir fahren zum "Sunrise Leather Shop", unserer heißesten Spur zu Bella und Jack. Der Detektiv Kevin ist sich sicher, dass der Laden etwas mit ihnen zu tun hat. Über soziale Netzwerke in China ist es ihm gelungen, eine Verbindung zwischen der E-Mail von Bella und einem Account bei WeChat herzustellen, einer in China allgegenwärtigen App, über die man nicht nur chatten, sondern auch bezahlen und bestellen kann. Dieser Account wiederum weist eine Verbindung mit dem Sunrise Leather Shop auf. "Es müssen nicht Bella und Jack sein", sagt Kevin. "Aber irgendetwas haben sie mit ihnen zu tun."

Über dem Laden leuchtet in Gelb der Sunrise-Schriftzug. Drinnen begrüßt uns eine Frau, zwei Männer sitzen hinter einem Schreibtisch an Computern. Der Laden ist voller Rucksäcke. Auf den ersten Blick entdecken wir keine bekannten Marken. Aber uns fällt ein Modell auf, das dem Kånken verblüffend ähnelt, nur das Logo ist ein anderes: Statt "Fjällräven" steht dort "Encompassing all", statt dem roten Fuchs ist eine rote Blume abgebildet.

Mit einem der beiden Männer, der sich als Chef bezeichnet, kommen wir ins Gespräch. Doch er wirkt misstrauisch. Und was er sagt, klingt unglaubwürdig. So behauptet er, dass "Encompassing all" eine erfolgreiche Marke in den USA, Schweden, Russland, Vietnam und China sei. Wir kaufen ein Exemplar und fragen den Mann, ob er auch ins Ausland exportiere. Er verneint. Aber neulich sei ein Käufer im Geschäft gewesen, der nach Übersee verschiffe. Als wir den Mann fragen, ob er auch einen englischen Namen habe, Jack vielleicht, lacht er und verneint erneut. Auch sonst würde niemand im Laden Jack heißen.

Weiter können wir nicht gehen, ohne unsere Tarnung als Geschäftsleute auffliegen zu lassen. Ob dieser Mann Jack war? Wir wissen es nicht. Auch unsere E-Mail-Kommunikation mit Bella ist plötzlich tot. Wir haken noch ein paarmal nach wegen eines Treffens. Doch sie antwortet nicht mehr.

Googelt man den Begriff "Encompassing all", findet man keinerlei Hinweise auf die Marke. Als wir den Rucksack öffnen, zeigt sich, dass der Name und das rote Blumen-Logo bloß Tarnung sind: Auf der Innenseite ist das typische Fjällräven-Logo eingenäht, auf den Etiketten steht als Modellbezeichnung "Kånken".

Weil unsere Spuren zu Bella und Jack erschöpft sind, beschließen wir, uns den Produzenten der Fakes zu nähern. Ohne konkreten Hinweis fahren wir auf einen Großhandelsmarkt. Es gibt hier Hunderte von Läden, die im Rucksack-Geschäft mitmischen. Einige verkaufen auf langen Rollen Stoffe, andere nur Reißverschlüsse oder Trägergurte. In einem der Läden entdecken wir in einer Glasvitrine einen Kånken. Die Inhaberin, so erklärt sie uns, produziere aber nur das Material, nicht den Rucksack selbst. Doch sie kenne da jemanden. Nach einigem Hin und Her gibt sie uns eine Telefonnummer. Wir rufen an, geben uns wie immer als Geschäftsleute aus. Die Frau am anderen Ende der Leitung stimmt einem Treffen zu.

Wir erwarten sie am nächsten Tag um 11.30 Uhr in einem Hotel. Kurz vor zwölf taucht sie auf: eine Frau Ende 30, in Jeans und weißem T-Shirt. Auch ihre Tochter ist dabei, ein Mädchen von vielleicht acht oder neun Jahren. Die Frau zeigt uns verschiedene Kånken, sagt, sie habe Tausende davon auf Lager. Als wir vorgeben, eine längerfristige Geschäftsbeziehung anzustreben, willigt sie ein, uns die Fabrik zu zeigen.

In ihrem weißen 5er BMW mit Sportpaket und Klimaanlage fahren wir eine halbe Stunde durch die Stadt. Auf dem Armaturenbrett thront eine goldene Mao-Figur.

Wir sind da. In einem unscheinbaren Wohngebiet schlüpfen wir durch eine schwere Metalltür, werden durch ein dunkles Treppenhaus geführt. Es ist eine dreistöckige Fabrik. Es riecht stark nach Chemikalien. Im Erdgeschoss wird das Material gefärbt. Im ersten Stock sitzen Arbeiter ohne Mundschutz oder Handschuhe auf Holzstühlen und nähen die Rucksäcke zusammen. Dazwischen laufen Kinder herum, Nähmaschinen rattern, Ventilatoren sollen für etwas Abkühlung sorgen. Im zweiten Stock befindet sich das Lager. Hier stapeln sich Tausende von Rucksäcken. Sie sind in Zehnerpaketen verpackt und nach Farben sortiert. Es gibt gelbe, grüne, rote und bunte Stapel. Sie reichen fast bis zur Decke. So etwas habe auch er noch nicht gesehen, sagt Kevin. Er schätzt, dass es sich um 10.000 Rucksäcke handelt. Alles Kånken. Die Fabrik produziert nichts anderes.

Wir setzen uns mit der Frau an einen Tisch, bekommen kaltes Red Bull serviert. Seit fünf Jahren schon betreibe sie das Geschäft, erzählt sie uns. Bis zu 30.000 Rucksäcke könne sie im Monat produzieren. Wenn wir mehr als 1000 Stück abnähmen, liege der Preis bei vier bis fünf Euro pro Stück. Verschifft werden könne die Ware nach Rotterdam oder nach Hamburg. Wir kaufen ein paar Rucksäcke zur Probe. Einer von ihnen ist türkis und hat pinke Träger, genauso wie der, den Anna bestellt hat. Er fühlt sich auch genauso an. Gut möglich, dass unsere Geschichte hier ihren Anfang genommen hat.

Zurück in Deutschland, schreiben wir Bella und Jack ein letztes Mal. Warum sie uns in China nicht treffen wollten, fragt Sebastian Köhler. Und ob sie eigentlich auch in der Fabrik kaufen würden, die er dort besucht habe? Eine Antwort auf unsere Fragen bekommen wir nicht. Dafür meldet sich unsere Kreditkartenfirma. Sie hat die Karte, mit der wir im Laufe der Recherche einige Fake-Rucksäcke bei anderen Händlern bestellt haben, gesperrt. Der Grund: Die Fälscher haben versucht, mit ihr neue Anzeigen zu bezahlen. Diesmal auf Facebook.

Mitarbeit: Willem Konrad, Jennifer Lange, Niklas Schenk und Xifan Yang