Wenn das Papsttum des 21. Jahrhunderts den Dialog mit Künstlern und Intellektuellen sucht, lädt es die handverlesenen Gäste mit Vorliebe in die Sistina.

Diese fühlen sich unversehens in die Defensive gedrängt, denn wer durfte es angesichts dieser Werke wagen, sich weiterhin Künstler zu nennen?

Die Sixtinische Kapelle wurde in den Jahren 1471 bis 1483 im Auftrag von Papst Sixtus IV. gebaut, nach dem sie benannt ist. Er war ein Spross der Familie Della Rovere, die aus eher bescheidenen Verhältnissen der ligurischen Provinz stammte und daher Verherrlichung in Bauten und Bildern dringend benötigte. Die Architektur der Kapelle selbst fiel konventionell aus.

Ihre Zweckbestimmung bestand darin, Bildersaal zu sein: für prunkvolle lebende Bilder während feierlicher Gottesdienste und für die Fresken, die ihre langen Mauern und ihr Gewölbe zieren sollten. Sixtus IV. gab gleich nach Fertigstellung der Baulichkeiten die Wandfresken bei einem toskanisch-umbrischen Malerteam in Auftrag, aus dem Perugino und Botticelli hervorstachen. Sie setzten ein umfangreiches und ausgeklügeltes Programm in Farben um, das unmittelbar auf die innerkirchlichen und politischen Kämpfe Sixtus’ IV. Bezug nahm und darüber hinaus an diesen Beispielen ewige Gesetzmäßigkeiten der Geschichte zwischen Schöpfung und Jüngstem Gericht aufzeigen sollte.

Zu diesem Zweck sind die Lebensgeschichten Moses’ und Christi an den Wänden der Kapelle wie parallele Bilderbogen einander gegenübergestellt. Dabei ist Moses der Vorläufer Christi. Als politisches und geistliches Oberhaupt des Volkes Israel führt er dieses aus der ägyptischen Knechtschaft dem Gelobten Land entgegen; damit weist er auf die Erlösungstat des Gottessohnes, aber auch auf die Machtfülle des Papstes und dessen Mittlerfunktion zwischen Gott und Menschen voraus.

Eines der eindrucksvollsten Fresken der Moses-Serie von Botticelli zeigt in drei ineinandergreifenden Episoden, wie es allen ergeht, die gegen seine doppelte Vormachtstellung aufbegehren. Das Böse wird bis zum Ende der Zeiten sein Haupt erheben, aber die Päpste werden es mit göttlicher Hilfe stets aufs Neue besiegen. Das gilt auch für die unbelehrbaren Anhänger der Konzilshoheit, die eine Kirchenversammlung zur Absetzung Sixtus’ IV. einberufen wollten.

Auf der den Moses-Fresken gegenüberliegenden Wand hat Perugino als wirkungsvollen Kontrast die harmonische Szene gemalt, in der Petrus als Nachfolger und Stellvertreter Christi auf Erden eingesetzt wird. Christus übergibt dem Fischer vom See Genezareth die Schlüssel und damit die Vollmacht, in seinem Namen die Bösen zur Hölle und die Guten ins Paradies zu schicken. Doch sind nicht alle Fresken so papstfromm wie diese. Die Entsendung der Maler-Equipe nach Rom war Teil des Friedens, der den Krieg zwischen Sixtus IV. und den Medici nach der Pazzi-Verschwörung beendete. Doch versöhnt war Lorenzo de’ Medici, der durch den vom Papst gesteuerten Anschlag in der Kathedrale von Florenz seinen Bruder verloren hatte, keineswegs. So fügte Sandro Botticelli, der der Familie Medici jahrzehntelang nahestand, in seine Bilder subversive Botschaften ein: Eine abgestorbene Eiche beschwört das baldige Ende der Papstsippe, die diesen Baum im Wappen führt; und die Szene, in der Moses den Ägypter tötet, weckt die traumatischen Erinnerungen an den 26. April 1478, den Tag der langen Messer am Arno.

Ein Vierteljahrhundert später fand diese Doppelbödigkeit in der Kapelle des Papstes ihre Fortsetzung. Diese zweite Etappe der Ausgestaltung im Auftrag des zweiten Della-Rovere-Papstes Julius II. ist durch kräftiges Zutun des Künstlers zu einem Menschheitsmythos geworden: Vier lange Jahre, von 1508 bis 1512, habe er, auf einem schwankenden Gerüst in schwindelerregender Höhe auf dem Rücken liegend, die Decke der Sistina ausgemalt, bis sich die Augen an diese verkehrte Perspektive gewöhnten und sich nicht mehr auf die normale Blickrichtung umstellen wollten – so Michelangelo Buonarroti in seiner eigenen poetischen Schilderung, die das Titanische dieser Tätigkeit in komisch-heroischen Bildern beschwört. In diesen vier Jahren schuf er einen Bilderkosmos aus fünf Haupterzählsträngen.

Die Haupterzählungen des Deckengemäldes sind entweder von brutaler Gewalt durchsetzt, ironisch gebrochen oder enden frustrierend. Das gilt vor allem für die Fresken in der Mitte der Decke. Ganz offensichtlich ist die göttliche Schöpfung ein Fehlschlag. Die Menschen gehorchen den Geboten ihres Herrn nicht und werden dafür mit der Sintflut bestraft. Verzweifelt um ihr Leben Schwimmende klammern sich an die Arche und versuchen vergeblich, sie zu entern. Doch die große Säuberung führt keine dauerhafte Besserung herbei, wie Noahs Trunkenheit zeigt. Die nachfolgende Zeitspanne konnte Michelangelo getrost auslassen – das wichtigste Ereignis war ja mit dem Leben Christi an der Seitenwand der Kapelle bereits gemalt.

Mit seinem 1541 enthüllten Jüngsten Gericht hat Michelangelo fast drei Jahrzehnte später das Schlussstück der sixtinischen Bild-Erzählungen eingefügt. Sein Fresko zeigt das Ende der Geschichte wie in der Totenmesse angekündigt als Dies irae, als Tag des Zorns. Dieser richtet sich nicht nur gegen die Bösen, die verdientermaßen in die Hölle gestürzt werden, sondern auch gegen die Kirche: Der verdammende Arm Christi schwebt genau über einer verhüllten Gestalt, die die Ecclesia, die Kirche, verkörpert.