Kirchen gehören zum Urlaubsprogramm von Hunderttausenden. Sie stehen geduldig an, um sich wie Konfirmanden in Zweierreihen durch die Dome und Kathedralen Europas zu schieben. Sie ziehen artig Polyestertücher über nackte Schultern, senken ihre Stimmen und treiben ihre Sprösslinge von Winkelaltar zu Winkelaltar. Über Kopfhörer hören sie die Geschichten von Heiligen und Schurken, die ihnen aus Fenstern, von Decken oder aus dem Deckenhimmel zuwinken. Sie recken die Köpfe, um das Jüngste Gericht zu bestaunen, und lassen sich via Audioguides klaglos architekturgeschichtliches Fachvokabular um die Ohren hauen. In der ersten Bank kniet eine Frau, sie bewegt lautlos die Lippen und betet, als wäre sie mit Gott allein. Ihr Gesicht erzählt eine Leidensgeschichte. "Was macht die Dame da?", fragt ein kleines Mädchen. Was sie tut, wirkt wie eine Attraktion, zu der man nicht hinsehen darf, ein leibhaftiges Tabu, das Betretenheit auslöst.

Was ist es nur, das Reisende wie zu den Zeiten, als der Baedecker als Bibel der Bildungsreisenden die Routen durch die Gotteshäuser vorschrieb, in die großen, kleinen, schönen oder mittelprächtigen Kirchen treibt, in denen Mönche vom Band singen und die Souvenirshops größer als die Beichtstühle sind? Ist die Art des Reisens, die sich seit dem 19. Jahrhundert in manchem gar nicht verändert hat, weil die Vergangenheit großer und kleiner Orte wichtiger zu sein scheint als der Alltag der Menschen, die jetzt dort leben? Eine Auratisierung profaner Club- oder Strandurlaube durch etwas kulturell Wertvolles? Ruhe kann es nicht sein, denn es ist nur an den Randstunden des Tages still. Der Geruch von Weihrauch und Kerzen mischt sich mit aufdringlichem Parfüm und Sommerschweiß. In allen Sprachen der Welt wird bewundert, gezeigt, gemurmelt oder missmutig nach einem Eis genörgelt. In den hinteren Bänken räkeln sich Teenager, sie stecken die Köpfe zusammen und blicken andächtig auf ihre eigenen Heiligenbildchen. "Psssst." "Aaaaah." Die Glossolalie des Tourismus. Vielleicht ist es schlicht die Kühle, die aus der Vergangenheit kommt, dicke Mauern schützen vor der Hitze.

Wer aus dem gleißenden Licht südeuropäischer Plätze ins Dunkle kommt, tritt in eine fremde Welt ein. Vielleicht ist es auch das diffuse Versprechen, das ebenso beruhigt wie erschreckt, ein leichter Schauer, der nicht nur vom abrupten Temperaturwechsel kommt. Ein paar Minuten, in denen das Gerede zum Stillstand kommt. Einfach mal schweigen, ein paar Minuten für sich allein, trotz Gruppenbutton auf dem Sommerkleid, einfach die Augen schließen, auch das Kameraauge. Hier ist das erlaubt und kommt ohne Rechtfertigung aus. Die Urlaubsheiterkeit, der Bildungswille oder der Spaß an einer kleinen Ablenkung darf der Melancholie weichen, der Traurigkeit, dem Dank. Inmitten eines vergangenen Glaubensmanifestes lassen sich auch Menschen berühren, die selten oder nie zu Hause in Kirchen gehen. Das zeigen die Eintragungen in Gästebüchern, die immer häufiger in Kirchen ausliegen. Die Zahl der Einträge zeigt, dass es ein Bedürfnis gibt, das Hiergewesensein zu dokumentieren, eine Art Hinterlassenschaft, oft verbunden mit eiligen Worten, die den Besuch zusammenfassen – oder um mehr bitten. Um ein Gebet, zu dem man sich selbst nicht in der Lage fühlt, eine Nachricht an die Liebsten, die diese niemals lesen werden. Hier ist alles präsent, was mit in den Urlaub geschleppt wird: der Tod des Vaters und die Haarrisse in der Beziehung, das Glück über ein Enkelkind und der unerhörte Kinderwunsch, der drohende Bankrott der Firma und die Hoffnung auf einen Studienplatz. Auf eigene Weise werden diese Gästebücher zu Fragmenten fremder Leben, manchmal frech, manchmal pflichtschuldig, oft bewegend, dazu in vielen Sprachen dieser Welt, die keine Rückschlüsse auf das eine oder andere geben.

Eine Kerze, ein Moment des Schweigens, der fast schon ein Gebet werden kann – Kirchenräume sind und bleiben Orte, in denen das Existenzielle Platz findet, die Suche nach Antworten, nach Gottesnähe, nach Erlösung, nach einem Dach über der Seele. Das ist auf überraschende Weise trotz der religionsdiagnostisch belegten Veränderungen gleich geblieben. Das erzählen und erleben auch die Geistlichen, die an den touristischen Hotspots im eigenen Land und überall in Europa arbeiten. Seelsorge fragt nur ab, wer Zeit hat, die eigene Seele und ihre Not auch zur Kenntnis zu nehmen. Gottesdienste, unter freiem Himmel oder in der Kirche am Strand, die mal eine Scheune war, sind manchmal so gut besucht wie im Heimatort nur die Christvesper. Religiöse Übungen, existenzielle Fragen brauchen Zeit, Selbstbefragung einen Raum. Außerdem hilft die Anonymität des Urlaubsortes so manchem über die Schwelle in ein Gespräch.

Schließlich kann man nach einigen Tagen wieder wegfahren. "Hier sieht mich keiner, wenn ich schwach bin und weine", sagt ein erfolgreicher Unternehmer auf die Frage, warum er jede Abendandacht auf seiner Lieblingsferieninsel besucht, aber niemals eine Kirche zu Hause. "Hier erwartet niemand was von mir. Ich muss nichts darstellen, auch nicht für die, die in meinem Unternehmen arbeiten. Das ist wie eine kleine Erlösung."