Stefan Flückiger stoppt seinen weißen VW-Van, steigt aus, zieht seine schweren Schuhe an und stapft durchs junge Brombeergestrüpp. Bis vor anderthalb Jahren standen hier die Fichten dicht an dicht. Nun klafft an ihrer statt, wie an so vielen Orten im Bremgartenwald bei Bern, eine große Lichtung. Anfang Januar 2018 zog der Sturm Burglind übers Land und knickte die Bäume wie Streichhölzer. Und jene, die nach den beiden Sturmnächten noch standen, litten im vergangenen Sommer dermaßen unter der extremen Trockenheit, dass sie nicht mehr genügend Harz produzieren konnten – und vom Borkenkäfer zerfressen wurden. "Die letzten Fichten haben wir vergangene Woche rausgeholt", sagt Flückiger. "Nun pflanzen wir hier Tulpenbäume."

Der Mann im schwarzen Poloshirt und den dunklen Jeans leitet den Forstbetrieb der Burgergemeinde Bern. Sie besitzt und bewirtschaftet 4000 Hektaren Wald, damit gehört sie in der Schweiz zu den größten Waldbesitzerinnen. Flückiger greift in eine der grünen Plastik-Manschetten, die verteilt auf der Lichtung stehen, und zeigt die saftig-grünen Blätter eines Jungbaums. "Nein, der ist nicht von hier." Aber anders als die Fichte sollte der nordamerikanische Tulpenbaum das Klima aushalten, das in 20, 30, 50 Jahren im Bremgartenwald herrschen wird. "Dann haben wir hier Verhältnisse wie heute am Langensee im Tessin", sagt der Forstmeister. Der Tulpenbaum ist eine seiner Wetten auf die Zukunft.

Diese Zukunft wird der Schweiz trockenere und heißere Sommer und mildere Winter bescheren. So sagen es die Klimamodelle voraus. Für den Wald bedeutet das: Er wird sich in den kommenden Jahrzehnten radikal verändern.

Schon heute hinterlässt der Klimawandel im heimischen Forst seine Spuren: Die Bäume schwächeln, sie wachsen langsamer, ihre Kronen vertrocknen – oder die Bäume sterben gleich ganz ab. Angeschlagen sind vor allem Fichten, im Volksmund Rottannen genannt, und Buchen; also die häufigsten Arten in den Schweizer Wäldern.

Der Tulpenbaum aus den USA mag trockene Sommer. © Getty Images

Besonders betroffen sind die Wälder im Jura und der Nordwestschweiz. In der Ajoie sind ganze Buchenbestände vertrocknet. Große Schäden melden Waldbesitzer auch aus Schaffhausen und dem Kanton Zürich. In Baselland wurde der Hardwald bis Ende Jahr gesperrt: Zu groß ist die Gefahr, dass einem Spaziergänger ein verdorrter Buchenast auf den Kopf fällt. Und in den Alpen sorgen sich Wissenschaftler und Behörden um die Wälder an den steilen Hängen, die Dörfer und Verkehrswege vor Steinschlägen, Erdrutschen und Lawinen schützen sollen. Halten sie den Klimastress aus?

So feiert in diesen Tagen ein gruseliges Wort sein Comeback: das Waldsterben. In Deutschland fordern Politiker und Waldlobbyisten vom Staat bis zu einer Milliarde Euro an zusätzlichen Subventionen, um die von Borkenkäfern und Waldbränden zerstörten Wälder auszuräumen und neu aufzuforsten. Und die Grünen fordern, die Natur häufiger einfach mal machen zu lassen.

Der 48-jährige Forstmeister Flückiger hält von alldem nicht viel. Weder von der Waldsterben-Diskussion noch vom Wehklagen der Waldbesitzer oder der Idee, den Forst sich selbst zu überlassen: "Ein Baum, der heute wächst, weiß nicht, welches Klima der Mensch in 40 Jahren produziert", sagt er. Flückiger ist überzeugt: Nur wenn der Mensch interveniert, hat der Wald überhaupt eine Chance, sich an den Klimawandel anzupassen und gleichzeitig seine Funktionen zu erfüllen. Als Rohstofflieferant, als Erholungsort und Biotop.

Dass dies gelingt, dafür sind die Voraussetzungen in der Schweiz gar nicht mal so schlecht. Zum einen ist der heimische Wald schon seit dem Mittelalter eine Kulturlandschaft. Er wurde vom Menschen beackert. Erst waren es die Eichenwälder, die angebaut und gepflegt wurden, weil man in ihnen das Vieh hielt und Holz schlug, um es zu verbauen oder zu verheizen. Darauf folgte das Zeitalter der Fichte: Der Baum wächst schnell, ist einfach zu verarbeiten. Der ideale Baustoff für die boomende Wirtschaft im 20. Jahrhundert.