Manchmal ist weniger interessant, was jemand sagt, als wer es sagt – und vor allem wann. Michael Hüther ist so etwas wie die Stimme der Wirtschaft im Berliner Regierungsbetrieb, er war Chefvolkswirt einer Großbank und hat für den Sachverständigenrat gearbeitet, die sogenannten Wirtschaftsweisen. Heute leitet er das von den Arbeitgebern finanzierte Institut der deutschen Wirtschaft.

Große Teile seines Berufslebens hat Michael Hüther damit verbracht, für mehr Markt und weniger Staat zu werben, er hat die Agenda 2010 von Gerhard Schröder unterstützt und die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns abgelehnt. Hüther war immer der Meinung, dass der Staat mit seinem Geld sehr sparsam umgehen sollte – und galt als einer der prominentesten Befürworter der Idee, eine Schuldenbremse ins Grundgesetz zu schreiben, was dann vor ziemlich genau zehn Jahren auch geschehen ist.

Inzwischen aber hält ausgerechnet Michael Hüther diese Schuldenbremse für "ökonomisch fragwürdig". Und er sagt, dass das Ziel eines jederzeit ausgeglichenen Staatshaushalts, die sogenannte schwarze Null, "eine Art erotisches Symbol" geworden sei.

Womit sich die Frage stellt, ob einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen einfach nur seine Meinung geändert hat. Oder ob sich die Zeiten geändert haben und anders mit Schulden umgegangen werden sollte als vor zehn Jahren.

Fast jeder deutsche Kanzler hatte etwas sehr Großes, das mit seinem Namen in Verbindung gebracht wurde: Bei Willy Brandt war es die Ostpolitik, bei Helmut Kohl die deutsche Einheit – bei Angela Merkel war es das staatliche Schuldenverbot. Denn sosehr Merkel in ihrer Regierungszeit die Nerven der CDU strapazierte, indem sie aus der Atomkraft ausstieg, die Wehrpflicht abschaffte und den Mindestlohn zuließ, so klar war in den vergangenen Jahren eben auch: An der Schuldenbremse wird nicht gerüttelt. Sie war der letzte Stabilitätsanker der Union.

Doch nun geht die Ära Merkel langsam zu Ende. Und wenn man sich umhört unter Ökonomen, in den Forschungsinstituten, in den Parteien und bei den Verbänden, dann fällt auf, wie kritisch das Schuldenverbot inzwischen gesehen wird.

"Die schwarze Null gehört in einer konjunkturell fragilen Lage auf den Prüfstand", sagt Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

"Ich bin der Meinung, dass Deutschland mehr investieren könnte und davon profitieren würde", sagt Christine Lagarde, die künftige Chefin der Europäischen Zentralbank.

"Die Finanzpolitik dem Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts unterzuordnen ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Jens Südekum, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf.

In seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre argumentiert der amerikanische Ethnologe David Graeber, dass der Kredit die Menschheit in die Sklaverei treibe. Wer Schulden mache, liefere sich den anonymen Mächten der internationalen Finanzmärkte aus, den Banken, den Börsen, den Rating-Agenturen, und verliere jeden politischen Gestaltungsspielraum.

Graebers Buch erschien 2011. Griechenland stand vor dem Staatsbankrott, Spanien, Italien und Irland brachen unter der Last ihrer Schulden fast zusammen und wurden zum Spielball internationaler Gläubiger. In Deutschland musste ein immer größerer Teil des Haushalts für Zinsausgaben verwendet werden und stand damit nicht mehr für andere Zwecke zur Verfügung. Das staatliche Schuldenverbot wurde in diesem Zusammenhang als Akt der Wiedergewinnung demokratischer Selbstbestimmungsrechte verstanden.