Der Sinneswandel – Seite 1

Eine lange Treppe führt hinauf in die Dachgeschosswohnung von Susanne Krahe in Unna. Die 60-jährige Theologin wohnt umgeben von Hunderten Büchern, nahezu an jeder Wand stehen deckenhohe Regale. Seit ihrer Erblindung kann sie die meisten Bücher nicht mehr lesen. Neueres hat sie eingescannt, eine Computerstimme liest sie ihr vor. Wenn kein Besuch da ist, lässt Susanne Krahe immer das Radio laufen, so kann sie sich besser orientieren. Manchmal, erzählt sie, müsse sie über ihren Konfirmationsspruch schmunzeln: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Frage: Frau Krahe, was sollte man einen blinden Menschen nicht fragen?

Susanne Krahe: Das kann ich so pauschal nicht sagen. Mich persönlich nervt es immer, wenn so getan wird, als sei ich sozusagen blind von Beruf, als sei ich nur ein Exemplar einer ganzen Herde behinderter Menschen. Ich spreche gerne über das Blindsein, aber ich bin auch Theologin und Schriftstellerin.

Frage: Gibt es etwas in Ihrem Leben, das sich durch den Verlust des Augenlichts nicht verändert hat?

Krahe: Gleich geblieben ist eigentlich nur die Liebe zum Schreiben. Meine Karriere als Wissenschaftlerin musste ich beenden. Ich steckte mitten in der Promotion, als ich vor 30 Jahren wegen einer Diabetes-Erkrankung schlagartig erblindete. Aber heute ist das Schreiben tatsächlich die einzige Beschäftigung, in der ich leben kann, wie ich immer gelebt habe. Ich habe schon als Jugendliche immer alles aufgeschrieben, was mich gerade so beschäftigt. Den ersten Liebeskummer, die erste gescheiterte Beziehung. Mein Leben hat sich durch die Erblindung sehr verändert, alles ist heute sehr aufwendig. Viel Organisation, viel Anstrengung. Nur das Schreiben ist für mich nicht aufwendig.

Frage: Und lesen Sie noch manchmal in Ihren Aufzeichnungen aus Ihrer Jugend?

Krahe: Meine handschriftlichen Aufzeichnungen kann ich heute nicht mehr lesen, das kann man auch mit Technik nicht lösen. Und es ist mir zu intim, dass ich sie mir von jemandem vorlesen lasse.

Frage: Haben Sie sich mittlerweile an das Blindsein gewöhnt?

Krahe: Nein. Weil nichts so bleibt, wie es ist. Mit dem Alter verliert man die Koordinationsfähigkeit, man verliert an Gedächtnis, dabei ist das sehr wichtig für Blinde. Ich dachte früher, nach der Erblindung kann mir nichts Schlimmeres mehr widerfahren. Jetzt merke ich: Da kommt noch einiges auf mich zu.

Frage: Also gewöhnt man sich eigentlich nie wirklich daran?

Krahe: Anfangs hoffte ich das schon. Ich versuchte, mich damit abzufinden. Außerdem entwickelte ich schnell den Impuls, die Dinge schönzureden. Das machen offenbar viele Menschen mit Behinderung. Ich wollte selbst in der Erblindung noch etwas Gutes sehen. Betonen, wie sich die anderen Sinne entfalten, wie feinfühlig man für die Zwischentöne in der Kommunikation mit anderen Menschen wird. So entlastet man in erster Linie sein Umfeld. Heute würde ich nicht mehr sagen, dass auch Blindheit eine Bereicherung sein kann. Im Gegenteil: Es ist eine Verarmung, wenn man nichts mehr sieht.

Frage: Sprechen Menschen mit Behinderung untereinander eigentlich anders?

Krahe: Nein, wir stehen genauso in einem Konkurrenzkampf untereinander wie andere Menschen auch. Blinde beispielsweise sind sehr darauf bedacht, sich von anderen Behinderten abzuheben. Immer wieder erlebe ich auch, wie untereinander Hilfsmittel verglichen werden, ständig empfiehlt dir jemand etwas Neues. Die wenigsten wollen dir damit helfen. Was sie eigentlich sagen: Ich habe es auch geschafft, stell dich nicht so an. Und für Nicht-Blinde bleibt man trotz aller Bemühungen immer die Blinde. Man muss lernen, damit umzugehen.

Frage: Erfahren Sie viel Mitleid?

Krahe: Nein, leider nicht.

Frage: Leider?

Krahe: Mitleid hat leider einen sehr schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Ich fände es schön, öfter mal Mitleid zu erfahren. Aber natürlich unter bestimmten Bedingungen: Ich möchte nicht noch mehr Bevormundung oder eine noch stärkere Übergriffigkeit spüren, sondern ein wirkliches Mitgefühl, ein Mit-Leiden. Das täte mir gut und fehlt mir.

Frage: Was erhoffen Sie sich davon?

Krahe: Das könnte jetzt egozentrisch klingen: Wenn ich bereit bin, Mitleid zu erfahren, dann gestehe ich mir selbst zu, dass ich leide. Wer nicht leidet, kann kein Mitleid erwarten. Ich erlebe meine Erblindung aber nun mal als Leidenserfahrung. Mein erstes Leben ist vorbei. Daran leide ich. Und es geht mir viel besser damit, es dann auch als Leiden zu bezeichnen. Nur dann bin ich ehrlich mit mir selbst, aber wahrscheinlich auch anstrengender für mein Umfeld.

"Leid ist ein Tabuthema"

Frage: Die Selbsthilfebewegung hat sich über viele Jahrzehnte von Mitleid und Fremdbestimmung freigekämpft. Nur deshalb finden heute Inklusionsdebatten statt, auch deshalb haben wir heute ein Bundesteilhabegesetz. War das falsch?

Krahe: Nein, natürlich nicht. Falsch ist nur, zu verallgemeinern. Ich schreibe dem Mitleid und der Fürsorge einfach einen wichtigeren Stellenwert zu als andere Behinderte. Wie es bekanntermaßen auch Unterschiede unter Nichtbehinderten gibt. Außerdem habe ich ein bestimmtes Verständnis von Mitleid. Üblicherweise wird Mitleid von Menschen mit Behinderung als Degradierung erfahren, als Demütigung. "Ach, du Arme", das ist in den meisten Fällen keine Gefühlsäußerung, das ist eine Degradierung. Das wollen Menschen mit Behinderung aus gutem Grund nicht. Also behaupten sie oft, dass sie nicht leiden. "Ich kann das selbst", heißt es dann. Die Selbsthilfebewegung war zweifelsohne immens wichtig und hat neue Standards gesetzt. Das Problem ist trotzdem: Leid ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, als wäre es ansteckend. Alle haben permanent Angst, runtergezogen zu werden. Dann spricht man lieber von Empathie, die ist bekanntlich ganz toll. Weil man das Leid nicht hört, zumindest nicht, wenn man kein Griechisch kann.

Frage: Dürfen denn auch andere Menschen von Ihrem Leid sprechen?

Krahe: Ich glaube, ja.

Frage: Sie zögern ein wenig.

Krahe: Weil ich streng genommen, so könnten es manche Menschen sehen, an meiner Erblindung und später an meiner Organtransplantation selbst schuld bin. Ich hatte Diabetes und habe mich nicht an die Essensregeln gehalten. Ich habe das einfach nicht geschafft. Selbst schuld, könnte man also zu Recht sagen. Ich konnte nur weiterleben, weil mir zwei gespendete Organe transplantiert wurden. Jemand musste sterben, damit ich weiterleben konnte. So wurden mir 30 weitere Lebensjahre geschenkt. Verdient? Ich weiß es nicht.

Frage: Spüren Sie eine Verantwortung, heute möglichst gesund und dankbar zu leben?

Krahe: Ich weiß, dass mir Leben geschenkt wurde. Aber ich weiß auch, dass ich das Leben nicht ausreizen werde. Ich denke heute viel über Sterbehilfe nach. Was passiert, wenn ich in eine Situation komme, in der ich nicht mehr leben möchte? Als transplantierter Mensch gewöhnt man sich gewissermaßen an das Risiko, wir sind überdurchschnittlich gefährdet für Infektionen und andere Krankheiten. Die Organspende war ein Geschenk. Das war das Kopfnicken Gottes: Du darfst leben. Das konnte ich mir nicht verdienen. Es war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich.

Frage: Was bedeutet grundlegend?

Krahe: Ich habe gelernt, wie es ist, in einer ständigen Bezogenheit zu Menschen zu leben, auch in Abhängigkeit. Das habe ich in meinem ersten Leben total unterschätzt und vernachlässigt.

Frage: Sie haben Theologie studiert, wollten aber von Anfang an an der Universität bleiben. Ist Ihr Glaube sehr verkopft?

Krahe: Könnte man so sagen. Ich fühlte mich immer schon am wohlsten, wenn ich an einem Schreibtisch sitze. Ich mochte auch diese Sonderwelt der Wissenschaft. Ich wäre wohl keine gute Pfarrerin geworden. Ich hatte nie einen engen Bezug zu einer Kirchengemeinde, abgesehen von meiner Jugendzeit. Die Rituale und Liturgie in Gottesdiensten blieben mir fremd bis heute. Ich möchte kein Handauflegen, keine Segnung. Ich möchte eine echte Predigt hören, mehr eigentlich nicht.

"Gott ist keine Kuscheldecke"

Frage: Hat sich in Ihrem Glauben nie etwas verändert? Auch nicht durch Ihre Leidenserfahrungen?

Krahe: Nein.

Frage: Wie kann das sein?

Krahe: Für mich war Gott immer schon ambivalent. Er hat rätselhafte Seiten. Viele Leute haben mich immer wieder gefragt, ob ich nicht denke: Warum ausgerechnet ich? Dann habe ich immer gesagt: Warum denn nicht ich? Wenn Gott nur das ist, was Geborgenheit verschafft, dann stimmt doch etwas nicht. Gott ist keine warme Wohnung oder eine Kuscheldecke. Er hat eben auch andere Seiten. Ich finde es sehr wichtig, dass man mit Gott kämpfen kann. Man kommt sich im Kampf sehr nahe.

Frage: Wird Gott zu oft als Kuschelgott verstanden?

Krahe: Zumindest hört man oft: Gott ist, wo ich mich geborgen fühle. Margot Käßmann hat mal gesagt: Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Ich würde sofort widersprechen. Man kann nämlich aus dieser Hand rausfallen, durch sie hindurchfallen.

Frage: War die Zeit Ihres Erblindens nie ein Ringen mit Gott? Sie hätten Ihre Erblindung ja auch als Strafe empfinden können.

Krahe: Zu erkranken oder zu erblinden, das hat doch mit meinem Glauben nichts zu tun. Glaube lohnt sich nicht vordergründig. Niemand bleibt verschont, nur weil er gläubig ist. Man sollte auch nicht denken, dass ein Mensch nur glauben muss und schon verliert er seine Angst. Ich bin Theologin und hatte mehrfach Todesangst. Im Johannesevangelium heißt es: "In der Welt habt ihr Angst. Ich aber habe die Welt überwunden." Das ist wichtig: Gott hat nicht die Angst überwunden, sondern die Welt. Das Menschliche, die Angst, ist ihm nie fremd geworden. Glaube kann widerstandsfähiger machen, aber er lohnt sich nicht.

Frage: Welchen Ihrer Sinne beansprucht der Glaube heute am meisten?

Krahe: Den Tastsinn. Als blinder Mensch muss ich die Welt anfassen, um sie überhaupt wahrzunehmen. Wenn man nichts sieht, muss man alles anfassen, umarmen. Das ist auch bei meinem Glauben so. Ich habe die Unsichtbarkeit Gottes am eigenen Leibe kennengelernt und gebe bis heute nicht auf, ihn im leeren Raum um mich herum zu begreifen.