Simone Lappert, 34, Schriftstellerin © Ayse Yavas

Die Türen zum Café sind weit offen, von der Bar her zischt und faucht die Kaffeemaschine. An einem der Tische sitzt Simone Lappert und schreibt in ein Notizbuch. Sie schaut auf. Ungeschminkt und in einem langen Sommerkleid.

Das Volkshaus am Helvetiaplatz ist für sie das gefühlte Zentrum ihrer neuen Stadt, Lappert wohnt erst seit Kurzem in Zürich. Es ist auch der erste Ort, der mit einer persönlichen Erinnerung aufgeladen wurde. Mitte Juni erlebte sie hier den Frauenstreik: "Der Protest war überwältigend. Ein Doppelpunkt. Jetzt muss etwas folgen", sagt Lappert.

Die Spannung, das Flirren, das damals in der Luft lag, erinnert an die Ausgangslage ihres neuen Romans. Der Sprung erzählt von Manu, einer jungen Frau, die auf dem Dach eines Mietshauses steht, während sich auf dem Platz davor die Schaulustigen versammeln, mit dem Handy Fotos machen, Filme drehen oder zu ihr hochrufen: "Spring doch, du Weichei, mach doch!" Oder auch: "So jemanden sollte man erschießen." Der Roman fußt auf einer realen Geschichte, die sich in der Schweiz abgespielt hat und von der die Autorin erfahren hatte. Sie sprach später mit einer Angehörigen. Diese stand damals in der Menge und musste die teils abschätzigen Kommentare über die geliebte Person mithören.

Oben ein tief verzweifelter Mensch, unten eine zynische Meute. Die Brutalität dieser Situation hat Lappert nicht mehr losgelassen. Was passiert mit der eigenen Empathie in einem solchen Moment? Woher kommen diese Aggressionen? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Nach einer Kurzgeschichte, die nah am realen Ereignis blieb, entschied sich Simone Lappert, der, wie sie es nennt, "Überforderungsdynamik" in der Fiktion nachzuspüren. Elf Figuren sind es, denen sie im Roman folgt: Etwa dem Polizisten, der für den Kriseneinsatz abkommandiert wird, der Frau, die den Vorfall der Polizei meldet, dem Freund von Manu auf dem Dach oder den Ladenbesitzern, die dank der Schaulustigen das Geschäft ihres Lebens machen.

Zunächst liest sich das Buch wie eine Sammlung von Kurzgeschichten, bis man Details wiedererkennt und allmählich realisiert: Die Ausschnitte aus verschiedenen Lebenswelten einzelner Figuren verweben sich zum Panorama einer Kleinstadt. Es ist ein sorgfältig gebauter Plot, mit Schwung erzählt. Das passt gut zu ihrem neuen Verlag, der darauf setzt, dass sich seine Bücher auch tatsächlich verkaufen. Und es unterscheidet die junge Autorin von anderen Abgängern des Literaturinstituts in Biel, wo sie studiert hat, mit ihren oft sperrigeren oder entrückten Werken.

Simone Lappert schreibe mit großem erzählerischem Atem, Herz und Humor, sagt ihre Lektorin Margaux de Weck. Die junge Autorin kam eher zufällig zu Diogenes: Weil ihr ehemaliger Verlag Metrolit eingestellt wurde, hat man sie an Diogenes weiterempfohlen. Sie war damals gerade im Rahmen eines Stipendiums in New York und schrieb an ihrem Roman, als der Verleger Philipp Keel anrief. Mit Der Sprung ist Simone Lappert im Hause von Friedrich Dürrenmatt, Hugo Loetscher, Urs Widmer, Martin Suter und Charles Lewinsky untergekommen, in einem der größten Literaturverlage im deutschsprachigen Raum – als erste Schweizer Romanautorin.

Wenn Simone Lappert von ihren Figuren erzählt, klingt es fast, als rede sie von echten Personen. Anfangs habe sie ein Bild von ihnen, sagt sie, einen ersten Eindruck, wie wenn man jemanden neu kennenlerne. Mit der Zeit vertiefe sich die Beziehung, werde komplexer – oder ändere sich. "Schön ist es, wenn meine Figuren ein Eigenleben entwickeln und mich beim Schreiben überraschen." Manchmal würden sie sich sträuben, sagt Lappert und lacht hell. Andere Male spüre sie, dass sie einer Figur noch weiter folgen wolle. So war es zum Beispiel bei dem Hutmacher Egon, der sein Geschäft aufgeben musste und im Roman zunächst nur einen kleinen Auftritt hatte. Über diese und andere Figuren kreist Lappert ihre Hauptfigur Manu immer enger ein, bis sie sich gegen Ende wieder von ihr entfernt. Wer die junge Frau ist und weshalb sie auf dem Dach steht, bleibt ungewiss, sie ist das Auge des Orkans. Simone Lappert hat sich bewusst dazu entschieden: "Ich wollte Manu keine Deutungshoheit geben." Würde das Buch die offenen Fragen beantworten, wäre das eine Besänftigung, die Lappert so nicht will. "Zu beruhigen ist nicht die Aufgabe der Kunst."