An dem Morgen, als die Weltreligionsführer sich im beschaulichen Süddeutschland ein Friedensversprechen geben, sagt ein Bischof in der kriegsverheerten Zentralafrikanischen Republik diesen Verzweiflungssatz, der typisch ist für einige der blutigsten Konflikte unserer Zeit. Néstor-Désiré Nongo-Aziagba, oberster Katholik seines Landes, in dem sich muslimische Seleka-Rebellen und christliche Anti-Balaka-Milizen nun seit Jahren bekriegen, verkündet, man befinde sich "in einer politischen, nicht in einer religiösen Krise". Soll heißen, nicht unterschiedlicher Glaube sei schuld am Tod von Hunderttausenden und der Vertreibung von mehr als einer Million seiner Landsleute.

Das ist wahr – insofern die Religionen nicht der Ursprung des Mordens waren. Doch das ist falsch – insofern der Religionshass mittlerweile zum Antrieb der Mörder geworden ist.

Und genau die ambivalente Lage macht "Religions for Peace", das Welttreffen von 1000 religiösen Autoritäten aus über 100 Ländern, das diese Woche in Lindau am Bodensee stattfindet, so brisant. "Religions for Peace" ist nicht einfach ein Kirchentag für alle. Keine interreligiöse Umarmungsveranstaltung, wie es mittlerweile viele gibt, deren Zweck oft nur darin besteht, sich selbst und andere zu beruhigen, dass alle Gläubigen dieser Welt im Grunde dasselbe glauben. Schön wär’s.

Tatsächlich gehören heute über 80 Prozent der Weltbevölkerung einer Glaubensgemeinschaft an. Tatsächlich hat sich die Säkularisierungsthese, also die große Prognose des vorigen Jahrhunderts vom allmählichen Verschwinden des Glaubens, nicht bewahrheitet, nicht einmal in der westlichen Welt. Doch während es zu Beginn des neuen Jahrtausends unter deutschen Kirchenvertretern üblich war, eine "Rückkehr der Religion" im Ton der Erleichterung, ja des Triumphs zu verkünden, konstatieren sie in Lindau die fortwirkende Macht des Gottesglaubens sowohl hoffnungsvoll als auch warnend. Das ist klug und für ein Religionstreffen ungewöhnlich ehrlich.

Denn noch ist unentschieden, ob die Religionen künftig eher Konfliktmacher oder eher Friedensstifter sein werden. Noch zeigt sich auf der weltpolitischen Bühne, dass sie beides sein können. In Lindau hat man sich deshalb entschieden, die Probleme einmal anzusprechen, statt sich mit Friedensgebeten zu begnügen. Zur Eröffnung sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Leider hätten manche Menschen den Eindruck, eine religionslose Welt sei geradezu die Voraussetzung für eine friedliche Welt. Als Grund nannte Steinmeier nicht einfach die Religionsverächter, sondern auch die Religiösen selbst. "Das ist eine starke Provokation für alle, denen Religion am Herzen liegt, für alle, denen der Glaube Sinn gibt, die durch den Glauben Orientierung und Halt finden." Sein Appell: Es dürfe keinem Glaubenden gleichgültig sein, wenn Religion als friedensverhinderndes, ja kriegsförderndes Phänomen gelte.

Klingt wohlfeil, ist aber mutig angesichts der diplomatischen Gepflogenheit, am liebsten vom "Missbrauch" der Religion durch die Politik zu reden und Anwesende auszunehmen von den Konflikten, um die es gerade geht. "Religions for Peace" entstand 1970 als interreligiöse Versammlung, die Frieden nicht nur predigt, sondern auch macht. Eine gewisse Ehrlichkeit gehörte daher seit Anfang an zum Konzept. Der amtierende Generalsekretär, der Amerikaner William F. Vendley, sagte in Lindau, man brauche schon Ironie, wenn man die friedensstiftende Macht von Religionsgemeinschaften nutzen wolle, die ihre eigenen Standards immer wieder verrieten. Bei "Religions for Peace" heute mitzutun bedeute, sich auf die friedlichen Fundamente des eigenen Glaubens zu besinnen und die Liebe zur eigenen Religion durch die Augen der anderen wiederzufinden.

Das ist nun abstrakt und durch Theologie allein nicht zu haben. Dazu muss man sich auch streiten. Und deshalb sind die neun Millionen Euro, die das Lindauer Welttreffen kostet, gut investiert. Erstmals tagt "Religions for Peace" in Deutschland, erstmals will man sich auf ein Abkommen zum Schutz heiliger Stätten einigen, erstmals sprachen 1000 Religionsführer statt eines Glaubensbekenntnisses das gemeinsame Gelöbnis: "Getragen von meiner eigenen Glaubenstradition und im Respekt vor religiösen Unterschieden, verpflichte ich mich zur multireligiösen Zusammenarbeit für den Frieden. Ich werde mit Gläubigen anderer Religionen partnerschaftlich zusammenarbeiten." Daran kann man die in Lindau anwesenden Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus künftig erinnern, vor allem wenn sie wieder zu Hause in ihren Ländern sind und gerade nicht "partnerschaftlich zusammenarbeiten".

Natürlich sind bei der viertägigen Weltkonferenz auch Religionführer zugegen, die Konflikte befeuern. Dazu sagte die ehemalige Vatikanbotschafterin Annette Schavan: "Wenn Religionen sich treffen, ist das keine Versammlung der Heiligen. Wo viel Heiliges ist, ist auch Unheiliges." Man müsse sich halt möglichst oft treffen, damit das Heilige sich durchsetze.

Anmerk. der Redaktion: In der gedruckten Ausgabe der ZEIT ist uns in der Grafik zum Welttreffen "Religions for Peace" in Lindau ein Fehler unterlaufen. In der Zeichnung mit zunächst sehr vielen religiösen Symbolen wurde am Ende der Davidstern als wichtiges Symbol weggelassen, das Pentagramm aber – ein sogenannter Drudenfuß, wie er heute etwa auf der Flagge Marokkos zu sehen ist – blieb fälschlich stehen. Wir haben die Zeichnung auf ZEIT ONLINE korrigiert und bitten diesen Fehler zu entschuldigen.