Angela Aukthun will Altenpflegerin werden, Sylvio Napp Erzieher. Die ZEIT begleitet sie während ihrer Ausbildung. Wie haben die beiden das erste Jahr erlebt?

Berufseinstieg

DIE ZEIT: Herr Napp, vor Ihrer Ausbildung zum Erzieher waren Sie Tischler. Haben Sie den Wechsel in den vergangenen zwölf Monaten mal bereut?

Sylvio Napp: Es gab Momente, in denen ich dachte: Was mache ich hier bloß? Jetzt muss ich mich schon wieder hinterfragen? Der Beruf hat so viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Da hatte ich manchmal Bock, wieder in die Werkstatt zu gehen und einfach nur zu tischlern.

ZEIT: Was hat Sie davon abgehalten?

Napp: Ich hab zurückgeblickt auf die Tischlerei und darauf, wie ich damals so war. Und ich hab mich daran erinnert, dass ich mich selbst besser kennenlernen und im Umgang mit Kindern sicherer werden wollte – auch für meine Söhne.

ZEIT: Wie war das bei Ihnen, Frau Aukthun? Haben Sie zwischendurch gezweifelt, ob Altenpflegerin das Richtige für Sie ist?

Angela Aukthun: Nein, am Beruf hab ich nie gezweifelt. Nur daran, ob ich die Schule schaffe. Am Anfang hatte ich sehr viel Angst zu scheitern. Ich hab früh meine Tochter bekommen, mit 19 Jahren. Damals haben alle gesagt, das war’s jetzt für dich, das wird nichts mehr mit Ausbildung und so. Ich wollte beweisen, dass ich es hinkriege. Inzwischen sind mir die anderen egal. Meine Noten sind gut, weil ich den Beruf wirklich mag.

Napp: Es ist ein total anderes Lernen als früher. Plötzlich ist da so eine Ernsthaftigkeit. Mir war ziemlich bald klar: Ich muss mir Zeit nehmen für die Schule, ich muss mich hinsetzen und lernen. Dieses "Ich muss" kam dann so oft, dass es mich richtig frustriert hat. Nachdem ich mir klargemacht habe, dass ich eigentlich möchte, wurde es wieder ein bisschen einfacher.

Aukthun: Ist ja auch normal, dass man die Ausbildung nach den ersten Monaten infrage stellt, wenn man kapiert, worauf man sich eingelassen hat. Wir waren am Anfang 35 Leute in der Klasse. Ein gutes Viertel hat inzwischen aufgehört.

ZEIT: Wie sind Ihre Klassen zusammengesetzt?

Napp: Wir haben alle Altersschichten, Leute mit Kindern, ohne Kinder. Die älteste Person ist eine Frau Ende fünfzig.

Aukthun: Wow, ihr toppt uns. Bei uns ist der Älteste 51 und die Jüngste gerade 18. Da sind schon extreme Unterschiede zwischen den Leuten. Habt ihr auch so viele Ausländer in eurer Klasse?

Napp: Wir haben eine Chinesin, einen Syrer und einen Iraner. Und dann gibt es noch welche, deren eines Elternteil aus Polen kommt.

Aukthun: Bei uns ist das Verhältnis umgekehrt. Wir haben vielleicht fünf Leute, deren Eltern auch Deutsche sind. Der Rest kommt aus dem Ausland oder hat Migrationshintergrund.

ZEIT: Wie finden Sie das?

Aukthun: Ich bin erst mal stolz auf alle, die diese Arbeit machen wollen – die ist ja nicht leicht. Aber Menschen, die aus Ländern kommen, in denen das Leben eh härter ist, sehen vielleicht eher, was für ein guter, angesehener Job das ist. Außerdem glaube ich auch, dass man alte Menschen in Deutschland stärker als Last empfindet als anderswo, wo der Respekt vor dem Alter sehr hoch ist.

Napp: Bei unserer Ausbildungsbeschreibung ist extra vermerkt, dass ausländische Mitbürger gefördert werden. Ich finde das gut. Aber die Schule ist extrem hart für Leute, die Sprachdefizite haben.

ZEIT: Beschäftigt Sie der Erzieher- und Pflegekräftemangel?

Napp: Uns wird ständig prophezeit, dass wir nach unserem Abschluss überall mit Kusshand genommen werden. Gerade weil wir als Quereinsteiger nicht nur die Ausbildung, sondern auch noch Lebenserfahrung mitbringen.

Aukthun: Bei uns sagen die Lehrer auch immer: Ihr seid bald Fachkräfte, dann werdet ihr umworben. Und die Azubis, die fast fertig sind und sich für verschiedene Stellen beworben haben, erzählen, dass alle Einrichtungen sie wollen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Mangel echt so extrem ist.

ZEIT: Was denken Sie, warum nicht mehr Leute den Beruf ergreifen wollen?

Aukthun: Es gibt viele Vorurteile, ich erlebe das in meinem Freundeskreis. Viele sagen: Altenpflege? Das könnte ich niemals. Als ich vor Kurzem ein paar Wochen im Heim eingesetzt war, gab es eine Dame, die immer nur im Bett lag. Ich hatte Zeit, mit ihr rauszugehen – ihr hat das so viel bedeutet. Pflege heißt auch da sein, Gespräche führen, Alltag ermöglichen.